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Internet-Protest in den USA: Ein Tag ohne Weltwissen

Als Protest gegen ein geplantes Gesetz, streiken in den USA Websites wie die Wikipedia für einen Tag - und zeigen den Internetnutzern, welche Auswirkungen die Gesetze haben könnten.

        

Für viele Amerikaner ist Wikipedia nicht mehr wegzudenken.
Für viele Amerikaner ist Wikipedia nicht mehr wegzudenken.
Foto: dpa
New York –  

Dara Kiese ist in der heißen Phase ihrer Dissertation, der Abgabetermin sitzt ihr im Nacken. Deshalb hat die Kunsthistorikerin auch laut geflucht, als sie in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ab Mitternacht auf einigen Internetseiten nur noch Fehlermeldungen bekam. Es waren Internetseiten, die sie zuvor regelmäßig besuchte. Sie wollte während des Schreibens Bilder vergleichen. Doch plötzlich ging nichts mehr. „Das wirft mich wahrscheinlich um mindestens einen ganzen Tag zurück“, sagt Dara Kiese und ist richtig sauer.

Diese Reaktion ist wahrscheinlich genau das, was sich die Internetanbieter in den USA am Mittwoch gewünscht haben. Recherchehilfen von Reddit über Boing Boing bis hin zu Wikipedia schlossen für 24 Stunden ihre Pforten, um Verbrauchern klar zu machen, was sie verlieren, wenn der Kongress in Washington seine umstritten Urheberrechtsgesetze SOPA (Stop Online Piracy Act) und PiPa (Protect IP Act) verabschiedet.

Freiwillig und ehrenamtlich

Der Name Wikipedia setzt sich zusammen aus den Wörtern wiki (dem hawaiianischen Begriff für schnell), und encyclopedia (dem englischen Wort für Enzyklopädie).

Das Ziel von Wikipedia ist der Aufbau einer Enzyklopädie durch freiwillige und ehrenamtliche Autoren.

In deutscher Sprache wurde Wikipedia im März 2001 gegründet.

1 345 323 Artikel gibt es bereits. Damit ist die deutsche Ausgabe die zweitgrößte von 59 Ausgaben weltweit.

Die Original-Ausgabe in englischer Sprache enthält mehr als 3,8 Millionen Artikel.

Lizenzfrei und kostenlos kann das Angebot von Wikipedia genutzt und kopiert werden, solange der Autor und die Herkunft als Quelle genannt werden.

Unter SOPA könnten die Inhaber von Urheberrechten sich beim Gesetzgeber beschweren, wenn Webseiten ohne Erlaubnis von ihnen generierte Inhalte benutzen. Der Staat hätte dann das Recht, diese Seiten sofort vom Netz zu nehmen.

Website-Betreiber fürchten das Schlimmste

Die Betreiber verschiedenster Internetseiten befürchten nun, dass das für sie in einer Katastrophe enden könnte. „Wir haben mehr als ein Jahrzehnt damit zugebracht, die größte Enzyklopädie in der Geschichte der Menschheit aufzubauen“, schrieb Wikipedia auf seiner ansonsten geschwärzten Homepage. „Jetzt zieht der Kongress ein Gesetz in Erwägung, welches das freie und offene Internet tödlich bedroht.“

Der Chefredakteur von Boing Boing, Rob Beschizza, war sich ebenfalls sicher, dass das neue Gesetz das Aus für seine Seite bedeuten würde. „Das Problem ist, dass die Maßnahmen so weitreichend wären, dass wir in leichtfertigen Klagen ersticken würden.“

Die Gegner der Gesetze behaupten, es würde das Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung beschränken. „Das ist ein ganz klarer Fall der Verletzung des ersten Verfassungszusatzes“, sagte Ben Huh, Gründer des erfolgreichen Portals Cheezburger, das ebenfalls am Mittwoch vom Netz ging. Das Urheberrecht der Inhaltsgeneratoren, meinte Huh, sei bereits ausreichend geschützt.

"Internetgemeinde verteidigt das Copyright"

Die Praxis von Seiten wie seiner oder von Wikipedia oder YouTube bezeichnete er als „fair use“, ein legaler Begriff, unter dem beispielsweise das Recht zu zitieren geschützt ist.

Wikipedia-Chef Jimmy Wales stimmte Huh zu, dass das Urheberrecht im Internet bereits ausreichend geschützt sei. „Die Internetgemeinde verteidigt das Copyright leidenschaftlich. Wir haben sehr strenge Regeln und Praktiken. Die andere Seite wird es so darstellen, als würde jeder, der sich gegen dieses Gesetz wendet, Piraterie befürworten. Das ist einfach nicht wahr.“ Das Problem sei, dass das Gesetz missachte, wie das Internet funktioniere und viel zu tief eingreift. „Wir müssten beispielsweise jeden Link zu einer Seite löschen, die möglicherweise geschütztes Material verwendet“, sagte Wales. „Das wäre völlig unmöglich.“

In der Zwischenzeit rüstete sich Amerika für einen Tag ohne seine beliebtesten Recherchemittel. Allerorten waren Ratgeber zu finden, wie man ohne Wikipedia überleben kann.

Ausnahmsweise die Originalquelle anschauen

Die Washington Post riet zu so offensichtlichen Dingen, wie bei einer Suche mit Google einfach am Link zu Wikipedia vorbei zu scrollen und sich ausnahmsweise die Originalquellen anzuschauen, die ansonsten in Wikipedia zusammengefasst sind. Ein anderer Vorschlag war, ins Regal zu greifen und eine echte Enzyklopädie hervorzuholen. Das hätte sogar einen gewissen Kult-Faktor: „Das ist so ähnlich wie Vinyl zu hören.“

Die Medienseite mediate, die beim Boykott nicht mitmachte, verwies auf andere Nachschlagewerke im Internet, die bislang weniger populär waren, wie etwa everything2 oder Scholarpedia. Der Geheimtipp des Tages war jedoch ein kostenloses 30-Tage Probeabo der Encyclopedia Brittanica.

Bibliothek statt Wikipedia

Elisabeth Bierschneider, Kommunikationschefin einer großen Rechtsanwaltsfirma in New York, sagte, sie werde am Mittwoch Wikipedia schmerzlich vermissen. Sie benutze die Seite häufig dafür, während Telekonferenzen mit den Anwälten der Firma schnell Dinge nachzuschauen, zu denen ihr die Spezialkenntnis fehlt. Am Mittwoch stand auf ihrem Terminkalender eine Sitzung mit den Immobilien-Fachanwälten der Firma: „Ich schätze mal, ich werde da ziemlich still sein.“

Am schlimmsten war für sie jedoch der Ausfall, weil ihre elfjährige Tochter am Abend für die Schule ein Projekt über die Geschichte der Raumfahrt machen musste. „Das wird eine echte Krise. Ich befürchte, wir müssen so etwas Absurdes tun, wie eine Bibliothek benutzen.“

Autor:  Sebastian Moll
Datum:  19 | 1 | 2012
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