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Deep Purple: Wenn man sich unsterblich fühlt

40 Jahre Deep Purple - das ist auch die Geschichte von ewigem Streit. Ian Gillan und David Coverdale waren die Stimmen der Rocklegende. Wir haben mit beiden gesprochen: über Nostalgie, Ego-Kriege und alternde Rock-Machos.

In Stein gemeißelt: Ian Gillan (links) während seiner Sturm- und Drang-Phase auf dem Cover des Albums Deep Purple In Rock. Rechts neben ihm: Ritchie Blackmore, Jon Lord, Roger Glover und Ian Paice.
In Stein gemeißelt: Ian Gillan (links) während seiner Sturm- und Drang-Phase auf dem Cover des Albums "Deep Purple In Rock". Rechts neben ihm: Ritchie Blackmore, Jon Lord, Roger Glover und Ian Paice.
Foto: EMI

Mr. Gillan, Blueslegende John Lee Hooker grunzte mit fast 80 noch "I'm in the mood for your love" - und bekam den Grammy. Auf der Tour zu 40 Jahre Deep Purple singen Sie jeden Abend wieder "Come on baby, drive me crazy". Finden Sie es unfair, dass man sowas bei alten Rockern peinlich findet?

Ian Gillan: Ich hatte meine Midlife-Crisis zum Glück schon mit Ende 40. Da habe ich noch gegrübelt, wie man in meiner Zunft in Würde altert. Ich bin jetzt 63 und sehe es entspannter. Ich weiß, dass ich nicht mein ganzes Leben lang Lieder über schnelle Autos und Frauen schreiben kann. Heute haben wir unsere Musik erweitert. Seit Ritchie Blackmore durch Steve Morse ersetzt wurde, ist Purple eklektischer geworden, ein Mix aus Blues, Jazz, Klassik, Folk, Swing. Die düstere Zeit der Ego-Kriege und internen Grabenkämpfe ist vorbei.

Deep Purple

Ian Gillan, 1945 im englischen Hounslow geboren, wurde 1969 erstmals Sänger von Deep Purple, die 1968 gegründet worden waren. Mit Gillan und seinen Songs wie "Smoke On The Water" erreichte die Band Weltruhm. 1973 verließ er die Band, nahm Solo-LPs auf, sang bei Black Sabbath. 1984 war er bei der Reunion von Deep Purple dabei, 1989 verließ er die Band erneut im Streit mit Gitarrist Ritchie Blackmore. Seit 1992 singt Gillan wieder bei Deep Purple.

David Coverdale, 1951 im britischen Saltburn geboren, wurde 1973 Gillans Nachfolger. Er spielte mit Purple drei Alben ein, bis sich die Band 1976 auflöste. Nach zwei Solo-LPs gründete er 1978 Whitesnake, deren unumstrittener Bandleader er bis heute ist. Die Alben "Slide It In" (1984) und "1987" waren große kommerzielle Erfolge. Nach elf Jahren Pause erschien jetzt das elfte Album "Good to Be Bad".

Für die Jäger und Sammler wurden in den letzten Jahren alle wichtigen Purple-CDs neu abgemischt und zum 25- oder 30-jährigen Bestehen der Original-Alben mit üppigem Booklet und teils unveröffentlichten Songs wiederveröffentlicht: Wiederhören lohnt sich mit "In Rock", "Fireball", "Machine Head", "Who Do We Think We Are" und "Burn" (alle EMI).

Mr. Coverdale, kann ein Rockstar überhaupt in Würde altern?

David Coverdale: Ich bin das zuletzt gefragt worden, als Led Zeppelin sich vor einem Jahr für ihr Konzert in London wiedervereint haben - weil ich ja mit deren Gitarrist Jimmy Page 1993 ein gemeinsames Album eingespielt habe. Und die Led-Zep-Reunion war die beste Antwort: Solche Aufregung, solche Spannung und Aufmerksamkeit gibt es sonst nur bei tragischen Ereignissen, wie Hurrikanen oder Terroranschlägen. Dort sorgten einfach nur vier fantastische Musiker, die gemeinsam ihre Musik spielen wollten, dafür. Ich sah keinen, nicht mal den nörgelndsten, zynischsten Journalisten, der heimgegangen ist und gesagt hat: "Meine Güte, sind die alt geworden!"

