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"Tafelbewegung": Die neue Armenspeisung

Immer mehr Tafeln versorgen bedürftige Menschen aus der Überproduktion der Lebensmittelindustrie. Die Spender sind aber nicht nur sozial, sie sparen damit auch.

Tafeln: Nicht nur für Obdachlose, sondern auch für Niedriglöhner und Arbeitslose.
Tafeln: Nicht nur für Obdachlose, sondern auch für Niedriglöhner und Arbeitslose.
Foto: ap

Gut fünfzehn Jahre ist es her, dass in hiesigen Medien von der neuartigen Gründung einer "Berliner Tafel e.V." berichtet wurde - dem Nukleus der daraus erwachsenden deutschen "Tafelbewegung". Das Vorbild war die Gründung der Einrichtung "City Harvest" in New York im Jahre 1983. Die Grundidee ist so bestechend wie einfach: Überschüssige Lebensmittel werden eingesammelt und kostenlos an bedürftige Menschen und soziale Einrichtungen verteilt.

Heute versorgen in der Bundesrepublik rund 800 Lebensmitteltafeln - etwa dreimal so viele wie noch im Jahr 2000 - fast eine Million Menschen mit dem Notwendigsten. Täglich arbeiten Zehntausende ehrenamtliche Helferinnen und Helfer daran, dass alle Menschen "ihr täglich Brot" bekommen, und noch einiges mehr. Sie sammeln Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden, und verteilen sie weiter. Die Tafelbewegung gilt damit als die größte Bürgerbewegung der Bundesrepublik und wird inzwischen von überregionalen Unternehmen und prominenten Großspendern, wie etwa Daimler, Aldi, Lidl und Rewe, unterstützt.

Der Autor
Armenspeisung

Stefan Selke ist Professor für Soziologie Digitaler Medien an der Hochschule Furtwangen University. Neben seiner Forschung über virtuelle Realitäten im Cyberspace beschäftigt er sich aus soziologischer Perspektive auch mit der realen Welt der Tafeln und den konkreten Formen sozialer Ungleichheit in Deutschland. In beiden Welten verfolgt er immer wieder die Leitfrage: "In welcher Wirklichkeit leben wir eigentlich?"

Der Beitragist eine gekürzte Fassung eines Artikels aus den Blättern für deutsche und internationale Politik (Heft 1/2009). www.blaetter.de Er beruht auf dem Buch des Verfassers "Fast ganz unten", das kürzlich im Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, erschienen ist.

Dennoch ist die Tafellandschaft letztlich noch eine "terra incognita" - vor allem für die Menschen, die von Armut selbst nicht betroffen sind. Denn Tafeln sind eine Reaktion auf die wachsende Armut. Sie sind die Hinterbühne des erodierten Wohlfahrtsstaates und gehören inzwischen stillschweigend zu dessen Normalausstattung. Das Motto der Tafelbewegung lautet: "Jeder gibt, was er kann." Tafeln versorgen Woche für Woche bedürftige Menschen mit Waren aus der Überproduktion der Lebensmittelbranche oder mit Lebensmitteln, die kurz vor dem Haltbarkeitsdatum stehen. Sie stellen damit die mehr oder weniger komplementäre Versorgung immer größerer Bevölkerungsteile sicher und ersetzen auf diese Weise schleichend Fürsorgeleistungen des Staates. (…)

Hoch ambivalent ist dabei die Rolle, die den Spendern zukommt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sie das Tafelwesen erst ermöglichen und in Gang halten. Schaut man jedoch genauer hin, wird deutlich, dass die Spender ebenfalls von den Tafeln profitieren.

Allein in Deutschland werden jährlich 400 Millionen Tonnen Abfall produziert. Die Spuren der Wegwerfgesellschaft finden sich überall. "Kaufen, auspacken, wegwerfen", scheint die Formel für unseren modernen Lebensstil zu sein. Ein Teil dieser schnell und scheinbar mühelos entsorgten Waren sind auch Lebensmittel.

Dahinter "stecken" letztlich wir alle: Als übermäßig anspruchsvolle Kunden machen wir das Tafelwesen erst möglich. Wir, die wir einen Apfel schon dann nicht mehr kaufen, wenn er eine leichte Druckstelle hat. Wir, die wir eine Packung, die aufgerissen ist, wie selbstverständlich im Regal liegen lassen. Erst unsere Anspruchshaltung erzeugt den allgegenwärtigen Überfluss. Von dessen Zweitverwertung ernähren sich die bedürftigen Menschen.

Und hier trifft man auf eine ganz andere Problemdimension. Hier geht es nicht darum, dass immer mehr Gebrauchsgegenstände so konstruiert werden, dass sie durch Neukauf statt Reparatur ersetzt werden müssen. Sondern darum, dass einfach zu viele Lebensmittel produziert werden und dann - in voll genussfähigem Zustand - auf dem Müll landen. Lebensmittelhersteller produzieren stets 120 bis 140 Prozent des Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können. 20 bis 40 Prozent werden also bewusst für den Müll produziert.

Tafeln und Supermärkte befinden sich daher oft in einem symbiotischen Verhältnis. Insgesamt holen die Tafeln jährlich gut über 100 000 Tonnen brauchbare Lebensmittel ab. Das geht sogar so weit, dass einige Tafeln Mitarbeiter abstellen, die in den Supermärkten die Restware aussortieren. Die Supermärkte sparen auf diese Weise Personalkosten, den Tafeln ist dadurch immer eine Mindestmenge an Lebensmitteln garantiert.

Soziale Gründe spielen für die Spender-Unternehmen nur eine untergeordnete oder eine vorgeschobene Rolle. "Das spielt wohl auch mit rein", formuliert ein Marktleiter den sozialen Aspekt vorsichtig, "sicher bin ich mir aber nicht. Uns wurde damals gesagt, dass wir dadurch eben viel Geld sparen können. Wenn wir die Lebensmittel nicht spenden würden, müssten wir sie ja verschrotten. Und das kostet eben."

Trotz dieser doppelten Nützlichkeit - für Kunden und Spender - haben die meisten Tafeln heute mit wachsenden Problemen zu kämpfen. Sie müssen immer schneller reagieren, der Kundenstamm wächst schneller als die eigenen Strukturen. Mancherorts gibt es einen regelrechten "Krieg" um die Waren zwischen verschiedenen Tafeln. Gerade auch deshalb, weil immer mehr tafelähnliche Einrichtungen oder sogenannte "wilde Tafeln" entstehen, die sich des positiv besetzten Namens "Tafeln" bedienen. Vor allem die Tafelvereine, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten, stehen unter einem erheblichen Organisations- und Professionalisierungsdruck. Einerseits wollen sie sich ihre Freiräume erhalten und einen offenen Umgang mit ihren Kunden pflegen; andererseits müssen sie aber auch immer mehr Vorgaben erfüllen und Leistungen erbringen. In diesem Spannungsfeld wird ein Teil des Drucks unwillkürlich an die Kunden abgegeben. Mit Disziplinierungsmaßnahmen sollen die eigenen Kunden regelrecht "erzogen" werden. Letztlich bedeutet dies, dass diese lernen müssen, sich an die örtlich vorhandene Tafelstruktur anzupassen.

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Autor:  Stefan Selke
Datum:  10 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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