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Online: Die Bank der Erinnerungen

Vier italienische Studenten erfanden ein "Zeitzeugen-YouTube" - jetzt gibt es eine deutsche Version.

Als Takahiro Moriyama 15 Jahre alt war, sah er in Japan ein Foto von Heidelberg, verliebte sich in die Stadt und beschloss, dort zu studieren. Obwohl ihn seine Eltern dazu zwingen wollten, in Japan zu bleiben, reiste er mit 19 per Zug über Russland nach Deutschland und landete schließlich nicht in Heidelberg, sondern in Bonn, wo er Medizin studierte. Nebenbei jobbte er als einziger Mann unter Frauen in einer Miederfabrik, schenkte seinen Freundinnen geklaute Dessous und wurde später Gynäkologe. "Ich mag Frauen", sagt er, "darum bin ich ja Frauenarzt geworden."

Das Video, in dem Moriyama seine Lebensgeschichte erzählt, findet sich bei www.memoro.org - einer Website, die sich die "Bank der Erinnerungen" nennt, und auf der Menschen ab 68 in kurzen Clips aus ihrem Leben erzählen. Ursprünglich stammt die Idee aus Italien, wo vier Studenten im Februar eine gemeinnützige Firma gründeten, um Alltagserinnerungen aufzuzeichnen. Seit kurzem ist auch die deutsche Website online. Eine US- und die britische Version folgen bald.

Dass das Internet das ideale Medium zur Aufbereitung von Zeitgeschichte, beweisen nicht nur die unzähligen privaten Seiten, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten oder den Nischen der Geschichtsschreibung widmen. Auch kommerzielle Anbieter haben das Potenzial der Zeitzeugen erkannt: Spiegel Online etwa sammelt in seinem Portal "Eines Tages" seit einem Jahr Texte und Fotos von Usern und garniert sie mit redaktionellen Inhalten. Zu den Videoportalen gehört neben der "Bank der Erinnerungen" auch die Seite Memoloop aus Köln. Dort kann jeder sein Leben in Text, Bild und Ton entlang einer Zeitleiste festhalten - allerdings ist die Website anmeldepflichtig und richtet sich eher an die Familie oder Freunde. In den USA sammelt "StoryCorps" Alltagsgeschichten als Tonaufnahme. Demgegenüber ist die Bank der Erinnerungen eher eine Mischung aus Senioren-Portal und Youtube - mit dem Vorteil, dass die Videos nicht nur die Geschichten, sondern auch Stimme, Aussehen, Mimik und Gestik der Erzähler festhalten. "Das Projekt ist ein Weg, Senioren ans Internet heranzuführen", findet Nikolai Schulz, der Verantwortliche für die deutsche Site. Schulz, 48, bietet in München freiberuflich Computerkurse für Senioren an und lädt sie dabei ein, Erinnerungen auszutauschen. Trotzdem sei Memoro.de keine reine Senioren-Site. "Wir wollen auch Jugendliche erreichen, die hier das Leben der Großelterngeneration kennen lernen", sagt er. Er wolle auch Lehrer ansprechen, die die Clips im Unterricht zeigen könnten.

Die Videos selbst sind mit handelsüblichen Digitalkameras gefilmt, was Nutzer dazu verführen soll, eigene Interviews hochzuladen. Die Geschichten sind manchmal witzig, manchmal traurig. Da erzählt eine Frau, wie sie in der Nachkriegszeit für ihre Kinder Schmand-Bonbons kochte und sich eine Maus in der klebrigen Masse verfing. Ein Mann zeigt einen Spiegel, den er sich im Gefangenenlager bastelte und der heute in seinem Wohnzimmer hängt. Eine Berlinerin erinnert sich, wie die Mutter ihrer besten Freundin ins KZ deportiert wurde und die Berlinerin daraufhin ihren Vater, einen Nazi, zur Rede stellte und er zu weinen begann.

Bei Geschichten wie der dieser kann es dem Zuschauer auch einmal passieren, dass sich im Hals ein Kloß bildet. Aber das gehört eben dazu, wenn Geschichte lebendig wird.

Autor:  SERGE DEBREBANT
Datum:  4 | 12 | 2008
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