Sie wollen also mit 80 noch Ihren Hit "I'm a lover hunter" singen?

Coverdale: Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich werde die Liebe in ihren immer breiter werdenden Aspekten erkunden und besingen. Vielleicht schreibe ich dann - in Anlehnung an unsere Hits - Songs wie "Slow and easy please", "Help me make it through the night" oder "I wish I could slide it in" (lacht). Im Ernst: Ich bin politisch sehr interessiert, aber ich hielt ein Rockkonzert nie für eine angemessene Plattform dafür. Gott schütze Bono - das ist sein Gig.

Es gibt ja noch andere Themen als entweder Sex oder Politik.

Coverdale: Ich bin ein Poet. Ich feiere die Liebe. Schon immer! Viele Leute halten meine Texte für sexistisch, dabei sollten sie nur sexy sein. Ich spreche über die Liebe - auf allen Ebenen. Ich habe vor Jahren aufgehört, dagegen anzukämpfen.

Obszöne Texte, nackte Frauen auf den Covern, Ihre Sexposen auf der Bühne: das wurde Ihnen nicht peinlich, als Sie Großvater wurden?

Coverdale: Nein, so überlege ich mir das nicht. Whitesnake gibt keine Warnhinweise an Eltern. Ich bin heute in der glücklichen Lage, für die dritte oder vierte Generation von Rockfans zu spielen. Aber wenn ich manchmal Zehnjährige im Publikum sehe, denke ich: "Bitte! Nicht! Lasst sie noch nicht zuhören!" Wenn ich die Bühne betrete, verstärke ich David Coverdale ums Zehnfache - und greife mir eben auch mal in den Schritt. Was das Alter angeht, denke ich aber, dass die Leute sich daran gewöhnt haben, dass die Kerle in den großen Bands heute Ende 50, Anfang 60 sind. Keiner erwartet, dass wir aussehen wie mit 20 - sondern dass wir immer noch mit Leidenschaft die großen Songs spielen. Musiker mögen alt werden und Images wirken irgendwann amüsant, aber Songs können für immer leben.

Mr. Gillan, Sie tönten Anfang der 70er noch: Wenn es gut läuft, halten wir bis Ende des Jahres durch. Jetzt sind Sie 40 Jahre dabei. Komisch, sich so geirrt zu haben?

Ian Gillan: So falsch lag ich ja nicht. Deep Purple haben damals irrsinnig oft die Besetzung gewechselt, ich selbst war zweimal draußen, kehrte dreimal zurück. Als ich das sagte, zur Zeit unserer größten Erfolge, dachte ich wirklich, das hält nicht länger als ein Jahr. Wenn man jung ist, fühlt man sich unsterblich. Wir hatten diesen aberwitzigen Erfolg, waren umgeben von Leuten, die uns nur sagten, was wir hören wollten. Wir hatten mehr Geld, als gut für uns war - aber keinerlei Lebenserfahrung. Die meisten von uns haben sich einfach nur blöd benommen.

Was ist Ihre liebste Erinnerung an die Zeit mit Deep Purple?

Gillan: Die an meinen ersten Auftritt mit Purple, im August 1969 in London. Es waren keine 50 Leute da, aber es war ein magischer Abend. Ich erinnere mich genau, wie ich zu Roger Glover am Bass rübersah, der mit mir neu in die Band gekommen war, und sagte: "Das ist es!" Ich hatte Tränen in den Augen, es war unglaublich. Wir hatten plötzlich diese unkontrollierbare Energie - unseren Rhythmus, ein irres Tempo. Da waren Ritchie Blackmore und Jon Lord, die sich mit ihren Soli duellierten - wir spielten uns in die Stratosphäre.

Mehr als einmal sind Sie beim Wiedereintritt in die Atmosphäre fast verglüht. Und wenn ein Bandmitglied ausgebrannt war - wie Sie selbst -, holte sich der Rest schnell und erbarmungslos neue Musiker. Sie selbst wurden von Blackmore gedemütigt, rausgeworfen, zurückgeholt. Wie hält man das aus?

Gillan: Diese rasenden Streits während der Tour waren in der Tat fürchterlich. Es gab oft keine Gespräche untereinander - so dass eben keine Band mehr auf der Bühne stand, sondern nur noch fünf Individualisten, die sich gegeneinander abmühten.

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Datum:  3 | 11 | 2008
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