Wenn Kathrin Ganz den Browser öffnet, kriegt sie den Hass der Netzgemeinde zu spüren. „Du bist nichts weiter als ’ne dumme Schlampe die mit ihrer Armee aus Kommentarnutten ihre Gehirnkotze in die Blogs pisst“, schreibt ein gewisser Gipsnacken. Bis zu fünf solcher hasserfüllter Posts bekommt Ganz täglich, andere User sind ähnlich ausfallend.
Immerhin: Mit den Kommentaren ist nicht sie persönlich gemeint. Ganz sammelt die Hasskommentare von mehr als 60 Bloggern auf ihrer Seite hatr.org. 2011 hat sie das Blog mitbegründet und mittlerweile fast tausend Kommentare veröffentlicht. Mit ihrem Projekt, will sie die verkommene Kommentarkultur in Deutschland dokumentieren.
„Vor hatr.org hatten Blogger nur zwei Möglichkeiten: Die Beschimpfungen auf ihrem Blog stehen zu lassen oder sie zu löschen und Zensur vorgeworfen zu bekommen“, sagt sie. „Für die Blogger ist es ein gutes Gefühl, dass auf hatr auch diese Seite des Internets sichtbar gemacht wird und sie mit dem Problem der Trolle nicht alleine sind.“
Trolle, so nennt die Bloggerszene Querulanten, die Diskussionen im Netz aufmischen. Anonym oder unter Klarnamen versuchen sie, Debatten zu lenken oder zu sabotieren. Zu einem digitalen Mob verbündet, entsteht in Foren, auf Blogs und auf Nachrichtenseiten häufig eine Pöbel-Dynamik, der vor allem private Betreiber von Blogs oder Webseiten häufig nicht mehr gewachsen sind.
Blogger, in deren Kommentarlisten Trolle ihr Unwesen treiben, können sich bei hatr.org registrieren und anschließend ein Plug-in installieren, mit dem sie diskriminierende Kommentare melden. Die meisten angemeldeten Blogger schreiben über Themen wie Feminismus, Rassismus und Homosexualität – Themen, die Provokateure geradezu anziehen. Da die Blogger beleidigende Inhalte nicht auf ihren Seiten stehen lassen wollen, schicken sie sie zu hatr.org.
Bevor sie dann unter der Überschrift „das Letzte“ veröffentlicht werden, kontrollieren abwechselnd Kathrin Ganz und ihre vier Kollegen die Einträge. „Ein paar Kommentare sind so krass, dass auch wir sie nicht veröffentlichen. Das sind dann zum Beispiel sehr ausformulierte Gewaltfantasien“, sagt Ganz, die gerade über das Thema Netzbewegungen promoviert.
Alle Kommentare mit rassistischem Inhalt werden anonymisiert und ohne Kontext veröffentlicht. Kritiker bemängeln, dass so die Zusammenhänge fehlen und kritische Anmerkungen zu Bloggern gleich als Hasspost abgestempelt werden. Kathrin Ganz gibt zu, dass manche Blogger auch Kommentare schicken, über die sie sich einfach geärgert haben. „Aber wenn nicht ersichtlich ist, warum etwas bei uns gelandet ist, schalten wir es auch nicht frei“, sagt sie.
Pro Monat kommen durchschnittlich 2500 Besucher auf die Website. Mit Werbung und dem Spendensystem Flattr nimmt Kathrin Ganz Geld ein, das für soziale Projekte gespendet werden soll – so wird der Hass produktiv und der Spieß umgedreht. Vorbild für dieses Modell ist die Seite „Monetizing the hate“ der US-amerikanische Bloggerin Heather B. Armstrong. Hier veröffentlicht sie Beschimpfungen, die nicht auf ihrem Blog stehen sollen. Auf dem Gender-Camp 2010, einer Tagung zu den Themen Feminismus, Netzkultur, Netzpolitik und Gender, wurden die hatr-Gründer von dieser Idee inspiriert und starteten ihr eigenes Blog.
Im Kreis sogenannter Maskulisten hat sich das Projekt hatr längst herumgesprochen. Anhänger der Bewegung, die für Männerrechte und gegen den Feminismus kämpft, wüten in feministischen Foren besonders stark. „Manchmal schreiben Leute unter ihre Kommentare ‚Das kannst du ja dann auf hatr stellen‘, weil sie schon wissen, dass es nicht freigeschaltet wird“, sagt Ganz.
Durch ihre Erfahrungen mit dem eigenen Blog ist Ganz an die brutale Kommentarkultur im Netz gewöhnt. Nur wenn ihr „Dauerkandidaten“ auffallen, die sich wochenlang auf Blogs rumtreiben, wird sie nachdenklich: „Mir geht es nahe, wenn ich merke, das ist immer derselbe. Dann frage ich mich schon, was das für eine Existenz ist, wenn man den ganzen Tag nur Hass verbreitet.“
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