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10. März 2015

Facebook: Tausend Freunde, trotzdem allein

 Von 
Menschen mit Suizidgedanken fühlen sich in Internetforen oft besser verstanden als etwa bei der Telefonseelsorge (Symbolbild).  Foto: REUTERS

Mit einer neuen App will Facebook einsame und depressive Nutzer aufspüren und ihnen helfen. So sollen Selbstmordgedanken früh erkannt und die Taten selbst verhindert werden.

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Der Facebook-Status von Paul Zolezzi war unmissverständlich. „Ich bin in San Francisco geboren und habe in Brooklyn mein Leben beendet“, schrieb das 30 Jahre alte, Heroin-abhängige Model an einem Abend im Februar des Jahres 2009 auf seine Seite des sozialen Netzwerks.
Am nächsten Tag wurde Zolezzi auf einem Spielplatz in der Nähe seiner Wohnung in Brooklyn tot aufgefunden. Er hatte sich erhängt. Sein Eintrag auf Facebook hatte nur eine einzige Reaktion eines „Freundes“ erhalten. „Willst du dich wirklich umbringen oder einfach nur in Brooklyn bleiben? Ich hoffe das Erste“, schrieb der Kontakt. Bis auf den beiläufig eingetippten Eintrag unternahm der Internet-Bekannte jedoch nichts, um den Suizid zu verhindern.

Der Selbstmord von Paul Zolezzi warf alle möglichen Fragen auf – über die Tragfähigkeit und Verbindlichkeit von Internet-Beziehungen, über die Einsamkeit im Netz. Vor allem musste sich jedoch nach diesem Fall sowie Tausenden von ähnlich gelagerten die Plattform Facebook fragen, ob sie hier eine Verantwortung gehabt hätte.

Die Antwort fiel offenkundig mit „Ja“ aus. In dieser Woche stellte Facebook eine Suizid-Präventions-App vor. Der Internet-Gigant hat in Zusammenarbeit mit verschiedenen Gesundheitsorganisationen ein Werkzeug entwickelt, das dabei helfen soll, selbstmordgefährdete Nutzer zu erkennen und ihnen rasch Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die dabei helfen sollen, den tödlichen Akt zu verhindern.

Facebook ist dabei jedoch nicht das erste soziale Medium, das eine solche Hilfe anbietet. Auch die Seiten Reddit und Tumblr haben bereits Hilfen für suizidgefährdete Kunden eingerichtet. Die sozialen Medien sind zu einem bevorzugten Forum für den Austausch über Depressionen und Selbstmordgedanken geworden und die Betreiber sehen sich immer stärker in der Pflicht, darauf zu reagieren.

Expertise und Fingerspitzengefühl

Menschen mit Selbstmordgedanken wie Paul Zolezzi sehen soziale Netzwerke häufig als Möglichkeit für einen letzten Hilferuf. „Gefährdete Personen fühlen sich meistens isoliert und einsam“, sagt Jennifer Stuber, die Direktorin von „Forefront“, einer Organisation für die Entwicklung neuer Methoden in der Selbstmordprävention.

Die Tatsache, dass solche Personen die elektronischen Foren nutzen, um sich Hilfe zu suchen, so Stuber, sei eine Gelegenheit, die unbedingt genutzt werden müsse.

Die Frage, wie man diese Gelegenheit am sinnvollsten nutzt, ist allerdings nicht so leicht zu beantworten. Der richtige Umgang mit Selbstmordgefährdeten erfordert ein hohes Maß an Expertise und Fingerspitzengefühl. Wie diese beiden Dinge beim anonymen Kontakt im Internet zur Anwendung kommen können, ist bislang noch alles andere als geklärt.

