Die Wissenschaft kennt mindestens fünf Typen von fleischfressenden Pflanzen. Sie unterscheidet zwischen Pflanzen mit Klebfallen, Klappfallen, Saugfallen, Fallgrubenfallen und Reusenfallen. Die Natur ist erfinderisch, hinterhältig, fies bei der Jagd nach Beute. Genauso ist Facebook. Das neue Design Timeline ist Beweis dafür: elegant, übersichtlich, einfach zu bedienen. Das animiert Nutzer dazu, Facebook weitere Informationen in den Rachen zu werfen. Es ist doch alles ganz harmlos.
Es ist überhaupt nicht harmlos. Facebook wird immer kreativer, wenn es darum geht, an die Daten seiner Nutzer zu kommen. Davon sollte die Tatsache nicht ablenken, dass Facebook mit der Timeline vorerst keine zusätzlichen Daten gegen den Willen des Nutzers speichert, dass sich nichts an den Datenschutzbestimmungen ändert. Denn Timeline bereitet nur den Boden für das weitere Datensaugen. Woher man das jetzt schon wissen will? Ganz einfach: Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf dem Datensammeln.
Facebook strebt einen Börsenwert von 80 bis 100 Milliarden US-Dollar an. Dieses Geld liefern Investoren nur, wenn sie dafür eine Dividende erhalten. Die erhalten sie nur, wenn Facebook Gewinne erzielt. Dafür muss das soziale Netzwerk seine Mitglieder ausbeuten. Es muss Werbekunden möglichst genaue Profile liefern, Gruppen von Nutzern zusammenstellen, die sich für bestimmte Produkte interessieren: die Filme lieben, Zahnschmerzen haben, Katzenfutter kaufen, auf Weltreise gehen wollen, eine Beerdigung planen.
Je stärker Facebook wachsen, je mehr Gewinn das Unternehmen machen will, desto weiter muss es in die Privatsphäre vordringen. Timeline ist das Mittel dazu. Es ist die Aufforderung an die Nutzer, ihr Intimstes einem gewinnorientierten Konzern anzuvertrauen.
Jedem muss klar sein, was mit diesen Daten passiert, dass er darauf keine Einfluss mehr hat, sobald er sie bei Facebook abgelegt hat. Datenschutzbestimmungen von Facebook werden immer verklausulierter, trickreicher, so dass kein Nutzer mehr durchsteigt. Wir wissen nicht, was Facebook speichert, wir wissen nicht, wie Facebook speichert.
Wir wissen aber, dass Facebook Daten schon verloren hat und dass Facebook alle Daten speichert – auch die, die der Nutzer gelöscht hat. Sie sind bloß nicht mehr sichtbar.
Das neue Format Timeline ist die Kleb-Saug-Klapp-Fallgruben-Reusenfalle von Facebook. Sie sieht verlockend aus – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir uns darin verfangen. Daniel Baumann
Ich habe mich gefragt, ob die Leute nun wieder zum Fotografen gehen, so wie man früher alle paar Jahre mit der Familie ins Studio ging, weil die Oma ein aktuelles Familienfoto verlangte. Solche Dienstleistungen könnten wieder gefragt sein. Immerhin kommt man beim großformatigen Titelfoto, das bald über jeder Facebook-Profilseite steht, mit Knipsbildern aus dem Handy nicht sehr weit. Die sind für das fast bildschirmbreite Format meist zu pixelig. Vielleicht wird so auch der Absatz an Digitalkameras angekurbelt, immerhin brauchen bald allein in Deutschland rund 22 Millionen Nutzer ein Facebook-Titelfoto.
Schon die Förderung der Binnennachfrage spräche also für die neuen Profilseiten, wenn es nicht noch eine Reihe viel besserer Gründe dafür gäbe. Zunächst diesen: An den Einstellungen für die Privatsphäre ändert sich nichts. Das war in der Vergangenheit auch schon anders bei Facebook, doch diese Mal wird es nicht schlimmer, im Gegenteil: Für jedes einzelne Partybildchen, für jeden Aphorismus und für jede euphorische Hörempfehlung eines Metallica-Songs auf Youtube kann ich nachträglich entscheiden, mit wem ich das teilen oder dass ich diesen Geistesblitz doch lieber tilgen will. Diese Funktion ist ein Zugewinn an Kontrolle.
Warum gibt es dann trotzdem etwa in der Gruppe „Gegen die neue FB Chronik“ fast 44 500 Nutzer, die ihren Protest kund tun? Es gibt natürlich jene, die jedes Mal, wenn sich etwas ändert, mosern. Kann man verstehen, muss man nicht. Nachvollziehbarer ist das Argument, dass die Chronik unübersichtlich ist, weil die Beiträge in zwei Spalten angeordnet sind und Fotos stärker die Seite bestimmen. Das haben zumindest einiger meiner Facebook-Freunde angemerkt („Teleshopping-Standbild“). Mir gefällt das Layout, in dem sich die Beiträge entlang des Zeitpfeils kristallisieren und Text und Bild ergänzen – aber das ist wohl Geschmackssache.
Keine Frage des Geschmacks ist dagegen, was Facebook mit der Chronik bezweckt: Das Netzwerk will seine Nutzer dazu animieren, noch mehr über sich zu veröffentlichen. Je besser Facebook seine Kunden kennt, desto genauer kann es bestimmen, mit welcher werbetreibenden Firma es sie in Kontakt bringt. Es wäre naiv, sich diesen Zusammenhang nicht klar zu machen. Wer Fotos von seiner Hochzeitsreise 1986 in die Toskana postet, freut sich womöglich sogar über ein Angebot für eine günstige Italienreise. Doch ist niemand dazu gezwungen, Lücken in der Chronik zu füllen. Es darf weiterhin weiße Flecken in der digitalen Biografie geben. Marin Majica

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