Der Name klingt böse, deutet in Wahrheit aber auf die größten Vorteile der spiegellosen Systemkameras hin: „Evil“ (englisch: böse) ist die Abkürzung für „Electronic Viewfinder Interchangeable Lens Camera“. Anders gesagt: Die Geräte haben einen elektronischen Sucher und austauschbare Objektive. Das kann für Fotografen nützlich sein.
Denn die neuen Systemkameras kommen ohne den aufwendigen und schweren Spiegelmechanismus aus. Dadurch entfällt auch der optische Sucher, den ein elektronischer Sucher oder der Monitor mit Live-View ersetzt.
„Der elektronische Sucher hat mehrere Vorteile“, sagt Markus Bautsch von der Stiftung Warentest in Berlin. Er zeige zusätzliche Informationen an und mache so eine Menüsteuerung möglich, ohne die Augen vom Sucher zu nehmen. „Außerdem sieht man das Bild so, wie es in der Aufnahme aussieht. Man kann Belichtungszeiten simulieren und auch in dunklen Umgebungen das Motiv gut erkennen.“
Klein und kompakt
Der Verzicht auf die Spiegeltechnik erlaubt es den Herstellern, kleinere und leichtere Kameragehäuse zu bauen. Und auch die neuen Objektive sind bei weitem nicht mehr so schwer wie ihre älteren Brüder. Besonders für Reisende ist die neue Kompaktheit der spiegellosen Systemkameras ein Vorteil.
Wer schon eine Spiegelreflex und verschiedene Objektive besitzt, kann diese aber nicht einfach an die neuen Kameras anschrauben. „Die alten Objektive sind nicht immer uneingeschränkt kompatibel“, sagt Wadim Herdt, Redakteur bei der Fotozeitschrift „Colorfoto“ mit Sitz im bayerischen Poing. Adapterlösungen seien zwar manchmal möglich, diese bedeuteten jedoch meistens Einbußen in der Funktionalität -etwa weil der Autofokus dann eventuell nicht mehr funktioniert.
Überhaupt der Autofokus: „Er ist noch nicht so ausgefeilt und schnell wie bei den Spiegelreflexkameras“, erklärt Benno Hessler, Redakteur bei der „Chip Foto-Video digital“ aus München. Daher seien die Evil-Kameras nicht für Sport- und Action-Fotografie geeignet. Allerdings sei es auch nicht Sinn der Sache, die alten, schweren Objektive an die neuen Kameras anzuschrauben. „Das macht die ganze Idee kaputt. Was bringt mir eine kleine, leichte Kamera, an der ein Riesen-Objektiv steckt?“, fragt Bautsch.
Die Bildqualität der neuen Systemkameras ist durchaus mit den Einsteiger- und Amateur-Spiegelreflexkameras zu vergleichen, auch wenn diese beispielsweise bei schlechten Lichtverhältnissen noch die Nase vorne haben. Das zeigt der aktuelle Kamera-Test der Stiftung Warentest (Heft 6/2010).
„Die neue Geräteklasse liefert jedoch eine eindeutig bessere Bildqualität als die Kompaktkameras“, findet Herdt. Dafür sorgen die größeren Bildsensoren. Gegenüber Spiegelreflexgeräten ein Vorteil ist die meist sehr gute Videofunktion, die oft hochauflösende Bilder (HD) macht. Bei der Spiegelreflex sei der Einbau einer solchen Funktion technisch aufwendig und somit teuer, erklärt Bautsch.
Weitere Vorteile: Durch die spiegellose Technik macht die Systemkamera so gut wie keine Geräusche. Das ist praktisch bei Aufnahmen im Theater oder beim Konzert. Außerdem ermöglicht Live-View dank schwenk- und kippbaren Monitoren ganz neue Perspektiven.
Diese vielen Vorteile kosten jedoch. Unter 700 Euro sind die Geräte nicht zu bekommen, die Wechselobjektive kosten extra. Die neue Technik wird in absehbarer Zeit jedoch günstiger werden, weil immer mehr Hersteller auf dem Markt drängen.
Zukunft der Fotografie
Für Stiftung-Warentest-Redakteur Bautsch lohnt sich jedoch diese Investition: „Das ist die Zukunft der Fotografie.“ Einen Fehlkauf könne man momentan nicht machen, wenn man sich eine spiegellose Systemkamera zulegt, findet auch Benno Hessler. Bei den Tests der „Chip Foto-Video digital“ hätten alle Modelle gut abgeschnitten. Vorreiter der neuen Technik sind Panasonic, Olympus, Samsung und Sony. „Die Fotografie-Urgesteine Nikon und Canon werden jedoch auch bald nachziehen“, vermutet Bautsch.
„Jeder Hersteller versucht, einzigartig zu sein“, sagt Herdt. Die „Olympus-Pen“-Reihe hebt sich mit einem Retro-Look ab. „Eigentlich sieht sie aus wie eine größere Kompakte“, sagt Hessler. Mit vielen Effekt-Einstellungen sorge sie für viel Spaß beim Fotografieren.
Die „Samsung NX 10“ besticht mit einem drehbaren Bildschirm und liefert dank echtem Spiegelreflex-Sensor eine gute Bildqualität. Ein sehr kleines Gehäuse bietet die Sony Nex. Die Bedienung erinnert an die von Kompaktkameras und ist deshalb für Ein- und Umsteiger gut geeignet.
Im Gegensatz dazu ähneln die Modelle von Panasonic bei Aussehen und Bedienung den Spiegelreflexkameras. Im Vergleich der Stiftung Warentest kann sie es mit dieser Gerätegattung bedenkenlos aufnehmen. Besonders für Aufsteiger von der Kompaktkamera lohnt es sich also, über den Kauf des neuen Systems nachzudenken. (dpa)

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