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Denkschrift: Die Kirche aus der neoliberalen Falle holen

Wer wie die Denkschrift nur auf "ethisches Bewusstsein, klare Orientierung und Gebote sowie auf spirituelle Beheimatung" der Unternehmer setzt, um menschenunwürdigen Entwicklungen vorzubeugen, verzichtet auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen und lässt zu, dass sich die Krisen verschärfen. Die Denkschrift gerät prompt in die neoliberale Falle.

Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass die Denkschrift gerade in dem Moment erscheint, in welchem das Kartenhaus des Casino-Kapitalismus zusammenbrechen würde, wenn die Staaten nicht eingriffen? Dabei hätte in der Evangelischen Sozialethik und der Katholischen Soziallehre das bewährte Kriterium bereit gelegen: Arbeit vor Kapital. Ökonomische Prozesse vom arbeitenden Menschen her zu erschließen, wäre ein Ansatz gewesen, der die biblisch grundgelegte Option für die Armen wirtschaftsethisch sachgerecht auslegen kann. Die abhängige Arbeit und ihre reale Lage ist aus der Perspektive der Option für die Armen, welche die Denkschrift angeblich als Kriterium wählt, der kritische und ethische Maßstab zur normativen Beurteilung ökonomischer Systeme.

Die Summe einzelwirtschaftlichen Verhaltens ergibt einen makroökonomischen Prozess, der von den Einzelwirtschaften nicht intendiert wird. Dieser mikroökonomische Fehlschluss ist wieder in Mode gekommen, wo betriebswirtschaftlich "richtiges" Denken und Handeln auf die Makroebene übertragen und dort falsch wird.

Die ganze Heilige Schrift ist für eine Kirche, die sich evangelisch nennt, der theologische Maßstab ihres Redens und Handelns. So wird deutlich, dass nach dem biblischen Zeugnis Gerechtigkeit nicht etwas Zusätzliches zum Gottesglauben ist, sondern gerade darin zum Ausdruck kommt, ob wir es mit dem biblischen Gott oder einem Abgott zu tun haben. Klar und konkret reagieren die Propheten seit Amos auf sozio-ökonomische Fehlentwicklungen.

Sie kritisieren, dass Reiche das Land an sich bringen und die Oberen der Stadt gegen Bestechung Recht sprechen. Aus der prophetischen Kritik wird ein Recht geschaffen, dass die Armen schützt und ein erstes soziales Netz entfaltet. Deshalb stellt Jesus uns vor die Frage: Gott oder Mammon, biblischer Gott der Gerechtigkeit oder der Götze der Akkumulation von Reichtum ("Schätze sammeln"). Nichts von alledem ist in der EKD-Denkschrift zu finden.

Wie weit die real existierende Marktwirtschaft von den schönen Leitbildern abweicht, belegt der Dritte Armuts- und Reichtumsbericht des Bundesregierung und ist in jeder Lebensmittelausgabestelle von Diakonie oder Caritas zu besichtigen. Wie im Lehrbuch schreibt die Denkschrift gegen diese Realität an: "In einem Ordnungsrahmen, der sowohl scharfen Wettbewerb wie auch sozialen Ausgleich sichert, kann dieses Streben nach persönlichem Wohlergehen zugleich zum Wohlstand aller führen."

Das Vertrauen auf die "unsichtbare Hand", die angeblich Harmonie zwischen dem Streben nach persönlichem Vorteil und dem Gemeinwohl herstellt, ist der ideologische Kern der Religion des Marktes.

Folgerungen für die EKD

Indem die Denkschrift die von der Ökumene gestellten fundamentalen Systemfragen und die biblisch-theologischen Kriterien der Beurteilung und des Handelns bewusst ausblendet sowie stattdessen ein völlig irreales Bild des "ehrbaren Kaufmanns" und ein verkürztes und interessengeleitetes Verständnis einer angeblich noch leitenden "Sozialen Marktwirtschaft" zeichnet, legitimiert sie faktisch den in die Krise geratenen herrschenden Neoliberalismus.

Nach allem, was der Evangelischen Kirche in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts widerfahren ist, sehen wir uns heute dringend herausgefordert, zur Tradition der Theologie der Bekennenden Kirche zurückzukehren und eine neue Bekenntnisbewegung in Gang zu setzen.

Genau dies hat die weltweite ökumenische Gemeinschaft der Kirchen im Rahmen des ÖRK, des RWB und des LWB seit über zehn Jahren getan- wenn auch zögerlich oder gar nicht aufgenommen in den deutschen Kirchen und notorisch verdrängt in den Äußerungen der EKD. Dieser Bekenntnisprozess hat seinen Ausdruck gefunden in einer Serie von bedeutenden Konsultationen, die in den Vollversammlungen der genannten Organisationen und deren Beschlüssen ihren Höhepunkt fanden. Die 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes 2004 in Accra formuliert den Kernsatz: "Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird."

Wir rufen wir alle Christinnen und Christen sowie die Gemeinden und Landeskirchen auf, der Unternehmerdenkschrift auf biblisch-theologischer Grundlage und mit klaren Argumenten zu widersprechen, die EKD aufzufordern, die Anpassung an die herrschenden Mächte in Wirtschaft und Politik zu beenden, ihren eigenen sozialethischen Traditionslinien treu zu bleiben und in die weltweite ökumenische Gemeinschaft der Kirchen mit ihren Einsichten und Herausforderungen zurückzukehren.

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Datum:  23 | 10 | 2008
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