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22. April 2015

Überwachung: Big Boss is watching you

 Von 
Deprimiert? Gestresst? Mit Hilfe einer neuartigen App soll der Arbeitgeber informiert werden, wenn es dem Mitarbeiter schlecht geht.  Foto: imago/Westend61

Mit einer App überwachen Arbeitgeber die Gemütslage ihrer Mitarbeiter. Ausgewertet werden Stimmfrequenz, Handynutzung und Schlafverhalten - alles zum Wohle des Mitarbeiters, wie die App-Entwickler versichern.

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Die Anwältin Laura Holmes, 28 Jahre, knallroter Mantel, dunkelroter Schal, eilt durch die Menschenmenge der Londoner Innenstadt. Ans Ohr hält sie ihr rosa Handy mit weißen Punkten. Holmes telefoniert mit einer Freundin, in ihrer Stimme liegt ein Lächeln. Es ist ein Lächeln, das auch die App in ihrem Smartphone registriert.

Holmes Arbeitgeber hat sie mit der App ausgerüstet, die ihren Gemütszustand überwacht: Die Anwaltskanzlei Wragge, Lawrence, Graham und Co, eine Großkanzlei mit über tausend Angestellten. Sie gehört zu den ersten Kunden von Soma Analytics, einem Start-up aus München. Firmengründer Johann Huber, 28 Jahre, hat eine App entwickelt, die verändern soll, wie Arbeitgeber mit ihren Arbeitnehmern umgehen. Huber sagt: „Der Arbeitgeber kann zum ersten Mal verstehen, wie sich Leute in der Firma fühlen.“

Telefongespräche analysiert

Hubers App analysiert nicht nur die Frequenz der Stimme von Holmes und wertet die mitschwingenden Emotionen aus. Das Programm wertet auch aus, wie sie mit ihrem Smartphone umgeht: Wenn sie etwa oft und schnell hintereinander nach neuen Nachrichten schaut, gibt das Auskunft darüber, wie gestresst sie ist. Auch der Schlaf wird getrackt: Wälzt sie sich vor einem wichtigen Termin im Bett herum, registriert das der   Bewegungssensor des Smartphones und die Daten werden von Hubers Algorithmen ausgewertet. Hubers App will wissen, wie gestresst ein Mitarbeiter ist.

Holmes stört es nicht, dass ihr Arbeitgeber diese Informationen erhält. Sie findet: „Wenn es ein Problem gibt, sollte der Arbeitgeber davon wissen.“ Auch Arbeitnehmer könnten sich über seine App freuen, findet Soma-Analytics-Chef Huber: „Die Informationen, die Arbeitgeber bekommen, helfen ihnen, die Arbeitnehmer glücklicher und gesünder zu machen.“ Auf diese Weise könnten Arbeitgeber zudem Milliarden Euro einsparen, die durch die krankheitsbedingten Ausfälle der Mitarbeiter entstehen. Das Interesse ist stark: Im britischen Markt, auf den Huber sich derzeit konzentriert, gehören neben Anwaltskanzleien bereits Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Beratungen und Telekommunikationsunternehmen zu den Kunden. Auch BT, die britische Telekom, ist darunter. In Deutschland gebe es erste Testläufe, so Huber.

Holmes Arbeitgeber hat seinen Hauptsitz in einem der Glastower an der Themse. Bleddyn Rees, 53 Jahre alt, ist für die App zuständig. Er ist Partner in der Kanzlei und der Spezialist für Gesundheit. Die Entwicklung des Stresses der Mitarbeiter kann er mit ein paar Klicks auf einer Website aufrufen.

Rees sagt, es gehe nicht darum, weniger belastbare Mitarbeiter auszusortieren. Vielmehr sollten mit den von der App aggregiert und anonymisiert gelieferten Daten Problemfelder identifiziert werden, um Krankentage zu reduzieren.

Huber ist nicht der Einzige, der auf das gestiegene Interesse der Arbeitgeber an der Gesundheit der Mitarbeiter setzt. Smarte Fitnessarmbänder und Schrittzähler-Apps halten Einzug in immer mehr Unternehmen. In den USA lassen Konzerne wie BP oder Yahoo die Schritte ihrer Mitarbeiter zählen. In Deutschland haben Opel, SAP oder IBM entsprechende Programme, um ihre Mitarbeiter zu mehr Fitness anzutreiben. Opel und SAP erklärten auf Anfrage, dass sie keinen Zugriff auf persönliche Daten von Mitarbeitern haben. IBM äußerte sich nicht.

Sofort-Zugriff auf die Daten des gesamten Personals

Die Nachfrage ist so groß, dass Wearables-Anbieter begonnen haben, gesonderte Produkte für Arbeitgeber zu entwickeln. Die Firma Jawbone, einer der führenden Fitnesstrack-Hersteller weltweit, hat dafür das Programm „Up for groups“ entwickelt. Es basiert auf dem Up-Fitnessarmband, wie es Jawbone auch bisher verkaufte – nur dass der Arbeitgeber nun auch alle Informationen erhält, die die Mitarbeiter tracken.

Mehr dazu

Auch Konkurrent Fitbit will die Arbeitgeber dabei unterstützen, die Fitness ihrer Mitarbeiter genauer zu beobachten. Gareth Jones, Vizepräsident von Fitbit für Europa, sagt, das Angebot von Fitbit helfe den Unternehmen, Personalentscheidungen mit mehr Informationen zu treffen. Zugleich würden die Mitarbeiter aufmerksamer für ihre Gesundheit. Den Unternehmen verspricht er: „Sofort-Zugriff auf die Daten des gesamten Personals in Echtzeit sowie auf frühere, aufgezeichnete Daten.“ Der Echtzeit-Zugriff sei wichtig, um zu bestimmen, ob die Maßnahmen der Personalabteilung auch wirkten. „Sie könnte etwa die Aufzüge abstellen.“

Mehr zu dem Thema an diesem Donnerstag um 21.45 Uhr in der ARD-Sendung „Panorama“.

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