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04. August 2008

Callboys: Männer für gewisse Stunden

 Von Stephan Rathgeb
Richard Gere spielte im Film "Ein Mann für gewisse Stunden" von 1980 einen Callboy - und wurde damit berühmt. Foto: ap

Auch Frauen kaufen sich Männer, doch sie tun es anders. Zu Besuch bei Callboys - und bei einer Kupplerin, die ihren Kundinnen "heilige Huren" verkauft.

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Die erste Kundin hätte seine Mutter sein können. Er traf sie in einer Bar, sie kam gleich zur Sache. Marcel hegte zu Beginn noch die Hoffnung, die Dame wolle vielleicht doch nur ein wenig plaudern. Stattdessen sagte sie: Geh'n wir grad zu dir? Die Frau war 55 und korpulent. Er 25 und gut aussehend. Das fängt ja gut an, dachte er zuerst. Dann: Wenn du die schaffst, schaffst du alle.

Inzwischen ist Marcel 36 und hat viele Frauen gehabt. Und bei jeder habe er von Neuem erfahren: Frauen sind sehr viel wählerischer als Männer. Der Mann geht ins Bordell, sagt Marcel, verrichtet sein Geschäft und kommt nach 20 Minuten wieder raus. Frauen hingegen wollen keine schnelle Nummer. Lange Ausdauer im Bett gehört zur Grundausstattung für jeden Callboy, sagt Marcel. Sonst läuft dir die Frau davon. Frauen suchen das Sinnliche. Massieren steigert die Gefühle, auch Streicheln, weiß er. Und sonst halt: das normale Programm. Einen Superhengst mit Tigerhöschen suchen sie nicht. Sie wollen ganz einfach guten, normalen Sex. Und vor allem: Aufmerksamkeit, wahrgenommen werden als Frau. Außergewöhnliche Praktiken, sagt er, wurden bisher nie verlangt. Auch der Orgasmus, hat Marcel gelernt, sei für viele Frauen nicht so wichtig. Aber dass man ihr zuhört, sie in den Arm nimmt schon.

Was nach einer eher simplen Erkenntnis klingt, hat sich offenbar noch nicht überall in der Männerwelt herumgesprochen. In diesem Fall: in der Schweizer Männerwelt. Sonst gäbe es Männer wie Marcel nicht.

Sie warten nicht in Bordellen auf ihre Kundschaft. Callboys bieten ihre Dienste vor allem übers Internet an. Allerdings braucht es höchstens einen zweiten Blick, um zu merken, dass die meisten wohl nicht oft gebucht werden.

Schampi, 56, aus Luzern sieht etwas streng aus mit seinem Bart. Er sitzt auf einem biederen Sofa und macht sich nicht mal die Mühe, in die Kamera zu lächeln. Er bietet sich zu Dumpingpreisen an, 80 Franken (50 Euro) die Stunde genügen ihm. Doch Schampi erweckt nicht den Eindruck, als würde er sein Sofa oft verlassen.

E-phil, ein schlaksiger Typ mit Schlabberhosen, hat immerhin eine eigene Homepage. "Feste Frauen willkommen", lautet sein Begrüßungstext. Auch vertraut er seinem eigenen Charme offenbar nicht wirklich: Jedenfalls vertreibt er auf seiner Seite nebenbei noch Produkte zur Nahrungsergänzung. Und auch zum Ikea-Möbel-Zusammenbauen sei er durchaus brauchbar.

Marcel ist da von anderem Kaliber. Zwischen jenem ersten Treffen mit der rundlichen 55-Jährigen und heute liegen zehn Jahre als Callboy. Obwohl: Gigolo wäre vielleicht die bessere Berufsbezeichnung für einen, der behauptet: Frauen zahlen nicht für Sex, sondern für einen Partner.

Sex, sagt er, finde hier nicht als Tauschhandel statt. Während viele Männer allein schon die Phantasie anmacht, eine Frau für Sex zu bezahlen, ist der Kaufakt bei Frauen nie ein Thema. Er wird geradezu umschifft. Als sei es das Nebensächlichste der Welt, schieben ihm die Kundinnen meist schon zu Beginn den Umschlag mit den Banknoten zu. Nachzählen nicht nötig.

Marcel trägt einen dunklen Anzug. Kurze Haare. Elegante Schuhe. Wie es sich für einen Gigolo gehört. Ein gepflegter Dreitagebart signalisiert Männlichkeit. Er ist der Typ Mann, den Frauen gern erobern. Marcel ist ein attraktiver, aber stiller Mann. Er ist äußerst höflich, hat beste Manieren. Und ist eher gewohnt zuzuhören als von sich zu reden. Tagsüber arbeitet er im Büro, ein Vollzeitjob. Callboy zu sein ist für ihn ein Hobby, ein gut bezahlter Nebenjob, auf den er nicht angewiesen ist.

Marcel ruft nie eine Kundin an. Seine Diskretion ist für die meisten seiner Kundinnen ausschlaggebend. Fast alle haben einen Mann, aber keine erfüllte Sexualität.

Marcel hatte schon Hausfrauen, Businessfrauen, Selbstständige als Kundinnen. Stets seien die Frauen gepflegt, trügen schöne Dessous wie zu einem Date und seien, erstaunlich, wie er findet, alle rasiert. Wahrscheinlich, um sich eventuelle kritische Blicke zu ersparen. Viele hätten im Bett schlechte Erfahrungen gemacht, seien enttäuscht und verletzt worden, sagt der Callboy.

Marcel kostet 250 Euro. Ob eine Stunde oder zwei, er schaut nicht auf die Uhr. Da muss man großzügig sein, sagt er. Auf die Zeit achten sei für Frauen ein Abtörner. Beim ersten Mal seien seine Kundinnen oft nervös, sagt Marcel. Entschuldigten sich sogar, sie hätten sowas noch nie gemacht. Und wüssten gar nicht, wie das geht mit einem gekauften Mann. Dann übernimmt er die Führung. Die Frauen, sagt er, die zu mir kommen, wollen das, sie erwarten es. Sie wollen verführt werden. Dafür bezahlen sie.

Zum Sex kommt es immer gleich beim ersten Treffen. Die Frauen wollen nicht erst schnuppern. Als Begleitung fürs Theater hat ihn bisher noch keine gebucht. Auch nicht für einen gesellschaftlichen Auftritt. Die Frauen, die ihn buchen, wollen ihn für sich haben, deshalb greift auch die Mund-zu-Mund-Propaganda als Marketinginstrument nicht.

Einen Businessplan hat Marcel nie gemacht. Er hat sich ganz einfach ein zweites Handy gekauft. Und ein Inserat in der Annabelle geschaltet. Er schrieb nur: Callboy. Und dann die Handynummer. Bereits nach einer Woche klingelte das Telefon.

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