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Afghanistan: In der Opium-Hölle

Präsident Hamid Karsai und seine Regierung sind in die milliardenschweren Geschäfte der Drogenbarone verstrickt. Das Pentagon behindert die eigenen Anti-Drogen-Behörden - sagt ein Insider.

Droge gegen den Hunger: Opiumkonsument in einer Ruine in Kabul.
Droge gegen den Hunger: Opiumkonsument in einer Ruine in Kabul.
Foto: dpa

Hamid Karsai traf ich zum ersten Mal am 21. März 2006, einem klaren und kalten Tag in Kabul. Der afghanische Präsident, George Bush nebst Ehefrau sowie Außenministerin Condoleezza Rice und der Botschafter Ronald Neumann eröffneten die neue US-Botschaft. Karsai dankte dem amerikanischen Volk für die Unterstützung Afghanistans.

Ich arbeitete für die Anti-Drogen-Behörde und war gerade in einem Land eingetroffen, das 90 Prozent des Weltbedarfs an Heroin deckte. Karsais vehemente Rede gegen den afghanischen Drogenhandel nahm ich sehr ernst. Das war mein erster Fehler.

Hintergrund zum Artikel
Die Droge

Der Autor

Thomas Schweich arbeitete von Ende 2005 bis Anfang 2008 für die Anti-Drogen-Behörde des US-Außenministeriums (D.E.A.) in Afghanistan. Im Juni dieses Jahres schied er aus der Behörde aus. Er war außerdem federführend tätig in der Internationalen Drogen- Strafverfolgungsbehörde (INL). Er hat in Yale und Harvard Jura studiert.

Die INL mit Sitz in Washington berät den US-Präsidenten und das US-Außenministerium im Anti-Drogen-Kampf. Bezogen auf Afghanistan spielt sie somit auch eine wichtige Rolle im Anti-Terror-Kampf.

Seinen Insider-Report hat Schweich Ende Juli im Magazin der New York Times veröffentlicht. Der afghanische Präsident Karsai hat die darin erhobenen Vorwürfe mittlerweile zurückgewiesen. In seiner Amtszeit seien mehr Drogenbarone und Schmuggler festgenommen worden als je zuvor. Tatsache ist, dass seit dem Sturz des Taliban-Regimes der Opium-Anbau extrem zugenommen hat.

Zur Sache

Die Ursachen für die Erfolglosigkeit im Kampf gegen den Opiumanbau in Afghanistan sind vielfältig. Die Schwierigkeiten begannen damit, dass weder die USA noch die internationale Gemeinschaft einen Plan hatten, wie das Land am Hindukusch nach dem Ende der Taliban-Herrschaft aufzubauen wäre.

Fast drei Jahrzehnte lang war das Land zerrüttet worden: Auf den Kampf gegen die Sowjetunion folgte der Bürgerkrieg der Volksmudschahedin und schließlich das Steinzeit-Regime der Taliban. Wie stark viele Menschen dadurch traumatisiert waren und wie viele langfristige Kriegsfolgen zu bewältigen waren, unterschätzten die politischen Akteure.

Die internationale Gemeinschaft schickte nicht genügend Soldaten, um Sicherheit im ganzen Land herzustellen. Dieses Machtvakuum in vielen Regionen nutzten Aufständische und Kriminelle für ihre Zwecke.

Hilfsgelder in Milliardenhöhe waren dem Land zugesagt, doch die Geberländer überweisen die versprochenen Mittel bis heute nicht vollständig. Und: Ein Teil des Geldes fließt wieder zurück Richtung Europa und USA - weil dort die Auftragnehmer vieler Aufbauprojekte sitzen.

Der Kampf gegen den Drogenanbau ist den wenigsten Akteuren im Land so wichtig wie der US-Behörde zur Drogenbekämpfung. Viele westliche Staaten überlassen das Thema den Afghanen auch deshalb, weil sie meinen, das Volk solle sein Schicksal selbst bestimmen. Diese entwicklungspolitischen Grundsätze stehen dem Ansatz des US-Drogenbeauftragten Schweich entgegen. Es wird noch lange dauern, bis der Opiumanbau wirkungsvoll zurückgedrängt sein wird. ara

Der Markt

Afghanistan ist nach wie vor der Drogenlieferant Nummer eins. 90 Prozent der weltweiten Opium-Menge stammt aus dem Land am Hindukusch. Die Tendenz ist steigend.

Im jüngsten UN-Drogenbericht, veröffentlicht 2007, heißt es, dass allein im Jahr 2006 etwa 6100 Tonnen des für die Herstellung von Heroin nötigen Opiums hergestellt wurden, 45 Prozent mehr als im Jahr davor.

Die Anbauflächen für Schlafmohn wuchsen um 156.000 Hektar, mehr und schneller denn je. Nach UN-Schätzungen wurden im Jahr 2007 mehr als 8200 Tonnen Opium hergestellt (Exportwert: vier Milliarden US-Dollar).

Zu den Hauptanbaugebieten in Afghanistan zählt die im Süden gelegene Provinz Helmand, eine Hochburg des Widerstands gegen die Regierung Karsai und die Nato-Truppen.

Auch Karsai-Anhänger profitieren vom Drogen-Geschäft - und schmieren laut Anti-Drogen-Kämpfer Thomas Schweich zudem höchste Regierungsbeamte.

Die Folgen der Heroin Schwemme

Der Anbau von Schlafmohn ist ein Problem in Afghanistan, ein anderes ist die nach wie vor weitgehend ungestörte Einfuhr jener Chemikalien, mit denen aus Opium Heroin hergestellt wird. Die UN befürchten, dass die ständigen Rekordmengen an afghanischem Heroin zu niedrigen Preisen führen - und in der EU und in den USA zu einer dramatisch steigenden Zahl von Abhängigen und Drogentoten führen könnten.