Bei Reddit, dem ersten Anbieter, der auf das Selbstmord-Problem reagierte, entwickelte sich die Hilfe organisch. Auf der Website hatten sich von alleine Diskussionsforen zu dem Thema gebildet. Nutzer äußerten gegenüber anderen Nutzern offen ihre Selbstmordgedanken und bekamen Ratschläge. Viele dieser Laienbehandlungen waren jedoch eher gefährlich als hilfreich. Laura, eine Expertin, die geholfen hat, das Forum zu einer wirkungsvollen Beratung umzubauen und wegen ihrer Rolle dort anonym bleiben möchte, sagt: „Die meisten Menschen meinen es gut, machen aber alles falsch, was man falsch machen kann.“

Facebook greift stärker direkt ein

Dazu, so die Sozialarbeiterin, gehören Belehrungen nach der Art „Suizid ist selbstsüchtig“; dazu gehören strenge Ermahnungen ebenso wie erbauliche Klischees und dazu gehören auch jegliche offenen Diskussionen von Selbstmordmethoden und sei es nur zu dem Zweck, sie der betroffenen Person auszureden.

Doch Reddit wollte diese Foren dennoch nicht schließen. Menschen, die Selbstmordgedanken haben, so Laura, wenden sich an solche Foren, weil sie sich dort sicher fühlen und den Eindruck haben, verstanden zu werden. Bei traditionellen Telefon-Hotlines sei das oft nicht der Fall. So schrieb ein junger Mann auf dem Selbstmordforum von Reddit, dass er bei Hotlines nie das Gefühl hatte, es bekümmere den Freiwilligen am anderen Ende der Leitung tatsächlich. „Meistens habe ich kein Wort gesagt, weil ich gedacht habe, das interessiert den doch sowieso nicht.“

Reddit hat das Problem damit gelöst, dass es die Foren von Experten moderieren lässt. Leute die hier Hilfe suchen, dürfen schreiben, was sie möchten, doch die Antworten werden mit unsichtbarer Hand von Psychologen sorgfältig gefiltert. Bevor jemand einen Beitrag verfasst, erhält er oder sie zudem eine ganze Liste von Leitfäden und Warnungen.

Die Facebook-App greift noch wesentlich stärker direkt ein. Facebook-Nutzer, die einen bedenklichen Post sehen, können sich mittels der Suizid-App direkt an den Gefährdeten wenden, andere „Freunde“ einschalten oder sich an eine Hotline wenden. Ein Expertenteam von Facebook entscheidet dann, ob und gegebenenfalls welche Art von Intervention angemessen ist.

„Es geht um Leben und Tod.“

Diese Praxis weckt natürlich bei Facebooks wenig vertrauenswürdigem Umgang mit persönlichen Daten Skepsis. So gibt Facebook selbst zu, dass es durchaus passieren könne, dass einmal ein Nutzer fälschlicherweise als selbstmordgefährdet gemeldet wird. Doch man tue sein Bestes, lässt das Unternehmen wissen, die Moderatoren so gut wie möglich auszubilden.

Experten glauben derweil, dass in diesem Fall die Vorbehalte gegenüber Facebook unangebracht sind. „Facebook hat eine Verpflichtung hier etwas zu tun“, sagt Pamela Rutledge, Direktorin eines Forschungszentrums für Medienpsychologie in Kalifornien. „Es ist wie in der Schule. Wenn ein Lehrer das Gefühl hat, dass ein Schüler missbraucht wird, dann muss er das melden. Es geht hier schließlich um Leben und Tod.“

Letztendlich unterstreicht das Thema Selbstmord jedoch nur, was man ohnehin über die sozialen Medien vermutet hatte. „Die Facebook App ist ein gutes Werkzeug“, sagt Lis Horowitz, Forscherin am nationalen Institut für geistige Gesundheit. „Aber den direkten menschlichen Kontakt kann sie nicht ersetzen.“ Wer Freunde oder Verwandte hat, die auf Facebook oder an anderen Stellen im Internet bedenkliche Dinge äußern, tut immer noch besser daran, sie einfach anzusprechen, anstatt eine App zu benutzen.

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