Kann ich die Umstellung auf die „Chronik“ nicht doch verhindern?
Nein.
Wann ist es endgültig soweit
Facebook spricht davon, die Chronik werde „in den nächsten Wochen für alle Nutzer weltweit verfügbar sein“. Der zum Teil in Medien kolportierte Stichtag 1. Februar sei falsch, betont die deutsche Facebook-Sprecherin Tina Kulow. Die Umstellung erfolgt schrittweise und kann auch für Nutzer in Deutschland zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten wirksam werden.
Woran erkenne ich, dass mein Profil umgestellt wurde?
Nach erfolgter Freischaltung finden die Nutzer einen Hinweis auf ihrer Startseite. Sie werden dann zu einer „Chronik-Tour“ eingeladen. Auf dieser werden das neue Layout und die möglichen Einstellungen vorgestellt. So hat etwa jede Profilseite nun ein Titelbild, das fast über die gesamte Breite des Bildschirmes geht und ausgewählt werden muss. Die Beiträge und Kommentare werden in zwei Spalten angeordnet, was viele Umsteller im ersten Moment als gewöhnungsbedürftig und unübersichtlich empfinden.
Werden andere Inhalte in meinem Profil sichtbar als vorher?
Nein. Facebook übernimmt die Grundeinstellungen für die Privatsphäre, ob ein Eintrag also grundsätzlich für alle Freunde, eine bestimmte Teilgruppe oder die gesamte Öffentlichkeit sichtbar ist. Diese Einstellungen können jederzeit geändert werden, auch für einzelne Beiträge. So kann ein Foto des Nachwuchses etwa nur für Familienmitglieder freigegeben werden, ein Kommentar zur Euro-Rettung aber für alle. Solche Unterscheidungen können mit der Chronik auch rückwirkend getroffen werden.
Wieso heißt die Chronik so?
Alle Inhalte des Profils werden entlang eines Zeitpfeils dargestellt. Um etwa zu Beiträgen aus dem Jahr 2008 zu gelangen, muss der Nutzer nicht mehr ewig nach unten scrollen, sondern kann direkt auf das Jahr klicken. Damit werden ältere, freilich aber auch vergessene Inhalte viel leichter auffindbar. Facebook fordert die Nutzer auf, biografische Höhepunkte aus der Vergangenheit nachzuliefern – Fotos etwa von der Einschulung, der Abifeier oder vom Frankreich-Urlaub 1993. Außerdem sollen die Aktivitäten der Nutzer in der Chronik verzeichnet werden. Anwendungen etwa von der britischen Tageszeitung The Guardian oder vom Musik-Streamingportal Spotify notieren für alle sichtbar, was und wann der Nutzer gelesen oder angehört hat.
Wie kann ich etwas verbergen?
Nach der Freischaltung hat jeder Nutzer sieben Tage Zeit, die Inhalte seiner Chronik zu prüfen. Erst dann geht das Profil online. Sollte später Unerwünschtes auftauchen – neben jedem Posting, Link oder Foto findet sich ein Button mit der Option „Beitrag löschen“. Damit wird der Inhalt unsichtbar. Wer nicht will, dass der Facebook-Freundeskreis erfährt, was er im Guardian liest, sollte die App einfach wieder abschalten – oder solche Anwendungen einfach gar nicht erst aktivieren.
Die Wissenschaft kennt mindestens fünf Typen von fleischfressenden Pflanzen. Sie unterscheidet zwischen Pflanzen mit Klebfallen, Klappfallen, Saugfallen, Fallgrubenfallen und Reusenfallen. Die Natur ist erfinderisch, hinterhältig, fies bei der Jagd nach Beute. Genauso ist Facebook. Das neue Design Timeline ist Beweis dafür: elegant, übersichtlich, einfach zu bedienen. Das animiert Nutzer dazu, Facebook weitere Informationen in den Rachen zu werfen. Es ist doch alles ganz harmlos.
Es ist überhaupt nicht harmlos. Facebook wird immer kreativer, wenn es darum geht, an die Daten seiner Nutzer zu kommen. Davon sollte die Tatsache nicht ablenken, dass Facebook mit der Timeline vorerst keine zusätzlichen Daten gegen den Willen des Nutzers speichert, dass sich nichts an den Datenschutzbestimmungen ändert. Denn Timeline bereitet nur den Boden für das weitere Datensaugen. Woher man das jetzt schon wissen will? Ganz einfach: Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf dem Datensammeln.
