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Afghanistan: In der Opium-Hölle

Karsai führte uns an der Nase herum: die USA stecken Milliarden in den Aufbau der Infrastruktur; die USA und ihre Verbündeten bekämpfen die Taliban; Karsais Freunde werden reich durch den Drogenhandel; er kann dem Westen die Schuld an seinen Problemen geben; und im Jahr 2009 wird er wiedergewählt.

Zwischenzeitlich hatte der Präsident Izzatulla Wasifi, einen verurteilten Drogenhändler, als Leiter seiner Anti-Korruptions-Kommission ein. Ihm zur Seite stellte Karsai noch einige korrupte Polizeichefs. Aus diplomatischen Quellen wussten wir, dass sein Bruder Ahmed Wali, dem halb Kandahar unterstand, in den Drogenhandel verstrickt war.

Die afghanische Regierung und das Pentagon mussten schließlich Farbe bekennen, als es um den Einsatz von Schutztruppen ging. Auf internationalen Konferenzen erklärte sich Afghanistan endlich - unter europäischem Druck - bereit, in den ersten Monaten dieses Jahres 50.000 Hektar (mehr als 25 Prozent der Gesamternte) zu vernichten. Hierbei sicherten sie den Einsatz der afghanischen Nationalarmee als Schutztruppe zu.

Der Plan war einfach. Die afghanische Schlafmohn-Vernichtungseinheit sollte mit zwei Bataillonen der Nationalarmee in die Provinz Helmand ziehen und die Felder der wohlhabenderen Bauern vernichten - darunter Felder im Besitz von örtlichen Beamten. Der militärische Schutz der Vernichtungseinheit sollte es auch ermöglichen, einige Drogenbosse zu verhaften. Die US-Armee, die die afghanische Nationalarmee ausgebildet hatte, sollte bei der Truppenbewegung helfen und den Bereich von außen sichern, aber nicht direkt an der Erntevernichtung oder an den Verhaftungen beteiligt sein.

Leider wurde der Plan von Karsai und seinen Freunden im Pentagon wiederum torpediert. Zunächst entließ man Anthony Harriman aus dem Nationalen Sicherheitsrat und setzte einen Oberst auf seinen Posten, der einer alten Pentagon-Tradition verpflichtet war, nämlich der, dass "wir mit Drogen nichts zu tun haben". Als die Ausführung des Plans gefährdet schien und ich mit General Lute und Stephen J. Hadley, dem Berater für Nationale Sicherheit, in Kontakt treten wollte, wurde das von diesem Oberst verhindert. Wir baten mehrere Pentagonbeamte, sich beim afghanischen Verteidigungsminister für den Einsatz einer Schutztruppe stark zu machen, aber getan wurde wenig.

Infolgedessen zog Ende März die Vernichtungseinheit ohne den versprochenen Schutz der Nationalarmee gen Helmand. Sie gerieten praktisch sofort für mehrere Tage unter schweren Beschuss - 107-Millimeter-Raketen, Granatwerfer, Maschinengewehrfeuer und Mörsergeschütz. Drei Mitglieder der Einheit starben, mehrere wurden verletzt. Vernichtet wurden nur etwas mehr als 1000 Hektar - ungefähr ein Prozent der Gesamternte in Helmand -, bevor man sich nach Kabul zurückzog.

Im Frühling trafen weitere US-Truppen in Afghanistan ein. Sie bestanden aus fähigen Männern, aber sie wussten nichts über den Drogenhandel. Als sie im südlichen Afghanistan eintrafen, sagten sie, sie würden den Opiumanbau nicht stören - "nicht unsere Aufgabe." Ungeachtet der Weizenknappheit und drohenden Hungersnot sagten Truppenangehörige in Interviews, dass die Bauern keine andere Wahl hätten, als Mohn anzubauen.

Zur selben Zeit traf die 101. US-Luftlandedivision in Ost-Afghanistan ein. Die Befehlshaber informierten Botschafter Wood sofort, dass sie die Erntevernichtung nur zulassen würden, wenn das Außenministerium den Bauern den Gegenwert ihrer Opium-Ernte auszahlte. Die Zahlung von Entschädigungssummen ist im Kampf gegen Drogen jedoch kontraproduktiv: Zahlt man den Bauern den Gegenwert ihrer Ernte, nehmen sie das Geld, bauen im nächsten Jahr wieder an und lassen sich wieder auszahlen. Und die Bauern, die noch keinen Schlafmohn angebaut hatten, werden umsteigen, um die Entschädigung zu kassieren. Experten nennen diese Art von Angebot einen "perversen Anreiz", der noch nie funktioniert hat. Er funktionierte auch nicht in Ost-Afghanistan. Die Bauern standen Schlange, um ihre Ernte vernichten zu lassen und das Geld zu bekommen.

