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27. Juli 2007

Abgeschreckt vom Beruf des Ingenieurs

 Von MANFRED SCHWERES
Manfred Schweres ist Professor an der Universität Hannover.  Foto: privat

Die Unternehmen haben ältere Ingenieure entlassen, die Weiterbildung in den Betrieben zurückgefahren, Aufstiegschancen verstellt. Kein Wunder, dass junge Leute um ein Studium der Ingenieurwissenschaften nun einen Bogen machen.

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Der Autor

Manfred Schweres ist Professor an der Universität Hannover. 1975 bis 2003 leitete er das Institut für Arbeitswissenschaft und Didaktik des Maschinenbaus (IADM) an der Universität Hannover. Forschungsschwerpunkt: Anwendung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse im Bildungswesen und in der Wirtschaftspraxis.

In der Zeitschrift "Die berufsbildende Schule" wird der hier in Auszügen dokumentierte Text demnächst erscheinen.

Der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Dieter Brucklacher deutet vorsichtig an, dass "die Wirtschaft an der Misere nicht ganz unschuldig ist. Die Industrie habe Mitte der 90er Jahre Ingenieure entlassen und damit junge Leute vor dem Studium abgeschreckt."

In der Tat ist der Mangel an Ingenieuren von den deutschen Unternehmen mitverursacht. Forschungsergebnisse der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) belegen das. Bei den Anfängerzahlen der Ingenieurstudierenden gab es immer schon Zyklen, aber zu Beginn der 90er Jahre brachen die Zahlen regelrecht ein. Der Zusammenhang zwischen Nachwuchsmangel und beruflicher Unsicherheit, vor allem der Arbeitslosigkeit älterer Ingenieure, ist frappierend; der Einfluss der Arbeitsmarktlage und der personalwirtschaftlichen Managementstrategien auf die Studienerwartungen, die Berufs- und Lebensziele sowie zugehörige Motive und die Studierwahrscheinlichkeit offensichtlich.

Die heute wieder guten Berufsaussichten junger Hochschulabsolventen und die wachsenden Arbeitsmarktprobleme älterer Ingenieure ab 45 Jahre waren und sind höchst widersprüchliche Signale für Studierwillige, die nüchtern ihre Berufschancen abschätzen. Aber derart abschreckende Signale folgen der Logik der grundlegenden unternehmerischen Fehlorientierungen der letzten 25 Jahre mit ihrem "lean management" und der Übergewichtung kurzfristiger Gewinn- und Renditeoptimierungen.

Die Zahlen der HIS belegen, dass nicht nur die Chancen für den Berufseinstieg bei der Frage der Studienaufnahme entscheidend sind, sondern auch langfristige Erwartungen wie Arbeitslosigkeitsrisiko und Aufstiegschancen eine wichtige Rolle spielen. Und das Bild, das sich hier in den Betrieben zeigt, ist ernüchternd: Hierarchieebenen werden gestrichen, ganze Abteilungen ausgegliedert und sogar ins Ausland ausgelagert, Verdienstmöglichkeiten beschnitten, Berufseinsteiger zu Praktikanten gemacht usw. Die Personalpolitik dieser Betriebe verstößt also direkt gegen die Erwartungen potenzieller Studienanfänger, ausgerichtet auf Aufstieg, berufliche Sicherheit und hohen Verdienst.

Im Tief der Ingenieurnachfrage in den 90er Jahren befragten wir Studienanfänger/-innen des Maschinenbaus nach ihrem Studienwahlverhalten. Zum einen berichteten die Studierenden gehäuft von dem Unverständnis ihrer Mitschüler für ihre Studienwahl. Was habe - so wurde bei den künftigen Ingenieurstudierenden gefragt - sie bloß dazu getrieben, einen Berufsabschluss anzustreben, in dem es derart dramatische Freisetzungsraten gäbe?

Zum anderen berichteten die Studierenden über die demotivierenden Folgen persönlich bekannter Beispiele von Lean-management-Opfern, vor allem unter den älteren Ingenieuren, von Freisetzungen und Personalabbau auf der Ingenieurebene, von Verlagerungen ins Ausland usw. Verwundert es da, wenn viele potenzielle Ingenieurstudierende, von Begabung und Neigung her sich als "ingenieurnah" einschätzen, doch noch vor einem derartig risikoreichen Beruf zurückschreckten?

Wissenschaftlerinnen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit verweisen in ihrer Untersuchung auf die Bedeutung von Netzwerken und informellen Kontakten bei der Personalsuche und -gewinnung. "Am häufigsten wurde neues Personal über eigene Mitarbeiter und persönliche Kontakte gefunden (bei 34 Prozent aller Neueinstellungen). Die informelle Suche nach Bewerbern hat damit unverändert große Bedeutung. Dies bestätigt die anhaltende Relevanz beruflicher und sozialer Netzwerke sowohl für die Arbeitgeber als auch für die Arbeitssuchenden."

Da müssen sich die für die Technik (Konstruktion, Produktion, Vertrieb usw.) und für das Personalwesen verantwortlichen Firmeneigner und Spitzenmanager nicht wundern, dass mit der selbst verschuldeten Zerstörung ihrer Nachwuchs-Netzwerke die eigene Ingenieursuche und -gewinnung im angespannten Ingenieur-Arbeitsmarkt so erfolglos ist. (…)

Betriebliche Aus-, Fort- und Weiterbildung findet in vielen Betrieben auch nicht mehr statt. Sämtliche Anforderungen an die Heranbildung des Führungsnachwuchses werden einem Hochschulwesen aufgebürdet, das nur mühsam aus den abnehmenden Steuern finanziert wird, nach deren weiterer Senkung die Unternehmerverbände ständig rufen.

Bildungsaufgaben fallen, trotz gegenteiliger Beteuerungen, aus dem unternehmerischen Aufgabenspektrum heraus und werden der Gesellschaft und dem Einzelnen angelastet. Dabei verlangt die in heutigen Produktionsprozessen notwendige Disponibilität anwendungsorientierten Wissens und innovationsförderlichen Könnens gerade nach hochintegrierten Langfriststrategien, bezogen auf die eigene Belegschaft. Stattdessen wird diese Disponibilität durch Hire-and-fire-Methoden zu erzielen versucht, die Öffentlichkeit in Haft genommen und im großen Stil das Know-how vernichtet.

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