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Blogosphäre: StudiVZ unter Beschuss

Bewegte Zeiten für Ehssan Dariani: Gerade zwei Wochen ist es her, da holte sich der Gründer des Studentenverzeichnisses den Internet-Publikumspreis "Online-Star" ab. Vor wenigen Tagen verkündete er, dass die Zahl der Mitglieder, die StudiVZ als virtuellen Treffpunkt nutzen, eine Million überschritten habe. In der Blogosphäre vergeht derweil kaum ein Tag ohne Negativ-Schlagzeilen über das junge Startup-Unternehmen.

Platz zum  Gruscheln (StudiVZ-Bezeichnung für Kontaktaufnahme): Mehr als eine Million Mitglieder hat das  Studentenverzeichnis nach Betreiberangaben.
Platz zum "Gruscheln" (StudiVZ-Bezeichnung für Kontaktaufnahme): Mehr als eine Million Mitglieder hat das Studentenverzeichnis nach Betreiberangaben.
Foto: Screenshot: StudiVZ

Bewegte Zeiten für Ehssan Dariani: Gerade zwei Wochen ist es her, da holte sich der Gründer des Studentenverzeichnisses (StudiVZ) in München den Internet-Publikumspreis "Online-Star" ab. Vor wenigen Tagen gab der 26-Jährige bekannt, dass die Zahl der studentischen Mitglieder, die StudiVZ als virtuellen Treffpunkt, Kommunikationsplattform und zur Kontaktanbahnung ("Gruscheln") nutzen, eine Million überschritten habe. In der Blogosphäre vergeht derweil kaum ein Tag ohne Negativ-Schlagzeilen über das junge Startup-Unternehmen - vom Plagiatsverdacht bis hin zur Frage nach der Finanzierung des inzwischen auch in andere europäische Länder expandierenden Dienstes.

Schon bald nach dem Launch der Website im Oktober 2005 war Bloggern wie Michael Bumann aufgefallen, dass Konzept und Design dem erfolgreichen US-Studenten-Netzwerk www.facebook.com verblüffend ähneln. Der Verdacht wurde seither in vielen Blogs wiederholt und mit vergleichenden Screenshots unterlegt, unter anderem von Mike Schnoor. Die StudiVZ-Macher bestreiten energisch, abgekupfert zu haben, auch wenn Mitgründer Dennis Bemmann einräumt: "Natürlich gibt es hunderte Social Networking Sites und natürlich sehen wir uns die auch sehr genau an, denn warum soll man gute Ideen nicht aufgreifen und warum das nicht besser machen, was andere schlecht gelöst haben?"

Mit steigenden Mitgliedszahlen wurde in der Blogosphäre die Frage nach der Finanzierung des Netzwerk lauter, das nach eigenen Angaben 50 Mitarbeiter beschäftigt. Inzwischen bestätigte Dariani, was Blogger herausgefunden hatten: Zu den Kapitalgebern gehören neben Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski und Holtzbrinck Ventures auch die Brüder Oliver, Alexander und Marc Samwer, die mit dem Verkauf ihres Klingeltonanbieters Jamba ein Millionengeschäft gemacht hatten. Ein Engagement, das aus Sicht der Blogger auf eine künftige Vermarktung des bislang kostenlosen und nahezu werbefreien Dienstes hindeutet - mitsamt seiner teilweise sensiblen Nutzerdaten. Das Netzwerk-Konzept würde "früher oder später einen Käufer oder doch wenigstens einen Interessenten auf den Plan rufen", ist sich nicht nur Philipp Klöckner sicher. Karsten Wenzlaff, der eine Zusammenfassung der Diskussion für das englischsprachige Web liefert, formuliert die Bedenken so: "Falls StudiVZ an einen kommerziellen Nutzer verkauft wird - was nicht unwahrscheinlich ist, - befürchten manche Blogger, dass der Schutz der Daten nicht gewährleistet sei." Auch Mitglieder des Netzwerkes selbst werden unruhig: "Wir User geben alle brav unsere privatesten Daten im Profil ein… und das in der Zeit, wo man im Internet doch aufpassen muss, wem man was erzählt", schreibt ein Kommentator im StudiVZ-Blog. Betreiber Dariani wird nicht müde zu betonen: "In Deutschland herrschen die härtesten Datenschutzgesetze der Welt. Diese übertreffen wir in vielem. Wir haben unseren Sitz in Berlin. Nicht auf den Bahamas. Und nichts ist für die Nachhaltigkeit des StudiVZ wichtiger als das Vertrauen unserer Studis."

Am Pranger findet sich das Studentennetzwerk auch aus anderen Gründen wieder. Die Reservierung möglicher Domains von potentiellen Mitbewerbern im Ausland durch StudiVZ-Betreiber nehmen Blogger wie Andreas Dittes übel, aber auch den Umgang der StudiVZ-Macher mit Kritik: Im StudiVZ-Blog hatte Dariani angekündigt, Kommentare, die sich spekulativ mit dem Netzwerk befassen, zu löschen. Jörg-Olaf Schäfers nennt das "Zensur", Simon Martin schreibt: "Liebe Jungs von StudiVZ, ich mag euren Dienst echt gerne und wünsch euch nur das Beste, aber habt ihr sowas wirklich nötig? Wer sowas in die Öffentlichkeit trägt, muss auch mit der Diskussion leben." Oliver Wagner konstatiert: "Tatsächlich scheint es dem Team um Ehssan Dariani egal zu sein, was man allgemeinhin unter gutem Community-Management versteht: Fragen, Zuhören, zum Dialog einladen. Das praktiziert er etwas anders." Der junge Unternehmer reagierte inzwischen auf den "großen Wunsch nach Diskussion". Unter die Rubrik "Kommunikationsoffensive" fällt wohl auch der Videoclip, mit dem Teammitglied Dario Suter zu einem Rundgang durch die Berliner Büroräume einlädt, um nach eigenem Bekunden "Licht ins Dunkle" bringen und die Frage zu beantworten, welche Köpfe hinter StudiVZ stecken.

Aus Sicht von Blogger Peter Mack machen die Betreiber des Studentenverzeichnisses "den Fehler, dass man zwar immer wieder stückchenweise auf die Diskussionen der Blogosphäre reagiert, aber an den grundsätzlichen Kritikpunkten nichts ändert, man verrät nicht, wer in das Projekt StudiVZ investiert (und was dafür die Gegenleistung ist), wie es mit dem Verhältnis zum Facebook steht, man gibt zwar Antworten, aber diese wirken dann doch teilweise arg unglaubwürdig."

Update: Ehssan Dariani nimmt im StudiVZ-Blog selbstkritisch Stellung, Michael Brehm gibt Informationen über die Finanzierung des Projekts, da die Macher "ein verstärktes Interesse an unserer Finanzierungsstruktur wahrnehmen" konnten.

Autor:  Monika Porrmann
Datum:  15 | 11 | 2006
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