Facebook strebt einen Börsenwert von 80 bis 100 Milliarden US-Dollar an. Dieses Geld liefern Investoren nur, wenn sie dafür eine Dividende erhalten. Die erhalten sie nur, wenn Facebook Gewinne erzielt. Dafür muss das soziale Netzwerk seine Mitglieder ausbeuten. Es muss Werbekunden möglichst genaue Profile liefern, Gruppen von Nutzern zusammenstellen, die sich für bestimmte Produkte interessieren: die Filme lieben, Zahnschmerzen haben, Katzenfutter kaufen, auf Weltreise gehen wollen, eine Beerdigung planen.
Je stärker Facebook wachsen, je mehr Gewinn das Unternehmen machen will, desto weiter muss es in die Privatsphäre vordringen. Timeline ist das Mittel dazu. Es ist die Aufforderung an die Nutzer, ihr Intimstes einem gewinnorientierten Konzern anzuvertrauen.
Jedem muss klar sein, was mit diesen Daten passiert, dass er darauf keine Einfluss mehr hat, sobald er sie bei Facebook abgelegt hat. Datenschutzbestimmungen von Facebook werden immer verklausulierter, trickreicher, so dass kein Nutzer mehr durchsteigt. Wir wissen nicht, was Facebook speichert, wir wissen nicht, wie Facebook speichert.
Wir wissen aber, dass Facebook Daten schon verloren hat und dass Facebook alle Daten speichert – auch die, die der Nutzer gelöscht hat. Sie sind bloß nicht mehr sichtbar.
Das neue Format Timeline ist die Kleb-Saug-Klapp-Fallgruben-Reusenfalle von Facebook. Sie sieht verlockend aus – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir uns darin verfangen. Daniel Baumann
Ich habe mich gefragt, ob die Leute nun wieder zum Fotografen gehen, so wie man früher alle paar Jahre mit der Familie ins Studio ging, weil die Oma ein aktuelles Familienfoto verlangte. Solche Dienstleistungen könnten wieder gefragt sein. Immerhin kommt man beim großformatigen Titelfoto, das bald über jeder Facebook-Profilseite steht, mit Knipsbildern aus dem Handy nicht sehr weit. Die sind für das fast bildschirmbreite Format meist zu pixelig. Vielleicht wird so auch der Absatz an Digitalkameras angekurbelt, immerhin brauchen bald allein in Deutschland rund 22 Millionen Nutzer ein Facebook-Titelfoto.
Schon die Förderung der Binnennachfrage spräche also für die neuen Profilseiten, wenn es nicht noch eine Reihe viel besserer Gründe dafür gäbe. Zunächst diesen: An den Einstellungen für die Privatsphäre ändert sich nichts. Das war in der Vergangenheit auch schon anders bei Facebook, doch diese Mal wird es nicht schlimmer, im Gegenteil: Für jedes einzelne Partybildchen, für jeden Aphorismus und für jede euphorische Hörempfehlung eines Metallica-Songs auf Youtube kann ich nachträglich entscheiden, mit wem ich das teilen oder dass ich diesen Geistesblitz doch lieber tilgen will. Diese Funktion ist ein Zugewinn an Kontrolle.
Warum gibt es dann trotzdem etwa in der Gruppe „Gegen die neue FB Chronik“ fast 44 500 Nutzer, die ihren Protest kund tun? Es gibt natürlich jene, die jedes Mal, wenn sich etwas ändert, mosern. Kann man verstehen, muss man nicht. Nachvollziehbarer ist das Argument, dass die Chronik unübersichtlich ist, weil die Beiträge in zwei Spalten angeordnet sind und Fotos stärker die Seite bestimmen. Das haben zumindest einiger meiner Facebook-Freunde angemerkt („Teleshopping-Standbild“). Mir gefällt das Layout, in dem sich die Beiträge entlang des Zeitpfeils kristallisieren und Text und Bild ergänzen – aber das ist wohl Geschmackssache.
Keine Frage des Geschmacks ist dagegen, was Facebook mit der Chronik bezweckt: Das Netzwerk will seine Nutzer dazu animieren, noch mehr über sich zu veröffentlichen. Je besser Facebook seine Kunden kennt, desto genauer kann es bestimmen, mit welcher werbetreibenden Firma es sie in Kontakt bringt. Es wäre naiv, sich diesen Zusammenhang nicht klar zu machen. Wer Fotos von seiner Hochzeitsreise 1986 in die Toskana postet, freut sich womöglich sogar über ein Angebot für eine günstige Italienreise. Doch ist niemand dazu gezwungen, Lücken in der Chronik zu füllen. Es darf weiterhin weiße Flecken in der digitalen Biografie geben. Marin Majica

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