Der Spiegel macht heute auf mit "90 Jahre Versailler Vertrag". Man freut sich darüber, dass ein Nachrichtenmagazin den Hintergrund auf den Titel stellt. Bis man genauer hinsieht. Unter der Überschrift "Der verschenkte Frieden" steht die Behauptung: "Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste".
Historische Spiegeltitel verkaufen sich gut, liest man immer wieder. Bei dieser Zeile beginnt man zu ahnen warum. Wenn durch den Versailler Vertrag auf den Ersten ein Zweiter Weltkrieg folgen musste, dann ist, was dazwischen geschah, irrelevant. Die deutschen Regierungen hatten also wohl keine Chance, also auch nicht die der Nationalsozialisten und schon gar nicht die Deutschen selbst, sich gegen diese Zwangsläufigkeit zu stellen. Nach Versailles musste es Krieg geben. Der Spiegel sagt es uns. Hunderte deutscher Politiker der Weimarer Republik sahen das in ihrer Ahnungslosigkeit ganz anders. Millionen deutscher Wähler votierten immerhin 14 Jahre lang gegen diese in den Augen der Spiegel-Titel-Schreiber ganz unausweichliche Option. Der Spiegel versucht eine Umschreibung der europäischen Geschichte. Man könnte sagen: Schuld am Zweiten haben die Alliierten des Ersten Weltkriegs. Es war nicht Hitlers Wille diesen Krieg anzuzetteln, sondern sein Wille und der Erfolg dieses Willens waren das Resultat einer von den Alliierten geschaffenen Konstellation.
Keine Kategorie für Historiker
Aber reden wir nicht von Schuld. Reden wir von Geschichte. Die vom Spiegel behauptete Zwangsläufigkeit, dieses "musste", ist keine Kategorie für Historiker. Sie gehört in die Geschichtsphilosophie, ein Feld, das man mit drei, vier Grundannahmen prächtig bestellen kann. Geschichte dagegen ist das Handgemenge, in dem der Zufall regiert. Natürlich auf einem Terrain, das nicht alles zulässt. Aber von dort bis zur Behauptung einer Zwangsläufigkeit von x zu y führt kein anderer Weg als der der Spekulation.
Die hat immer einen Beigeschmack von: es nicht genau wissen zu wollen. In diesem Fall nun aber kommt hinzu, dass das, was als eine der großen Untaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet wird - die Entfesselung eines Krieges gegen fast ganz Europa -, als notwendiges, also unumgängliches Resultat der Politik eben jener, gegen die der Krieg sich richtete, dargestellt wird. Es ist das nicht etwa das neueste Ergebnis kritischer historischer Forschung, sondern eben die historische Legende, die die alten Nazis in der jungen Bundesrepublik zu verbreiten pflegten. Was als quasi naturgesetzliche Reaktion auf die erniedrigenden Bedingungen des Versailler Vertrages verkauft werden soll, war in Wahrheit ein Rachefeldzug jener Täter, die sich als Opfer stilisierten, um noch einmal Täter sein zu können. Der Zweite Weltkrieg war weniger eine Reaktion auf Versailles als der Versuch, dem "Griff nach der Weltmacht", der beim ersten Mal so kläglich gescheitert war, beim zweiten Mal zum Erfolg zu führen.
Das "musste" ist prinzipiell eine ahistorische Kategorie. Aber abgesehen davon kann man plausibel machen, warum es auch in diesem konkreten Fall kein "musste" gab. Wer heute seine Eltern in das Rotkreuz-Altenheim in der Frankfurter Straße im hessischen Langen bringt, der stößt auf eine kleine Tafel. Sie erinnert daran, dass hier von 1918 bis 1930 die französische Besatzungszone endete. Der Young-Plan, eine der zahlreichen - stets umstrittenen - Modifikationen des Versailler Vertrags, brachte den Rückzug der französischen Truppen aus den von ihnen besetzten deutschen Gebieten. Ein Stück Erniedrigung wurde also beendet. Drei Jahre vor Hitlers Regierungsantritt. Hitler selbst regierte noch mehr als sechs Jahre bis zum Überfall auf Polen. Hätten die Alliierten nicht zugesehen, wie Deutschland, Italien und Ungarn sich die Tschechoslowakei aufteilten, hätten sie nicht die Annektion Österreichs hingenommen, der Zweite Weltkrieg hätte wahrscheinlich nicht etwa ein Jahr vorher schon begonnen, sondern wäre der Welt erspart geblieben. Auch das "hätte" mag keine historische Kategorie sein, aber es hilft einem zu erkennen, dass nicht etwas, das geschieht, schon darum geschehen muss.
In der Debatte um die fatalen Folgen des Versailler Vertrages spielen die Reparationsverpflichtungen des Deutschen Reiches eine zentrale Rolle. 1921, so schreibt der Spiegel, wurden "132 Milliarden Goldmark, umgerechnet etwa 300 Milliarden Euro" festgelegt. Als ich als Schüler zum ersten Male diese Summe hörte, erschien sie mir gigantisch, völlig unrealistisch und tatsächlich als ein Verbrechen. Inzwischen haben wir dazugelernt. Schon im Jahre 2007 betrug die Staatsverschuldung der Bundesrepublik 1502 Milliarden Euro. Selbst bei einer jährlichen Rückzahlung von 13 Milliarden Euro wäre die Abtragung des damaligen Schuldenberges auch in 100 Jahren nicht möglich gewesen. Und wir tragen die inzwischen noch einmal deutliche Erhöhung des Schuldenbergs überraschend gelassen. Niemand ruft zu einem Rachefeldzug gegen die Schuldenmacher auf. Wir wissen, dass der politische Handlungsspielraum durch die Verschuldung extrem eingeschränkt wird. Aber noch glauben wir an die Möglichkeit der Wahl zwischen Alternativen. Niemand spricht von irgendetwas, das auf diese Situation folgen "muss".
Der Zweite Weltkrieg war keine zwangsläufige Folge des Versailler Vertrags 1919. Er war auch keine unumgängliche Konsequenz der Weltwirtschaftskrise 1929, ja er "musste" nicht einmal sein, weil die Nazis seit 1933 an der Macht waren. Der Zweite Weltkrieg war nicht blindes Resultat einander widersprechender Kräfte, sondern die freie Tat Adolf Hitlers, der gute Chancen sah, alte Pläne in die Tat umzusetzen. Auch gegen die Stimmung in der Bevölkerung, die dem Krieg keineswegs so zujubelte, wie sie es 1914 getan hatte. Wir sollten uns kein historisches "muss" weismachen lassen. Wir sollten begreifen, dass es - fast - immer Alternativen gibt, dass wir nicht nur wählen gehen dürfen, sondern die Wahl haben.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.