Opium ist der getrocknete Milchsaft aus den Samenkörnern des Schlafmohns. In der Medizin als Schmerzmittel verwendet, wird Opium in Afghanistan vor allem von an chronischem Hunger Leidenden eingenommen, um den Appetit zu zügeln. Opium macht schnell abhängig, die Langzeitfolgen des Dauerkonsums sind: rapider und dramatischer Gewichtsverlust, Depressionen, hohe Suizidgefährdung. Heroin (chemisch: Diacetylmorphin) wird halbsynthetisch hergestellt. Die Ausgangssubstanz ist Morphin, das aus Rohopium gewonnen wird.

In den folgenden zwei Jahren sollte ich herausfinden, wie tief die afghanische Regierung in den Opiumhandel verstrickt ist - indem sie ihn vor amerikanischen Anti-Drogen-Maßnahmen schützt. Es stimmt zwar, dass Karsais Gegner, die Taliban, sich durch den Drogenhandel finanzieren, doch machen das viele seiner Unterstützer ebenfalls. Gleichzeitig haben sich einige unserer Nato-Verbündeten gegen die Anti-Opium-Offensive ausgesprochen, genauso wie das Verteidigungsministerium der USA, das den Kampf gegen den Drogenhandel gern anderen überlassen würde, sobald der eigentliche Krieg beendet ist.

Allerdings wird der Krieg kaum ein Ende haben, so lange sich die Taliban durch Drogen finanzieren können - und so lange die Regierung in Kabul auf den Opiumhandel angewiesen ist, um an der Macht zu bleiben.

Der Umfang des Problems war mir spätestens seit Dezember 2005 bewusst. Damals erfuhren wir, dass afghanische Bauern allein in den zwei zurückliegenden Monaten 60 Prozent mehr Mohn angebaut hatten als im ganzen Jahr davor. Die Ernte im Jahr 2006 würde die größte der Drogengeschichte werden.

Vier Monate später war ich zu Gast im Weißen Haus. Ich traf Vizepräsident Cheney, Außenministerin Rice und Verteidigungsminister Rumsfeld. Ich schlug unter anderem die Vernichtung der Mohnfelder vor, konsequente Unterbindung von Drogenlieferungen, härtere Strafen für Schmuggler sowie entsprechende Veränderungen im afghanischen Rechtssystem.

Ich betonte bei diesem und auch bei späteren Treffen immer wieder, dass die Vernichtung der Felder nicht einmal ein Drittel des den Afghanen zur Verfügung gestellten 500-Millionen-Dollar-Budgets für Drogenbekämpfung beanspruchen würde. Dennoch sorgte dieser Vorschlag für Kontroversen. In Guatemala, Südostasien und Pakistan hatte sich die simple Methode, Pestizide mit Sprühflugzeugen zu verteilen, bewährt. Aber Präsident Karsai lehnte das für Afghanistan immer wieder ab. Er fürchtete, die Menschen könnten glauben, sie selbst würden aus der Luft vergiftet werden. Und das wiederum könnte ihn Macht und Einfluss kosten.

Meine Kollegen und ich waren verblüfft über diese Argumentation. In vielen Ländern wird die von uns vorgeschlagene Chemikalie Gyphosat eingesetzt. In den gesamten USA benutzen es Farmer gegen Unkraut, in ganz Europa, und afghanische Drogenbarone besprühen damit ihre Gärten.

Also verlieh ich meinen Forderungen stets Nachdruck - auch im Weißen Haus. Rumsfeld stand damals, Anfang 2006, allgemein in der Kritik. Als er meine Vorschläge abzuwehren begann, brachte Außenministerin Rice ihn kurzerhand zum Schweigen. Ihre Reaktion wertete ich als gutes Zeichen. Das Treffen im Weißen Haus schien sich gelohnt zu haben, zumal mir mehrere Mitarbeiter bestätigten, dass auch Präsident Bush ein "großer Befürworter von Drogenvernichtung aus der Luft" sei. Vizepräsident Cheney sagte nur einen Satz zu mir: "Sie haben einen schweren Job."

Der Job sah so aus: Die Anti-Drogen-Behörde (D.E.A.) arbeitete im Kampf gegen den Heroinhandel mit Afghanistan zusammen. Drogenbarone und Schmugglerringe wurden ins Fadenkreuz genommen. Hervorragende Beamte waren im Einsatz, doch waren es nicht genug. Und sie erhielten nicht die Kampfhubschrauber und andere Ausrüstungsgegenstände, die Rumsfelds Pentagon zur Ausbildung der Anti-Drogen-Polizei in Afghanistan versprochen hatte.

Zudem war das Pentagon von einer Vereinbarung zurückgetreten, die der D.E.A. die Rampenbenutzung am Flughafen von Kabul zugesichert hatte. So kamen Drogenlieferungen weiter ungehindert durch. Weniger als ein Prozent des in Afghanistan produzierten Opiums konnte dort beschlagnahmt werden. Noch schwieriger wurden die Bedingungen, als Benjamin Freakley, der in der Region zuständige General, alle Operationen der D.E.A. und der afghanischen Anti-Drogen-Polizei in Nangarhar - einem der Knotenpunkte des Heroinhandels - einstellen ließ. Der General fand, dass die Anti-Drogen-Operationen seine Militäraktionen unnötig behinderten.

Das Justizministerium hatte gerade erst eine Anti-Drogen-Einheit eingerichtet, und die Ressourcen zur Strafverfolgung waren zunächst begrenzt. Die Gerichtsbarkeit Afghanistans war aufgeteilt zwischen den Stämmen, religiösen Führern und unterbezahlten, leicht bestechlichen Richtern.

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Datum:  15 | 8 | 2008
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