Waffen in Deutschland: Ein nützliches Accessoire und ein unverzichtbarer Gegenstand seien Schusswaffen für die deutsche Jugend geworden, berichtete der Oberstaatsanwalt aus Hamm 1911 dem preußischen Innenminister. Namentlich halbwüchsige Burschen - so die Wahrnehmung seines Breslauer Kollegen - seien es, die sich in den Besitz von Feuerwaffen brächten.
Lehrlinge und Gesellen, Schüler und Studenten, sie alle investierten das erste Gehalt oder die mageren Groschen vom Zeitungsaustragen in eine Schusswaffe neuester Bauart. Browning Pistolen und moderne Revolver waren die begehrtesten Modelle. Bei sich trugen die Knaben diese Waffen nahezu überall: unterwegs in der Bahn und auf dem Fahrrad, samstags im Gasthaus oder auf der Kirmes, an der Arbeitsstelle, in der Kirche, auf dem Standesamt und natürlich auch im Hörsaal und im Klassenraum.
Dagmar Ellerbrock ist Historikerin an der Universität Bielefeld.
Auffällig wurden viele von ihnen. Konflikte, die mit Schusswaffen ausgetragen wurden, gab es unzählige. Enttäuschte Liebe, ein Bier zu viel oder schlichtweg Langeweile - ein Schuss aus den locker sitzenden Waffen war schnell provoziert und abgegeben. Verletzungen - leichte, schwere und tödliche - waren häufig.
Deutsche Verhältnisse waren das, anzutreffen in der Stadt und auf dem Land, im Norden und im Süden, in Breslau und Berlin genauso wie in München, Stuttgart oder Metz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Überliefert sind diese Zustände aus der Feder von Polizeibeamten, Oberstaatsanwälten und Ministern.
Sie dokumentierten Waffentypen und -preise, entwarfen Alterscluster und Tatorttopographien, identifizierten Anlässe und Motive von Waffengewalt. Ihre Berichte waren präzise, detailliert und glaubwürdig. Über Amokläufe berichtete nicht ein einziger von ihnen.
Das ist bemerkenswert, rückt es doch die dieser Tage diskutierten Zahlen und Zusammenhänge in ein neues Licht. 15 Waffen habe der Vater des Amokschützen Tim K. besessen und mehrere tausend Schuss Munition - eine Armierung, die wohl von jeder beliebigen deutschen Schulklasse am Vorabend des Ersten Weltkrieges mit Leichtigkeit überboten worden wäre.
Die Pfälzische Rundschau beklagte 1911 die "Massenüberschwemmung unseres Volkes mit Revolvern", die per Versand, ohne Anzahlung und gegen billige Monatsraten "an jeden unerfahrenen Burschen ausgeliefert" würden. "Schießprügelwütig" sei die deutsche Jugend geworden, seitdem jeder "seine Spargroschen gegen ein Mordinstrument eintausche".
Die Münchner Neuesten Nachrichten empfahlen im selben Jahr "dass Eltern die Taschengeldausgaben ihrer Kinder schärfer kontrollieren sollten und die Lehrer in den Volks-, Mittel-, Fortbildungs- und Fachschulen bei ihren Schülern und Lehrlingen öfter eine unvermutete Taschenrevision vornehmen" müssten.
Ob diese Maßnahmen gegen die Schüsse und Verletzungen, denen in Klassenräumen und auf Pausenhöfen auch Mitschüler zum Opfer fielen, hätten Abhilfe schaffen können, ist zweifelhaft. Zentral ist indes, dass trotz der enormen Präsenz von Schusswaffen keine Amokläufe überliefert sind. Weder an Schulen noch anderswo.
Eine Ausnahme war der Amoklauf des Ernst Wagner im September 1913 im württembergischen Mühlhausen. Der Lehrer hatte zunächst seine Familie in Degerloch ermordet und danach in Mühlhausen zwölf Menschen erschossen. Die Öffentlichkeit reagierte entsetzt und betroffen. Sie beschreibt Wagner als das, was er war: ein Massenmörder.
Eine Schreckenstat habe der Lehrer aus Degerloch begangen, ein blutiges Verbrechen, das lediglich durch Wagners Wahnsinn oder seinen verlorenen Gottesglauben zu erklären sei. Das Etikett Amok findet sich nicht. Es war den Zeitgenossen unbekannt. Die Fassungslosigkeit ähnelte heutigen Empfindungen und speiste sich auch aus der Singularität des Ereignisses. Die große mediale Aufmerksamkeit, die Wagners "tollwüthige Tat" hervorrief, bezeugt ebenso wie die Art der Beschreibungen, dass der schwäbische Amoklauf ein Einzelfall war.
So bleibt, dass Amokläufe ein relativ neuartiges Phänomen sind. Im 19. Jahrhundert gibt es trotz enorm hoher Verbreitung von Schusswaffen keine Überlieferung von Schulamokläufen. Das Muster, bewaffnet in eine Schule oder Universität zu gehen, dort gezielt, erbarmungslos und ohne situativen Anlass Mitschüler und Lehrer hinzurichten, ist ein neuartiges Skript. Im Verhaltensrepertoire des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts scheint es nicht verfügbar gewesen zu sein.
Die Waffentechnologie war spätestens seit den 1880er Jahren amoktauglich und die Verbreitung moderner Schusswaffen in der Risikogruppe post-adoleszenter Männer lag bei nahezu 100 Prozent. Auch Schüler des 19. Jahrhunderts waren hin und wieder frustriert, hatten Liebeskummer oder litten unter sozialen Akzeptanzproblemen. Trotzdem war das uns heute so vertraute Phänomen des school-shootings unbekannt.
Erklären lässt sich dies nur mit der Un-Denkbarkeit dieses Verhaltensmusters. Schießereien auf dem Schulhof waren denkbar und wurden ebenso praktiziert wie auf der Straße oder in der häuslichen Wohnung. Geplante Amokläufe dagegen lagen nicht innerhalb des praktizierten Verhaltensrepertoires. Amokläufe waren nicht präsent, weder im Handeln noch im Reden oder Denken.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.