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Blick in die Vergangenheit: Anstifter verzweifelt gesucht

Jugendkultur ist seit Generationen verdächtig.

12. März 2009: Einen Tag, nachdem Tim K. in Winnenden 16 Menschen erschossen hat, meldet die Polizei, in seinem Zimmer Horrorfilme und Videospiele gefunden zu haben, darunter den Egoshooter "Counterstrike". Innenminister Schäuble erwägt, den Zugang zu Gewaltdarstellungen zu beschränken. In seiner Trauerrede spricht sich auch Bundespräsident Köhler für die Einschränkung von Gewaltfilmen und -spielen aus. Das gebiete "der gesunde Menschenverstand".

März 2009:Zwei Skinheads, 19 und 20, stehen in Chemnitz vor Gericht. Sie haben 2008 mit einem jüngeren Jugendlichen Gewaltszenen aus dem preisgekrönten Film "American History X" nachgestellt. Sie zwangen den Jungen, in den Bordstein zu beißen und traten dann gegen seinen Kopf. "Das Übelste an Menschenverachtung und Brutalität, was uns je untergekommen ist", sagt der Richter.

Juni 2002: Ein US-Gericht bestätigt, dass Oliver Stones "Natural Born Killers" Gewalt verherrliche, aber die Täter nicht zu ihrer Tat angeregt habe. Hintergrund: Die Kassiererin Patsy Byers war 1995 überfallen worden, nach der Tat ist sie gelähmt. Die Familie hatte den Filmverleih auf 20 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt.

April 2002: Nach Robert Steinhäusers Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium wird über ein Verbot der US-Band Slipknot diskutiert. Das Nachrichtenmagazin Spiegel zitiert aus Texten der Gruppe, die in Horrormasken auftritt: "Ich will dir die Kehle durchschneiden und die Wunde ficken." Steinhäuser hat die Musik gehört.

April 1999: Der Rocker Marilyn Manson sagt nach dem Schulmassaker von Littleton einige Konzerte ab. Die Amokläufer hatten seinen Gothic Rock gehört, der Musiker hat sich nach Charles Manson benannt, einem Sektenführer, der 1969 den Auftrag gab, die Schauspielerin Sharon Tate und mehrere andere Menschen zu töten. Marilyn Manson wehrt sich dagegen, dass Politiker und Medien ihn zum Sündenbock machten.

März 1996: Ein 14-Jähriger verkleidet sich in einem bayerischen Dorf wie die Figur Jason aus dem Horrorfilm "Jason X", geht mit einem Messer auf eine Nachbarin los und spaltet seiner 10 Jahre alten Cousine mit einer Axt den Schädel. Die Tat, urteilt das Landgericht Passau, sei "wesentlich durch den Konsum von Horrorvideos beeinflusst" worden.

8. Dezember 1980: John Lennon wird vor seiner New Yorker Wohnung von Mark David Chapman erschossen. Chapman, der in psychiatrischer Behandlung war, hatte direkt vor der Tat den 1951er Roman "Der Fänger im Roggen" von J.D. Salinger gekauft, von dem er seit seiner Kindheit besessen war. Vor Gericht sagte Chapman, in dem Buch die Aufforderung gelesen zu haben, eine Berühmtheit töten zu müssen.

November 1811: Der Dichter Heinrich von Kleist erschießt am Berliner Wannsee seine Freundin Henriette Vogel und sich selbst. Vogel hatte dem Freitod zugestimmt. Der Göttinger Medizinprofessor Friedrich Benjamin Osiander macht Romane für solche Taten verantwortlich. Vogel sei "ein durch Romanlectüre verbildetes Frauenzimmer" gewesen.

Nach 1774:Goethe wird vorgeworfen, mit seinem "Leiden des jungen Werther" eine Selbstmordwelle ausgelöst zu haben. So hatte die Stadt Leipzig die Verbreitung des Buchs verboten, weil es sich um eine "Empfehlung des Selbst Mordes" handele. In der Psychologie wird das Phänomen von "medial vermittelten Nachahmungs-Suiziden" bis heute Werther-Effekt genannt.

Datum:  27 | 3 | 2009
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