kalaydo.de Anzeigen

Internetsperren: Politiker unterstützen Netzaktivistin

Franziska Heine hält vor dem Petitionsausschuss ein souveränes Plädoyer gegen Netzsperren und für "rechtsstaatliche Vernunft". Siegfried Kauder gibt den Buhmann. Von Sebastian Gehrmann ( Mit Video)

Sie initiierte die Online-Petition gegen Internetsperren, die von 130.000 Menschen unterschrieben wurde: Franziska Heine.
Sie initiierte die Online-Petition gegen Internetsperren, die von 130.000 Menschen unterschrieben wurde: Franziska Heine.
Foto: dpa

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages tagt in der Regel hinter verschlossenen Türen. Am Montag aber wurde er zur Bühne. Das Publikum auf den Rängen applaudierte mitunter kräftig, die Hauptdarstellerin wusste um die Sympathien der meisten Parteien - und diese auch zu nutzen - und ein Obmann der CDU mimte den Buhmann und das Thema wird eines von immer absurderer Gestalt.

Mehr als 130.000 Menschen hatten im Vorfeld die Online-Petition der Franziska Heine gegen das Zugangserschwerungsgesetz unterzeichnet. Kurz gesagt: Sind sie gegen Internetsperren. Eine öffentliche Sitzung war deshalb nötig und sehr spät terminiert worden - ausgerechnet auf den Tag, an dem die umstrittenen Paragraphen im Bundesgesetzblatt erschienen. Am Dienstag tritt es damit in Kraft. Die Debatte nimmt weiter an Fahrt auf.

Petitionsausschuss

Jeder Bürger hat das Recht, sich schriftlich mit Bitten und Beschwerden an den Bundestag zu wenden. Das ist im Grundgesetz, Artikel 17, festgeschrieben. Einzelsteller oder Gemeinschaften können demnach Petitionen per Brief, Postkarte, Fax oder ein Online-Formular einreichen.

Wird eine öffentliche Petition von allgemeinem Interesse innerhalb von drei Wochen von mindestens 50000 Menschen befürwortet, wird sie im Petitionsausschuss beraten. Der Antragsteller wird eingeladen und hat Rederecht.

Der Ausschuss befasste sich 2009 mit rund 17000 Bitten und Beschwerden, gut ein Viertel richtete sich an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Knapp fünf Prozent aller Anliegen wurden entsprochen.

Denn zugleich wird das Bundesinnenministerium das Bundeskriminalamt (BKA) per Anwendungserlass auffordern, Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten löschen, nicht aber sperren zu lassen und auch keine Listen mit bedenklichen Seiten an die Provider zu schicken. Der Aufschrei gegen die geplanten Stoppschilder und BKA-Listen war im Word Wide Web besonders laut gewesen. Das BKA soll auch bereits bestehende Sperrverträge mit fünf großen Providern kündigen, wobei einige durch das Zugangserschwerungsgesetzes bereits automatisch ungültig seien.

Dass das Gesetz künftig also nur in Teilen angewendet wird, ist demnach allemal ein Erfolg. Doch nicht nur die Opposition hält dieses Vorgehen für verfassungsrechtlich höchst bedenklich. Schon im schwarz-gelben Koalitionsvertrag hatte man sich auf die "Light-Version" geeinigt, zudem beschlossen, nach einem Jahr und nicht, wie ursprünglich geplant, erst 2012 die Auswirkungen der neuen Rechtslage zu evaluieren. Doch vielleicht wird es dazu gar nicht mehr kommen.

"Gefährliche Symbolpolitik"

Denn wieder wird deutlich: Kaum einer will das Gesetz, viele gratulierten Petentin Heine zu ihrer Initiative. Ausführlich und für manchen überraschend souverän hatte die zuvor für ihr Anliegen geworben. Von "gefährlicher Symbolpolitik" sprach sie, davon, "dass mit technischen Mitteln soziale Probleme nicht zu lösen sind". Die per Gesetz beschlossenen Maßnahmen seien "unwirksam, unnötig und wenig transparent".

Am Ende ihrer Ausführungen forderte sie eine "überparteiliche Koalition der rechtsstaatlichen Vernunft", die das Zugangserschwerungsgesetz, "dieses schädliche Instrument", vor einer Woche von Bundespräsident Horst Köhler nach langem Zögern erst unterschrieben, "aus der Welt zu schaffen". Da gab es viel Applaus und über Twitter die ersten Kurzmeldungen direkt aus Saal 900, 4. Stock, Paul-Löbe-Haus, Berlin: "Die Frau ist großartig".