Am 12. Mai erklärte General Khodaidad bei einer Pressekonferenz in Kabul, die Anti-Opium-Aktion 2008 in Süd-Afghanistan sei gescheitert. Die Erntevernichtung würde sich dieses Jahr auf weniger als ein Drittel der 20.000 Hektar vom letzten Jahr belaufen. Im Norden und Osten - insbesondere in den Provinzen Balkh, Badakhshan und Nangarhar - sei eine Verbesserung der Lage zu verzeichnen, zurückzuführen auf starke politische Einflussnahme und eine bessere Zusammenarbeit von Militär und Zivilisten. Im Machtzentrum der Karsai-Regierung jedoch - Kandahar und Helmand - würden im Vergleich zu den Vorjahren Rekordernten eingefahren, weniger Felder vernichtet und weniger Leute verhaftet werden. Und die Taliban würden stärker werden.

Trotz dieser Entwicklung stellten die Afghanen schnell eine optimistische Einschätzung ihrer Fortschritte für die Pariser Afghanistan-Konferenz zusammen, wo am 12. Juni Staatschefs aus der ganzen Welt, darunter Karsai, zusammenkamen, was an die Londoner Konferenz von 2006 erinnerte. In Paris sammelte die afghanische Regierung mehr als 20 Milliarden Dollar an zusätzlicher Entwicklungshilfe ein. Das Drogenproblem jedoch war ein Ärgernis, das den finanziellen Erfolg gefährden konnte. Also wurde die Drogenproblematik von der offiziellen Tagesordnung gestrichen und eine Woche vor der Konferenz in einer 50-minütigen geschlossenen Diskussionsrunde mit niedrigerer Priorität abgehandelt.

Das ist der aktuelle Stand der Dinge. Die einfache Lösung für das Problem ist und bleibt die im Jahr 2007 ausgearbeitete Strategie. Folgende Schritte sind nötig:

1. Präsident Karsai muss klar gemacht werden, dass er die Unterstützung durch die USA verliert, wenn er weiterhin Drogenbarone und Opiumbauern beschützt. Karsai sollte ein Verordnung herausgeben, die den Schlafmohnanbau ohne Ausnahme untersagt. Er sollte die Bauern anweisen, Weizen anzubauen, und ihnen den aktuellen Weizenpreis garantieren. Gleichzeitig muss Karsai die truppengeschützte Erntevernichtung sowie die Bestäubung aus der Luft in Helmand, Kandahar und überall dort autorisieren, wo illegal Mohn angebaut wird.

2. Das Pentagon muss angewiesen werden, dieses Vorgehen zu unterstützen. Alliierte und afghanische Truppen sollten so eingesetzt werden, dass die afghanische Anti-Drogen-Polizei große Drogenbosse verhaften kann. Truppengeschützte Erntevernichtungsaktionen sollten eingeleitet werden, so dass das von Afghanistan vorgegebene Ziel von 50.000 Hektar erreicht wird.

3. In Kabul müssen mehr D.E.A.-Agenten eingesetzt werden, die den afghanischen Generalstaatsanwalt dabei unterstützen, Drogenhändler und korrupte Beamten ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit (Paschtunen aus dem Süden eingeschlossen) strafrechtlich zu verfolgen.

4. Die neuen Entwicklungsprojekte in den Provinzen, wo kein Schlafmohn mehr angebaut wird, sollten schnell umgesetzt werden. Der Norden muss für seine Bemühungen, den Schlafmohnanbau abzuschaffen, belohnt werden. Allerdings sollte die Belohnung nicht in Form von Bargeld an die Bauern für die Vernichtung ihrer Ernte erfolgen.

5. Die Alliierten können entweder bei der Ausführung des Planes behilflich sein oder sich heraushalten und uns bei unserer Arbeit nicht behindern. Es gibt noch mehr sinnvolle Dinge, die getan werden könnten: eine stärkere Einbeziehung der Nachbarstaaten; mehr Drogenkliniken; Einfuhrstopp von Chemikalien zur Heroinherstellung. Wenn wir - Afghanistan und die USA - nur die oben aufgeführten fünf Punkte umsetzen, machen wir aus einem rechtsfreien Raum einen Rechtsstaat - und drehen den Taliban ihren größten Geldhahn ab.

Übersetzung: Andrian Widmann

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Datum:  15 | 8 | 2008
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