Unter uns liegt das Forum Romanum, einst das politische Zentrum des römischen Weltreiches. "Da müsste eigentlich eine Menschenmenge stehen", meint Hellenkemper. In der Tat: Leben sucht man vergebens im virtuellen Rom des Jahres 320 n. Chr. Hier streunen keine Hunde durch die Straßen, kein Bettler hält bittend seine Hand auf, kein Senator in weißer Toga schreitet die Stufen zum Kapitol hinauf. "Was noch fehlt, ist etwas Wärme", findet Hellenkemper. Wärme, die aus dem perfekten Baukasten-Modell eine lebendige Stadt machen könnte. Derzeit wirkt "Rome Reborn" eher wie der sterile Entwurf eines Architekturbüros denn wie die Nachbildung vergangenen Lebens. Auch jegliches Grün fehlt, obwohl man aus antiken Texten weiß, dass es schon damals angelegte Gärten gab. Die römischen Villenbesitzer waren mächtig stolz darauf; mehr noch, sie veranstalteten regelmäßig Wettbewerbe um den schönsten Garten von Rom.
Ein weiterer Minuspunkt: Man suggeriere "die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen": Keine Stadt befinde sich in einem solch perfekten baulichen Zustand wie dem hier gezeigten, kritisiert Hellenkemper. "Da müsste der eine oder andere Bauschaden zu sehen sein", eine Ruine vielleicht, ein Gerüst, das sich an ein halbfertiges Haus lehnt. "Bis dieses Bildlesebuch allen Ansprüchen Rechnung tragen kann", vermutet Hellenkemper, "werden noch zwei bis drei Jahre vergehen."
Dennoch: Das Ansinnen, einen uralten Menschheitstraum zu verwirklichen, also das Eintauchen in vergangene Zeiten, sei löblich. Und - es ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert versuchten Maler wie der Niederländer Lawrence Alma-Tadema, die Antike in "Lebensbildern" einzufangen und dem Betrachter eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie der Alltag damals ausgesehen haben könnte.
"Von den Lebensbildern", sagt Hellenkemper, "ging der Weg direkt zum Film, zu Werken wie ,Metropolis', ,Ben Hur' und ,Gladiator'", in denen man sich bemüht habe, die Vergangenheit so präzise wie möglich nachzuempfinden.
Längst sind auch andere antike Städte digital aufgearbeitet, Xanten beispielsweise, Carnuntum an der Donau, vor 2000 Jahren von dem Feldherrn Tiberius gegründet, sogar Köln, die römische Colonia Claudia Ara Agrippinensium - soweit das trotz des nicht sehr umfangreichen Forschungsmaterials möglich ist. Die "Visualisierung des Römischen Köln" ist ein Forschungsprojekt des Archäologischen Instituts der Kölner Universität und der Fachhochschule Design.
Noch sind nicht alle Urheberrechte geklärt, doch das 3-D-Modell soll in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Projekte wie diese, sagt Hellenkemper, seien eine Chance, "unser Wissen und unsere Vorstellungen zu überprüfen".
Und Hellenkemper selbst? Der Museums-Direktor würde sich gern ein wenig in der Zeit des Kaisers Trajan umsehen (53 bis 117 n. Chr.). Aus reiner Neugierde, versteht sich. "Mich interessiert, wie Reichspolitik gemacht wird, wie politische Entscheidungen getroffen werden, welche Kommunikationswege es gibt. Also: ein bisschen zuhören, wie so ein Weltreich funktioniert." Mal sehen, wann dieses Zeitziel angeflogen werden kann.

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