Die erschütternden Anschläge des 11. September 2001 haben eine neue Form politischer Gewalt in westliche Metropolen gebracht. Den Protagonisten des "Neuen Terrorismus" scheint es primär um die Maximierung von Todesopfern und weniger um die Durchsetzung greifbarer politischer Ziele zu gehen. Das unterscheidet sie etwa von den westeuropäischen Terroristen früherer Jahrzehnte. Letztere wollten, dass "viele Menschen zuschauen, nicht dass viele Menschen tot sind", wie der US-amerikanische Terrorismusforscher Brian Jenkins vor einigen Jahren sarkastisch angemerkt hat. Dieses neuere Phänomen einer uneingeschränkten und rücksichtslosen Gewaltbereitschaft, die sich (wie in den Nahverkehrszügen von Madrid und London) unangekündigt und scheinbar wahllos gegen jede und jeden richten kann, erschüttert das Sicherheitsgefühl westlicher Gesellschaften.
Es ist deshalb nachvollziehbar, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf den transnationalen und religiösen Terrorismus konzentriert. Es ist aber nicht sinnvoll. Das Fokussieren auf einige wenige Merkmale nichtstaatlicher politischer Gewalt, die zudem verallgemeinert werden, verstellt den Blick auf die Gewaltursachen und erschwert die Entwicklung tauglicher Gegenstrategien.
Aurel Croissant ist Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Er ist Regionalkoordinator für Asien-Ozeanien und Beiratsmitglied des Bertelsmann Transformation Index (BTI).
Hauke Hartmann ist Projektmanager der Bertelsmann Stiftung. Er ist verantwortlich für das gemeinsam mit dem Centrum für Angewandte Politikforschung (CoAoP) der Uni München durchgeführte Projekt "Den Wandel gestalten - Strategien der Entwicklung und Transformation", in dessen Rahmen der BTI erstellt wird.
Die Studie: In der Studie "Violence, Extremism and Transformation" wird die Stärke und Militanz extremistischer Bewegungen im internationalen Vergleich von 119 Ländern untersucht. In einer Zusatzbefragung ihrer weltweit über 250 Experten erhob die Bertelsmann Stiftung zudem Informationen zur Stärke nichtstaatlicher politischer Extremisten und ihrer Gewaltbereitschaft. Die Publikation ist beim Verlag der Bertelsmann Stiftung (ISBN 3-89204-921-1) erschienen, hat 118 Seiten und ist zum Preis von 15,- erhältlich. aud
Terrormotive meist nationalistisch
Lediglich 26 Prozent aller terroristischen Gruppen weltweit lassen sich dem religiösen - und hier vor allem islamistischen - Extremismus zuordnen. Sowohl die Zahl religiös-extremistischer Gruppen als auch die von religiösem Fundamentalismus ausgelöste Gewalt hat in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich zugenommen. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl gewaltbereiter linksextremistischer Gruppen zurückgegangen, so dass heute auf religiösen Fanatismus und Linksextremismus die gleiche Anzahl militanter Organisationen zurückgeht. Den größten Anteil an politischer Gewalt haben aber nach wie vor die nationalistischen und separatistischen Bewegungen in allen Erdteilen. Sie stellen seit den 1970er Jahren über 30 Prozent aller militanten Gruppen und derzeit etwa 36 Prozent. Während in jüngster Zeit ethno-nationalistische Konflikte und die gewaltsame Unterdrückung von Minderheiten im Abnehmen begriffen sind, bleiben Verteilungskämpfe um politische Macht oder Ressourcen hauptverantwortlich für politische Gewalt.
Ein weiteres Missverständnis stellt der besorgte Blick auf den transnationalen Terrorismus dar, der tatsächlich weit mehr über das westliche Sicherheitsbedürfnis aussagt als über die tatsächlichen Erscheinungsformen politischer Gewalt. Zwar haben transnational operierende Organisationen wie El Kaida mitunter erfolgreich an lokale militante Bewegungen angeknüpft, etwa auf den Philippinen, in Indonesien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien und in Marokko. Besonders in Asien verwenden Milizen und Aufständische den islamistischen Überbau von El Kaida gerne als zusätzliche Legitimation, ohne dass es realer Verbindungen an ein transnationales Netzwerk bedarf. Soziale und nicht so sehr religiöse Motive lösen die Gewaltbereitschaft aus. Noch immer ist jedoch die weitaus überwiegende Zahl von politischen Gewalttaten auf lokale Ursachen wie Hunger, Ungleichheit oder Entrechtung zurückzuführen, und noch immer wird die meiste Gewalt fernab von westlichen Metropolen auch lokal ausgeübt.
Während die Zahl der Konflikte weltweit gestiegen ist, hat das Ausmaß der eingesetzten Gewalt abgenommen. Dies zeigt ein Blick auf die Heidelberger Daten für die 119 vom Bertelsman Transformation Index 2006 untersuchten Staaten. Gewaltreiche Konflikte der Kategorien "schwere Krise" oder "Krieg" sind zurückgegangen, und die überwiegende Mehrheit der im letzten Jahr verzeichneten Konflikte (134 von 222) waren als "latenter" oder "manifester" Konflikt unterhalb der Gewaltschwelle. Nur in der Kategorie "Krise", in der zumindest eine Konfliktpartei sporadisch Gewalt einsetzt, war ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen.
Besonders konfliktträchtig sind Asien sowie der Nahe und Mittlere Osten. Während die besonders gewaltintensiven Konflikte in Asien zurückgegangen sind, ist der Level an politischer Gewalt im Nahen und Mittleren Osten konstant hoch geblieben. In Anbetracht der großen Aufmerksamkeit, die in Europa der politischen Gewalt im Nahen Osten beigemessen wird, ist zudem zu betonen, dass der asiatische Raum beinahe dreimal so viele politische Konflikte wie der nahöstlich-nordafrikanische Raum verzeichnet, auch wenn die Konfliktintensität dort, insbesondere im Sudan und Irak, höher lag.
In struktureller Hinsicht bestätigt sich die hohe Korrelation von autokratischer Herrschaft und politischer Gewalt. Je weniger demokratische Elemente sich in den untersuchten Ländern finden lassen, desto eher werden die bestehenden Konflikte mit höherer Gewaltintensität ausgetragen. Wenn harte Autokratien nicht mehr in der Lage sind, eine Friedhofsruhe aufrechtzuerhalten, mündet dies in besonders gewalttätigen Auseinandersetzungen. In "moderaten" Autokratien sieht die Situation etwas besser aus, aber auch hier werden über die Hälfte der politischen Konflikte gewaltsam ausgetragen. In defekten Demokratien - also Staaten, in denen schwerwiegende Mängel hinsichtlich politischer Partizipation, Rechtsstaatlichkeit oder Stabilität festzustellen sind, die aber gleichwohl freie Wahlen zulassen und Grundrechte garantieren - reduzieren sich gewaltsame Konflikte auf ein Drittel aller politischen Auseinandersetzungen, während die konsolidierten Demokratien im BTI keinen einzigen Konflikt unter Einsatz von Gewalt austragen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.