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Amok-Läufe: Was denkbar ist

Das hat sich dramatisch geändert. Amokläufe sind im 21. Jahrhundert nicht mehr aus dem potenziellen Verhaltensrepertoire wegzudenken. Sie existieren. Medial, wissenschaftlich, literarisch und manchmal leider auch tatsächlich. Während sie seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunächst vereinzelt, vorzugsweise in mittleren Städten der USA auftraten, scheint sich ihre Frequenz zu beschleunigen und ihr Radius auszuweiten.

Längst sind Amokläufe auch in Kanada, Australien, England, Finnland, der Schweiz und nun auch vermehrt in Deutschland zu beklagen. Die Fälle scheinen sich zu häufen, während die Abläufe nahezu identisch bleiben. Ein wichtiger Aspekt scheint zu sein, dass die Schützen jeweils aufeinander Bezug nehmen. Frühere Amokläufer und Amokfälle werden ihnen zum Vorbild, dem sie explizit nachstreben und das sie bewundern.

In diesem Kreislauf spielen die Medien eine wichtige, vielleicht die zentrale Rolle. Sie bieten die Plattform, sie produzieren die Bilder, die den Amoklauf im öffentlichen Gedächtnis einbrennen, ihn zum Skandal und den Schützen unsterblich machen. Wenn dies so ist, werden sich Amokläufe zukünftig häufen, professionalisieren und weiter brutalisieren - Verschärfungen des Waffenrechts, Schulpsychologen und Gewaltdiskurs bieten nur einen löchrigen Schutz gegen diese perfide Logik.

Auch der aktuelle Amokfall schickt sich an, das Muster fortzusetzen. Seit Tagen sind die Zeitungen voll davon. Leitartikel, Reportagen, Sondersendungen und Hintergrundberichte verdrängen selbst die Wirtschaftskrise in die zweite Reihe. Das Bedürfnis zu berichten, erklärt sich aus der Erschütterung und Betroffenheit.

Amokläufer handeln gegen alle zivilisierten Verhaltensregeln. Die mediale Berichterstattung lässt sich als Reflex gegen diesen Zivilisations- und Kulturbruch lesen. Vereinzelt mag sie außerdem durch Sensationsgier und Quotenhunger befeuert werden. Nachrichtenwert und Informationsgehalt rechtfertigen die Flut an Bildern und Aufmerksamkeit keinesfalls, vielmehr zeitigt ein riesiger medialer und analytischer Aufwand überaus magere Ergebnisse. Die Resultate der Debatte sind so unspezifisch, dass es unmöglich ist, daraus effektive Präventionsstrategien abzuleiten.

Die erneute Verschärfung des Waffenrechts, Altersgrenzen für Killerspiele, mehr Psychologen an Schulen, eine Kultur der Anerkennung, die Vermittlung von Frustrationstoleranz, dies alles sind richtige und wichtige Ansätze. Vielleicht machen sie die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Amoklaufs etwas geringer, verhindern werden sie ihn nicht.

Deutsche Medien - allen voran die Printmedien - haben bereits einmal zu einer erheblichen Verbesserung der inneren Sicherheit beigetragen. Ihre zähe und andauernde Berichterstattung trug die omnipräsente Waffengewalt auf deutschen Straßen in die Parlamente und Ausschüsse und mündete schließlich 1910 in den ersten Entwurf eines deutschen Waffengesetzes.

Es bedurfte eines verlorenen Weltkrieges, blutiger Straßenkämpfe und wiederum vielfacher Leitartikel, bis der deutsche Reichstag 1928 schließlich das Gesetz über Schusswaffen und Munition verabschiedete, das erstmalig Waffenbesitz und Waffengebrauch in Deutschland umfassend regelte. Der medialen Skandalisierung von Waffengewalt danken die Deutschen ein restriktives Waffenrecht, das ihre alltägliche Sicherheit in den letzten 100 Jahren deutlich erhöht hat.

Im Falle von Amokgewalt scheint das altbewährte Rezept jedoch paradoxe Wirkung zu entfalten. Die Skandalisierung wird nicht mehr benötigt, um Politiker dazu zu bewegen, waffenrechtliche Nachbesserungen vorzunehmen, polizeiliche Ausbildung zu optimieren und Notfallpläne zu entwickeln - der Konsens für diese Maßnahmen ist so groß, dass er auch ohne mediales Dauerfeuer wirksam würde.

Gleichzeitig aber produziert das unerschöpfliche und unreflektierte mediale Interesse eine Perpetuierung des Amoklaufs und eine ungewollte Heroisierung der Täter. Darin liegt bereits die neue Saat. Vorbilder werden geschaffen und medial um die ganze Welt geschickt. Hinsehen bedeutet in diesem Fall abschalten. Wer den Amoklauf von morgen verhindern will, muss die maßlose Dokumentation darüber heute unterlassen.

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Autor:  DAGMAR ELLERBROCK
Datum:  17 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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