Kommt nach dem Slogan "Kein Blut für Öl", der den Irakkrieg der neunziger Jahre begleitet hatte, nun eine Neuauflage in zeitgemäßer Gestalt - "Kein Blut für Lithium"? Hatte der gerade erst zurückgetretene Bundespräsident Köhler doch Recht, als er auf dem Rückflug von seinem Afghanistanbesuch davon sprach, dass für eine Außenwirtschaftsnation "im Zweifel auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren."
Da war es wieder - das verdächtige I-Wort mit seinem Geruch kommerzieller, also niederer Begehrlichkeiten. Dementsprechend harsch fiel die Kritik aus. Jetzt überschlagen sich die neuesten Meldungen aus Afghanistan mit der Kunde, dort seien reiche Rohstoffvorkommen gesichtet worden. Schon spricht ein "internes Pentagon Memo" (aha!) von einem "Saudi Arabia of Lithium", also von einem strategischen Rohstoff ersten Ranges. Bedarf es weiterer Beweise, was "wirklich" hinter der westlichen Intervention steckt? Sofort orakeln die Auguren, damit könne auch die Abzugsperspektive für 2011 ins Rutschen kommen.
Klaus Naumann arbeitet als Zeithistoriker im Hamburger Institut für Sozialforschung. Veröffentlichung: "Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen" (Hamburger Edition; Bundeszentrale für Politische Bildung).
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Doch die Meldung vom Wüstenschatz lässt verschiedene Lesarten zu. Zunächst ist die Bewertung der Vorkommen ebenso vielschichtig wie ihre geopolitische Bedeutung. Die gute Nachricht lautet, ein künftiges Afghanistan wird nicht auf Drogenökonomie angewiesen sein. Es könnte seine Staatseinkünfte konsolidieren, aus eigener Kraft für die notwendigen Infrastrukturen sorgen und das Land mit dem ausstatten, was dringend erforderlich ist - Arbeitsplätze, Einkommen und Auskommen.
Die schlechte Nachricht folgt auf dem Fuße. Mehr als zuvor besteht die Gefahr, dass das Land zum Spielball im "Great Game" der Regional- und Globalmächte wird. Erbitterte Kämpfe um den Ressourcenzugang könnten ausbrechen. Die Bergung von Bodenschätzen, die Vergabe von Schürfrechten, der damit einhergehende Ausbau der Infrastrukturen, alles das ist dazu angetan, das bestehende Korruptionsregime zu neuen Auswüchsen zu treiben. Spannungen zwischen internen Akteursgruppen, zwischen Zentrale und Provinzen, zwischen den auswärtigen Konkurrenten werden nicht ausbleiben. Es steht in den Sternen, ob ein ressourcenreiches Afghanistan einmal Saudi-Arabien ähneln wird oder dem verwüsteten Nigeria und dem krisengeschüttelten Kongo. Doch das bloße Bestehen der Alternative zwingt zur Stellungnahme.
Bodenschätze waren kein Kriegs- und Interventionsgrund. Sind sie nun ein Argument dafür, "im Spiel" zu bleiben? Wer die Frage so stellt und damit verkürzt, hat von den geopolitischen Dimensionen des postsowjetischen Greater-Near-East-Konflikts wenig begriffen. Instabilitäten in dieser Großregion, die vom Gaza-Streifen bis nach Kirgistan und Kaschmir (um nur drei Signalbegriffe zu nennen) reicht, schlagen unmittelbar auf die kollektive Sicherheit der Staatengemeinschaft durch. Nichts an diesem desaströsen Setting hat sich durch das Bekanntwerden der afghanischen Bodenschätze verändert - außer der Tatsache, dass Lösungsanstrengungen für die vielfach verzahnten Regionalkonflikte noch dringender geworden sind.
Typisch deutsche Diskussion gegen das "Interesse"
Das betrifft auch Afghanistan. Das internationale Projekt, einen Beitrag zur Stabilisierung und Konsolidierung afghanischer Staatlichkeit zu leisten, Aufstandsbewegungen zu bekämpfen und Wege zu einem innerafghanischen Ausgleich zwischen den - freilich ungleichen! - Konfliktparteien zu ebnen, ist alles andere als inaktuell. Man kann dieses Argument aber auch umkehren. Sollten sich Wirtschaftsinteressen an das afghanische Engagement heften, was wäre daran so verwerflich, wenn und sofern sie - und das ist der Punkt, da Politik beginnt - diesem Engagement zu Ernsthaftigkeit, Nachhaltigkeit und Perspektive verhelfen.
Im Grunde führen wir wieder einmal eine sehr deutsche Diskussion. Noch immer bezieht sie ihr Pathos aus dem Affekt gegen das "Interesse", besonders wenn sich dieses als wirtschaftlich oder national zu erkennen gibt. Ein symptomatischer Gegensatz spaltet hier die Lager. Die einen verbinden mit dem dirty word Willkür und Borniertheit. Überzeugungskraft erschleichen sie sich mit der moralisierenden Gleichsetzung von Gründen und Motiven, denn sie wissen immer schon, was "wirklich" dahinter steckt. Die Komplexität der Wirklichkeit schmilzt zusammen auf wenige treibende Kräfte und ihr verschwörerisches Agieren. Die Gegenseite hat freilich nicht begriffen, dass die bloße Auflistung von Interessenkatalogen (siehe Weißbuch 2006) nicht ausreicht, das politische Entscheiden und Handeln strategisch auszurichten. Ihre Rechtfertigungen bleiben begründungsarm und kurzatmig.
Hat man schon von einer Kanzlerin gehört, die es verstünde, das afghanische Geschehen und die deutschen Interessen in einem Atemzug zu benennen, ohne sich hinter Formeln wie Bündnissolidarität, Berechenbarkeit und Verantwortung zu verbergen?
Noch wartet man auf offene Worte, die uns etwa daran erinnern, dass an die 40 Prozent der deutschen Energiezufuhren durch die Straße von Hormoz verschifft werden. Die deutsche Politik hat natürlich ein Interesse daran, gleich welcher Konzern an diesen Mineralien verdienen mag, dass diese Zufuhr, sprich: der freie Welthandel, ungehindert erfolgt. Wie das zu sichern ist, darüber wird man sich immer wieder streiten müssen. Alles andere liefe darauf hinaus, die Straßenverkehrs-, lies: die öffentliche Ordnung deshalb abzulehnen, weil ohnehin nur Autokonzerne und S-Klasse-Besitzer davon profitieren.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.