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03. Januar 2012

Soziales Netzwerk: StudiVZ vor dem Ende

 Von Simon Hurtz
Der deutsche Patient: StudiVZ.  Foto: dpa

Als Internet-Märchen begann die Geschichte von StudiVZ im Jahr 2005. Heute leidet das soziale Netzwerk an dramatischem Mitgliederschwund – und wird 2012 kaum überleben

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Fehler: Ungeduld

Als Internet-Märchen begann die Geschichte von StudiVZ: Ehssan Dariani hatte den Erfolg von Facebook in den USA beobachtet und wollte eine vergleichbare Plattform für deutsche Studenten aufbauen.

Nach der Gründung im Jahr 2005 wuchs StudiVZ schnell. Große Firmen, darunter Springer, Yahoo und auch Facebook, zeigten Interesse. 2007 sicherte sich die Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck den Zuschlag für 85 Millionen Euro.

Der Preis schien gerechtfertigt zu sein: StudiVZ war das erfolgreichste soziale Netzwerk in Deutschland und hatte im ersten Quartal 2008 fünfmal mehr Besucher als Facebook.

Nach der Übernahme zeigte Holtzbrinck allerdings wenig Interesse, das Netzwerk weiterzuentwickeln. Facebook lieferte stetig neue Funktionen, bei StudiVZ passierte kaum etwas. Ungeduldig hoffte der Konzern auf einen schnellen Ertrag. Ein Relaunch im Herbst 2011 kam offensichtlich zu spät.

Der Patient wird sterben, der Zeitpunkt steht schon fest. Auf www.wannstirbtstudiVZ.com gibt eine unerbittlich tickende Uhr dem sozialen Netzwerk noch knapp zehn Wochen Gnadenfrist. Ein Balkendiagramm zeigt die Seitenbesuche pro Monat. Im Mai 2010 waren es über 450 Millionen, im November 2011 nur noch rund 80 Millionen. Eine orangene Linie verbindet die Monatswerte miteinander und bildet eine Gerade – die im März 2012 die x-Achse berührt: Exitus.
Dabei begann die Geschichte von StudiVZ als deutsches Internetmärchen. Nach der Gründung im Jahr 2005 strömten die Nutzer dem Netzwerk zu. 2007 kaufte es die Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck für 85 Millionen Euro, StudiVZ war immerhin das erfolgreichste soziale Netzwerk in Deutschland. Dem Aufstieg tat auch eine Klage von Facebook wegen des „Missbrauchs von Facebooks geistigem Eigentum“ keinen Abbruch.

Doch viel gefährlicher als amerikanische Richter war für StudiVZ das deutsche Management. Das Portfolio wurde um SchülerVZ und meinVZ erweitert, um weitere Zielgruppen anzusprechen. Und dann beging der neue Besitzer Stefan von Holtzbrinck den wohl entscheidenden Fehler: Während Mark Zuckerberg seinem Netzwerk laufend neue Funktionen spendierte, wollte Holtzbrinck schnell schwarze Zahlen sehen. Facebook integrierte Spiele und Apps, ließ die User Videos anschauen und bot eine Chatfunktion, bei StudiVZ tat sich dagegen kaum etwas.

Nicht technische Innovationen und Nutzerbindung standen für Holtzbrinck im Vordergrund, sondern die Jahresbilanz. Möglichst früh Gewinn machen zu wollen, ist dabei typisch für deutsche Unternehmen im Internet. Facebook hätte schon vor Jahren in die Gewinnzone wechseln können, stattdessen holte man sich Kapital über Finanzierungsrunden, investierte fortlaufend und erntet heute die Früchte. Auch Wer-kennt-wen, die Lokalisten oder Xing leiden heute unter den schier übermächtigen Konkurrenten. Selbst Michael Brockhaus, Mitglied der Holtzbrinck-Geschäftsführung, gab zu: „Facebook setzt die technischen Standards und übt damit Druck auf die Branche aus.“

