Köln. "Wenn ich bis Punkt 12 nichts von Dir höre, hole ich Laura von der Schule ab und sage ihr, dass ihr Papa tot ist." Diese Kurznachricht vom 11. September 2001, 11 Uhr 23, ist eine von Hunderttausenden, geschrieben vor und nach den Anschlägen in New York und Washington. Seit Donnerstagmorgen sind die Meldungen im Internet frei zugänglich. Es sind private Nachrichten darunter, die ein persönliches Bild der Katastrophe zeichnen - etwa von Menschen, die Verwandte im World Trade Center zu erreichen versuchen. Und zwar über so genannte Pager.
Da Telefon- und Handyverbindungen am 11. September teilweise zusammenbrachen, kommunizierten viele Amerikaner über die kleinen Kästen, die man am Gürtel tragen kann. In Deutschland werden sie vor allem von Pflegepersonal und Ärzten benutzt, in den USA waren sie damals bei Polizei-, Einsatz- und Sicherheitskräften verbreitet - auch jenen, die geheime Kommandos zu geben hatten.
Die Pager-Texte im Original auf Wikileaks.
Deshalb sind unter den Nachrichten, die über die Plattform "Wikileaks" veröffentlicht wurden, auch viele, die ein Bild des teilweise chaotischen Informationsflusses von Behörden, Militär- und Regierungsstellen zeichnen. "Jim: Deploy to Mt. Weather now" ist die Aufforderung an einen Unbekannten, sich sofort in den Regierungsbunker zu begeben. Selbst die Information, dass der Präsident an einem sicheren Ort sei, kann man in dem Material nachlesen, das laut CBS-News 573.000 Zeilen Text umfasst. Da es unmöglich ist, sich kurzfristig durch diesen Berg zu wühlen, dürften die Pager-Nachrichten ein Fundus für Historiker werden. Vorausgesetzt, er ist echt.
Davon allerdings ist "Wikileaks"-Mitarbeiter Julian Assange überzeugt. "Wir prüfen jedes Angebot, bevor wir es ins Netz stellen", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es habe noch nie einen Fall gegeben, bei dem nur Teile des geheimen Materials echt seien. "Entweder, es ist von vorne bis hinten gefälscht oder es ist echt". Da viele derjenigen, die "Wikileaks" mit sensiblen Informationen versorgen, ein ernstes Interesse daran hätten, etwas zu enthüllen, sei der Anteil der Schummler sehr gering. Die Quelle für die Pager-News verrät "Wikileaks" nicht.
Es muss jedoch eine Person oder Einrichtung sein, die alle oder einen Teil jener Nachrichten gespeichert hat, die von den US-Funkanbietern Arch Wireless, Metrocall, Skytel und Weblink Wireless rund um den 11. September 2001 übermittelt wurden. Insofern kann die Quelle in einer dieser Firmen liegen, innerhalb einer zuständigen Behörde - und überall sonst. Denn das Abschöpfen der Pager-Nachrichten ist laut einem Bericht von "CBS-News" schon mit relativ geringem Aufwand möglich. Sie sind nicht einmal verschlüsselt.
In den USA wird die Veröffentlichung der Daten deshalb vermutlich auch zu einer Sicherheitsdebatte führen: Wie kann es sein, dass streng geheime Einsatzmeldungen von Behörden wie dem FBI über einen derart ungeschützten Kanal in die Luft gepustet werden?
Verstörend banal
Die US-Medien kaprizieren sich in ihrer Berichterstattung über die Pager-Nachrichten auf die Arbeit der Behörden und auf die persönlichen Schicksale von Opfern, die durch die oft banalen Texte geradezu verstörend normal werden. Aufmerksame Leser der Meldungen werden zudem Verschwörungstheoretiker sein. Gibt es vielleicht irgendwo doch einen versteckten Hinweis darauf, dass "9 / 11" eine Verschwörung der Regierung oder düsterer Kreise war? Julian Assange enthält sich als Vertreter von "Wikileaks" jeder Wertung. "Wikileaks als Organisation hat keine Meinung, wir stellen solche Dinge nur ins Netz", sagt er. Persönlich findet er, die 9 / 11-Verschwörungstheoretiker seien eine Gruppe wie die frühen Christen zur Zeit der Verfolgung. Will sagen: Es gibt Spinner unter ihnen, grundsätzlich verkünden sie aber die Wahrheit.
Da die Beweisfindung in dieser riesigen Sammlung aus Erschütterndem, Brisantem und Belanglosem aber mühselig ist, gab es wenige Stunden nach Veröffentlichung der Pager-Nachrichten schon die ersten Fälschungen. So verkündete ein Nutzer, vermutlich ironisch, Folgendes entdeckt zu haben: "Alle Juden aus Manhattan abhauen! Plan Zion beginnt in fünf Stunden"
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