Herr Aust, Bernd Eichingers RAF-Film beruht auf Ihrem Buch, im Abspann tauchen Sie als "Berater" auf. Waren Sie oft am Set?
Stefan Aust: Nur gelegentlich. Ich war vor allem dabei, wenn an Originalschauplätzen gedreht wurde: beim Tod Benno Ohnesorgs vor der Deutschen Oper, beim Prozess in Stammheim und bei der Schleyer-Entführung in Köln. Viel öfter konnte ich nicht, ich hatte ja noch einen Job. (lacht)
...nämlich Chefredakteur des Spiegel, was Sie seit Februar nicht mehr sind. Haben Sie als jemand, der Entscheidungsgewalt gewohnt war, beim Dreh ständig reingeredet: "So war das damals aber gar nicht!"?
Aust: Im Gegenteil. Es ist für einen Regisseur oder Produzenten sicher die Pest, wenn sich ein Autor ständig einmischt. Ich habe mich ja wahnsinnig gefreut, dass Eichinger das Projekt umsetzen wollte. Das hatte ich mir jahrzehntelang gewünscht. Mein Job dabei war, die wichtigsten Szenen aus dem Buch zu ziehen. Zwar musste Eichinger im Drehbuch noch sehr viel auslassen, aber er hat alles sehr klug verdichtet und verschränkt. Da würde ich mir gar nicht anmaßen, ständig Ratschläge zu geben.
Moritz Bleibtreu: Stimmt, der einzige Einwand, den ich von dir gehört habe, war: "Solche Unterhemden hätte ich nie getragen!"
Aust: Der Schauspieler, der mich im Film darstellte, sollte ein Schiesser-Feinripp-Unterhemd anziehen! Mensch, meine Freundin war damals Moderedakteurin beim Stern, die hätte mich sowas doch nie tragen lassen!
Herr Bleibtreu, Sie spielen den RAF-Mitgründer Andreas Baader. Wie oft haben Sie Herrn Aust um Rat gefragt?
Bleibtreu: Für uns war es immer toll, wenn Stefan da war und wir nachbohren konnten. Durch den Film ist er ja nun selbst offiziell eine historische Figur...
Aust: Naja, historische Randfigur, würde ich sagen.
Bleibtreu: Neben Stefan hatten wir in Uli Edel einen echten Zeitzeugen als Regisseur. Eine Figur entsteht ohnehin durch gemeinschaftliche Arbeit, das gilt hier besonders. Wobei Baader ein Sonderfall war: Es gab von ihm weder Bild- noch Tonmaterial, so dass ich ihn mir erschließen musste wie jede andere, fiktive Figur. Zwar habe ich wochen-, monatelang recherchiert, aber irgendwann musste ich sagen: Jetzt vergesse ich das alles - und spiele ihn so, wie ich ihn interpretiere.
Haben Sie zur Vorbereitung Zeitzeugen gesprochen, die Baader persönlich kannten?
Bleibtreu: Ja, aber das war nicht sehr hilfreich. Gerade auf Täterseite. Baader selbst hätte ich zum Beispiel gar nicht sprechen wollen, wenn er noch leben würde. Ich hätte nicht gewollt, dass sich unser beider Leben auf irgendeine Art vermischen. Man muss klare Grenzen ziehen zwischen der Wirklichkeit und einem Spielfilm: Wer ein 100-prozentig realistisches Zeitdokument will, muss eine Dokumentation drehen.
Aust: Es ist ohnehin ein großer Irrtum, anzunehmen, dass ein Zeitzeuge es besser weiß. Gerade wer dabei war, hatte seine eigene Rolle, einen eigenen Ausschnitt der Wirklichkeit. Eine Art objektive Wahrheit muss man sich durch Recherche, durch Gespräche mit vielen Leuten erst erarbeiten. Bei so heiklen Themen haben gerade die, die darin verwickelt sind, sich mit den eigenen Taten auseinandergesetzt und alles so zurechtgelegt, dass sie damit leben können.
Herr Bleibtreu, Sie spielen Baader rowdyhaft, cholerisch, aber gerade anfangs auch als charismatischen Rebellen. Nach Drehbeginn tauchten erstmals O-Töne vom Stammheim-Prozess auf: Baaders Stimme war höher als Ihre, und er lispelte. Sind Sie beim coolen Baader geblieben, weil das kinotauglicher ist?
Bleibtreu: Das Irre ist: Wenn ich ihn mit der Lispelstimme gespielt hätte - und das haben wir gemeinschaftlich erörtert - hätte man eine unfreiwillige Komödie gemacht. Ich musste eher den Spirit Baaders einfangen als die reale Figur. Martina Gedeck hatte Dokumente, die Ulrike Meinhof in Bild und Ton zeigen, und stand so in der Pflicht, dem nahe zu kommen. Für mich und Johanna Wokalek ging das nicht, weil es solche Dokumente von Baader und Ensslin nicht gab. Also wollte ich gar nicht all die Baaders einfangen, die in den Köpfen herumschwirren. Der Ausdruck und das, wofür Baader stand, waren mir wichtiger als der Fakt, dass er zum Beispiel Linkshänder war.
Aust: Ich finde es auch richtig so. Um verständlich zu machen, was die Faszination für viele junge Deutsche ausgemacht hat, musste man zeigen, dass diese Leute Charisma hatten. Wären sie nur blöde Einfaltspinsel gewesen, wäre denen doch kein Einziger in den Untergrund gefolgt.
Bleibtreu: Besonders interessant daran ist, dass das Fernsehen damals ganz bewusst keine Aufnahmen von den RAF-Leuten zeigte. Man hatte Angst davor, Anführer zu erschaffen, Ikonen für diese diffuse Bewegung. Aus heutiger Sicht war das total kontraproduktiv: Wenn man Leute wie Baader einfach mal vor eine Kamera gezogen und sie sprechen lassen hätte, wäre der Mythos nie so groß geworden.
Aust: Bei Christian Klar war es tatsächlich so: Der war als Vertreter der zweiten RAF-Generation auch so eine Projektionsfigur geworden. Bis er eines Tages im Gefängnis von Günter Gaus interviewt wurde - und so dämliche Antworten gab, dass alle sagten: Das ist ein Nichts. Da verschwand sogar diese Horror-Ehrfurcht vor den Tätern. Man denkt nur noch: Solche Leute haben mal die Republik in Atem gehalten?
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.