Spitzenposten von StudiVZ neu besetzt

Obwohl der damalige StudiVZ-Chef Markus Berger-de León 2009 beteuerte, die technische Weiterentwicklung sei wichtiger als die Geschäftszahlen, droht das Schicksal von Myspace. Rupert Murdoch hatte über eine halbe Milliarde Dollar für das damals größte soziale Netzwerk der Welt investiert, setzte dann auf kurzfristige Monetarisierung und verlor das eigentliche Kapital, die Mitglieder, aus den Augen. Im September stieß Murdoch Myspace für 35 Millionen ab, und dürfte froh gewesen sein, überhaupt noch einen Käufer gefunden zu haben. Diese Hoffnung hat Holtzbrinck längst aufgegeben. Die Plattform hat zwar ein Stiftung-Warentest-Siegel und kaum Ärger mit Datenschützern, aber die Nutzer interessiert das wenig. Die tummeln sich bei Facebook, und je mehr sich dort anmelden, desto weniger Grund gibt es, parallel irgendwo anders zu sein.

Noch 16 Millionen Mitglieder hat StudiVZ, davon sind 9,8 Millionen aktiv. Das klingt zunächst nicht schlecht, doch Facebook vernetzt allein in Deutschland mehr als doppelt so viele Menschen. Und nicht nur die User laufen StudiVZ davon, auch die Manager fliehen oder werden entlassen. Viele Spitzenposten wurden in jüngster Vergangenheit neu besetzt, darunter auch CEO Clemens Riedl.

Kurz zuvor hatte er gesagt: „Alle unsere Nutzer sind bei Facebook. Wir glauben nicht, dass die Nutzer von Facebook zurückkommen. Wir müssen uns auf die konzentrieren, die noch da sind.“ Es folgte ein großer Relaunch im Oktober 2011, die Seite bekam ein neues Aussehen und mehr Funktionen, doch Riedl glaubte offenbar nicht so richtig an den Erfolg. Er hielt das für „einen guten Zeitpunkt, sich neuen Aufgaben zu widmen“.

Der richtige Zeitpunkt, sich eine Existenzberechtigung neben Facebook zu geben, ist dagegen verpasst, glaubt zumindest ein ehemaliger leitender Mitarbeiter der VZ-Gruppe. Dabei wäre das durchaus möglich gewesen: Holtzbrinck hätte versuchen können, seinen Zielgruppen einen Mehrwert gegenüber dem universeller angelegten Facebook zu bieten, etwa durch E-Learning-Möglichkeiten auf SchülerVZ oder Livestreams von Vorlesungen auf StudiVZ. Die Verlagsgruppe hält viele Rechte an Publikationen aus dem Bildungsbereich und hätte seinen Mitgliedern interessante Angebote machen können.

Längere Gnadenfrist für SchülerVZ

Die Stuttgarter Verleger trauern wohl vor allem einer verpassten Gelegenheit hinterher. 2008 wollte Facebook die VZ-Netzwerke übernehmen und bot dafür 4,1 Prozent seiner Unternehmensanteile. Heute wird der Börsenwert von Facebook auf rund 100 Milliarden Dollar geschätzt, diese Beteiligung wäre also etwa 40 Mal mehr wert als die 85 Millionen Euro, die Holtzbrinck 2007 für StudiVZ gezahlt hatte.

Doch statt auf Milliarden sitzt man heute auf Problemen. Von den sogenannten First Movern, also jenen Usern, die dem Trend immer ein bisschen voraus sind, sei kaum noch jemand bei StudiVZ übrig. Dem kleinen Bruder SchülerVZ geben Branchenkenner noch eine etwas längere Gnadenfrist, doch echtes Potenzial habe auch das Schülernetzwerk nicht.

Der Link zu www.wannstirbtstudiVZ.com macht die Runde auf Facebook, #studiVZ ist ein beliebter Hashtag auf Twitter, und der Nutzer @sechsdreinuller schrieb kurz vor Weihnachten: „Facebook: Was machst du gerade? Twitter: Was denkst du gerade? Foursquare: Wo bist du gerade? StudiVZ: Hey, wo seid ihr alle hin?“

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