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Yoani Sánchez: Bloggen in Kuba ohne Internetzugang

Mit ihrem Weblog "Generacíon Y" erreicht die studierte Literaturwissenschaftlerin Millionen von Menschen und wird so zur Herausforderung für die staatliche Zensur. Nun wird sie für ihr Blog ausgezeichnet.

Die studierte Literaturwissenschaftlerin Yoani Sanchez.
Die studierte Literaturwissenschaftlerin Yoani Sanchez.
Foto: Foto: dpa

Havanna. Im Juni wird die Kubanerin Yoani Sánchez in Bonn mit dem internationalen Weblog-Award "The BOBs 2008" der Deutschen Welle ausgezeichnet.

Mit ihrem Weblog "Generacíon Y" war die studierte Literaturwissenschaftlerin im vergangenen Jahr als Siegerin aus dem Wettbewerb des deutschen Auslandssenders hervorgegangen - und das, obwohl sie über keinen eigenen Internetzugang verfügt. Als sie mit ihren Berichten über den kubanischen Alltag in den ersten Monaten des vergangenen Jahres Millionen von Menschen erreichte, wurde sie zu einer Herausforderung für die staatliche Zensur.

Revolutionsführer Fidel Castro warf ihr vor, das Geschäft der "neokolonialen Presse" zu betreiben. Erst Anfang April dieses Jahres wurde Yoani Sánchez bei einer offiziellen Literaturveranstaltung der "Provokation gegen die kubanische Revolution" bezichtigt, weil sie mit einer Gruppe Gleichgesinnter "Freiheit und Demokratie" gefordert hatte. Im dpa- Interview berichtet sie über das Bloggen in Kuba.

Frau Sánchez, Sie haben schon mehrere Preise für die Bedeutung und Qualität Ihres Blogs zuerkannt bekommen. Wie sind Sie denn dazu gekommen, einen eigenen Blog zu entwickeln, aus dem dann eine Bloggerszene in Kuba entstanden ist?

"Ein Phänomen, das an Bedeutung gewinnt"

Sánchez: "Die Szene der Blogger, oder nennen wir sie die kubanische Blogosphäre, begann sehr zaghaft. Doch im vergangenen Jahr hat es einen sehr interessanten Anstieg gegeben. Verglichen mit Ländern wie China, Iran, USA und Spanien, die eine riesige Blogosphäre haben, sind wir hier immer noch einige wenige Blogger. Aber ich glaube dennoch, es ist auch in Kuba ein Phänomen, das langsam aber sicher an Bedeutung gewinnt, vor allem unter den Jugendlichen und Personen, die hin und wieder Zugang zum Internet haben."

Kaum jemand hat in Kuba Zugang zum Internet. Auch Sie nicht. Wie schaffen Sie es unter den schwierigen Bedingungen, dass Ihre Beiträge ins Internet gelangen?

Sánchez: "Einen Blog aus dem Inneren Kubas zu haben, ist praktisch ein Abenteuer. Ein Sience-Fiction-Abenteuer. Denn wir leben in einem Lande mit einer der geringsten Verbindungen zum Netz weltweit.

Deshalb: Was mich angeht, so muss ich praktisch alle meine Blogs verfassen, ohne an das Netz angebunden zu sein. Später gehe ich an einen öffentlichen Ort, um meine Blogs loszuschicken. Leider können wir Kubaner keine Internetverbindung kaufen oder mieten, um sie von zu Hause zu genießen. Wir sind auf die wenigen Internetcafés in den Hotels angewiesen, die aber sehr viel Geld verlangen."

Dann ist es also trotz der wirtschaftlichen Erleichterungen, die von der Regierung versprochen wurden, nicht einfacher geworden?

Sánchez: "In meinem Fall ist die Lage seit dem vergangenen Jahr noch komplizierter geworden. Mitte März 2008 wurde mein Blog in Kuba blockiert, das heißt, er kann von hier nicht gelesen werden. Aber dank der virtuellen Gemeinde, die sich um meinen Blog gebildet hat, gibt es Personen, die mir helfen, meine Texte zu platzieren. Ich bin eine blinde Bloggerin. Und nur mit der Mitarbeit von vielen Leuten in der Welt konnte ich den Blog auf aktuellem Stand halten."

Wie viele Internetcafés gibt es denn inzwischen in Kuba?

Sánchez: "Es gibt nur sehr wenige Cybercafés. In Havanna kenne ich nur zwei, die wirklich einen Zugang zum Internet haben. Es gibt andere Stellen mit Zugang zum E-Mail-System. Und dann die Hotels, die aber mehr für Touristen gedacht sind.

Jetzt können sich auch Kubaner dahinschmuggeln. Aber wie gesagt, das große Problem sind die exzessiven Preise, die sich zwischen fünf und sieben Euro pro Stunde bewegen. Auf dem Lande ist das praktisch unmöglich und ich glaube, es ist ein Vorteil, in der Hauptstadt zu leben und wenigstens diese Räume zu haben. Die Menschen in der Provinz haben gar nichts."

Glauben Sie denn wirklich, dass Internet und Blogs die Lage in Kuba verändern können?

Sánchez: "Im Allgemeinen gefällt es mir, die Blogs als einen sich öffnenden Spalt zu definieren. Wir Kubaner leben umgeben von einer Mauer der Kontrolle, einer Mauer des Monopols, die der Staat über alle Informationen ausübt, die in Kuba zirkulieren. Und die Blogs sind ein kleiner Spalt, der sich geöffnet hat, um die Meinung der Bürger zu hören, um zu hören, was die Bürger sagen.

Ich glaube, der Blog kann großen Einfluss haben, denn er ist ansteckend. Wenn zum Beispiel junge Leute sehen, dass es andere junge Leute in Kuba gibt, die aufschreiben, was sie denken, und die die Blogs mit Leben füllen, dann kann das den Wunsch erwecken, das auch zu tun.

Ich glaube, es ist notwendig, dass die Bürger Kubas vom Staate abweichende Meinungen ausdrücken können, und dass sie nicht auf ausländische Publikationen angewiesen sind, um ihre Artikel zu veröffentlichen.

Glauben Sie, zu der Preisverleihung nach Deutschland reisen zu können?

Sánchez: "Ich befürchte leider, dass ich nicht gehen kann. Wir Kubaner sind wie kleine Kinder, die die Genehmigung vom Papa einholen müssen, um das Haus zu verlassen. Ich habe im vergangenen Jahr dreimal versucht, eine Reiseerlaubnis zu bekommen. Sie wurde jedes Mal abgelehnt.

Aber ich werde es weiter versuchen und ich werde mich nicht mit dem Nein zufrieden geben. Aber es gibt nur wenig Chancen. In gewisser Weise ist das Nicht-Reisen-Dürfen die Strafe dafür, dass ich meinen Blog schreibe.

Auf jeden Fall bin ich eine Bürgerin, eine Cyber-Bürgerin, und obwohl sie mich nicht reisen lassen, reise ich doch jeden Tag dank meines Blogs. Und ich werde, wenn auch nur virtuell, bei der Zeremonie anwesend sein." (dpa)

Datum:  26 | 5 | 2009
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