Allein die CDU in Person von Siegfried Kauder versuchte Heine argumentativ in die Enge zu treiben, jedoch ohne Erfolg. Immerhin war es die ehemalige Familienministerin und Parteifreundin Ursula von der Leyen, die das umstrittene Gesetz unbeirrt durch die Instanzen trieb und seitdem unter Netzaktivisten den wenig schmeichelhaften Beinamen Zensursula trägt. Ob sie irgendwelche neuen Argumente gegen das Gesetz vorzubringen habe, wollte Kauder wissen. Selbst verteidigen musste sich Heine nicht, das übernahm Klaus Hagemann (SPD); "Wir sind hier nicht bei Gericht."

Auffällig bemüht war vor allem die Opposition darum, Stichwortgeber für eine Frau zu sein, die zunehmend selbstbewusster ihre Argumente gegen das Netzsperren-Gesetz stellte und es nicht versäumte, bei passender Gelegenheit auch auf die Folgen der Novellierung des Jugend-Medienschutzgesetzes hinzuweisen. Das, sagte Heine der Frankfurter Rundschau, "ist noch gefährlicher als dieses Gesetz und auch dagegen werden wir uns wehren."

Neues Lösch-Gesetz

Und so wurde im Petitionsausschuss, der, so Konstantin von Notz (Grüne), "von so einer großen Öffentlichkeit begleitet wurde, das ist schon einmalig", eine Diskussion vorweggenommen, die am Donnerstag so im Bundestag laufen wird. Dann debattieren die Abgeordneten über die drei Anträge von SPD, Linken und Grünen, das umstrittene Zugangserschwerungsgesetz mit einem Aufhebungsgesetz gleich wieder einzustampfen. "Es war ein Fehler, an dem Gesetz mitzuwirken", gestand Stefan Schwartze (SPD). "Wir haben unsere Position grundsätzlich geändert."

Bis es zu einem Aufhebungsgesetz kommt, dürfte es eine Weile dauern, und auch der Beratungsprozess im Petitionsausschuss wird sich ziehen. Franziska Heine sprach dennoch von "einem Erfolg", während den Netzaktivisten neues Ungemach droht. Die Regierung kündigte ein neues Internet-Lösch-Gesetz an. Die Planungen dafür laufen bereits auf Hochtouren, doch einen ersten Entwurf wollte die Regierung am Montag nicht präsentieren. Max Stadler, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium, sagte, "so schnell ist die Regierung auch wieder nicht."

Es hätte die absurde Geschichte des Zugangserschwerungsgesetz nur noch weiter auf die Spitze getrieben, wenn am Tag vor in Kraft treten bereits der Nachfolger öffentlich formuliert gewesen wäre.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  22 | 2 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus dem WWW und Tipps zum Computer-Kauf; Wissenswertes über
iPhone, iPad & Co


FR @ Social Media

 

Wir informieren Sie auch in den Sozialen Netzwerken - in Facebook, Twitter und Google+. Schauen Sie, was Ihre Facebook-Freunde auf FR-Online empfehlen - und verfolgen Sie unseren Twitter-Ticker:

Anzeige

 
Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

FR @ Handy

Ob Büro, Biergarten oder Badesee: Die "Frankfurter Rundschau" ist auf dem Handy immer dabei - mit vielen Sport-Livetickern.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Meistgeklickt
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Eintracht Frankfurt gegen Fortuna Düsseldorf 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Die Innenminister Tschechiens, Jan Kubice (links im Bild) und Deutschlands, Hans-Peter Friedrich, wollen gemeinsam gegen den Drogenschmuggel kämpfen.
Innenministergipfel zu Crystal 
Facebook
Weblog

Hier wird das alte Frankfurt lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundinformationen rund um die Frankfurter Stadtgeschichte.

Weblog

Ob mit Bahn oder Auto, Fahrrad oder zu Fuß - Pendler leiden jeden Morgen und Abend geduldig. Bisher. Nun reden sie. Im FR-Pendlerblog.

Weblog

Er ist Ihr Mann in der FR-Redaktion: Bei Bronski zählt Ihre Meinung. Diskutieren Sie online mit.