Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Doku & Debatte
Reformen und Revolutionen. Diskutieren Sie mit uns

27. Oktober 2007

Der Stein des Anstoßes

 Von WOLFGANG THIERSE VON JÖRG SCHÖNBOHM
Eva Herman bei der Präsentation ihres ersten Buches "Das Eva-Prinzip", das schon große Kontroversen provozierte. (dpa)

TV-Moderatorin Eva Herman redet von Hitlerdeutschland und löst eine Debatte über Nazivergleiche aus: Was ist politisch korrekt? Muss man Eva Herman um der Meinungsfreiheit willen reden lassen oder sollte sie lieber schweigen lernen? Von Wolfgang Thierse und Jörg Schönbohm

Drucken per Mail
Pro
Contra

Jörg Schönbohm (CDU) ist der Innenminister Brandenburgs. Von 1998 bis 2007 war er Chef der christdemokratischen Landespartei. Der Generalleutnant a.D. machte vor seiner politischen Arbeit eine militärische Karriere bei der Bundeswehr. 1985 wurde er zum Brigadegeneral ernannt. Im Zuge der deutschen Einheit wurde er Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg. Er koordinierte die Auflösung der 90000 Mann starken Nationalen Volksarmee der DDR.

Wolfgang Thierse (SPD) ist Vize-Präsident des Bundestags. Von 1998 bis 2005 war er Präsident des Bundesparlaments. Der Bürgerrechtler war bis zum Zerfall der DDR parteilos. Nach der Wende trat der Germanist und Kulturwissenschaftler 1989 zuerst dem Neuen Forum bei, 1990 wurde er Mitglied der SPD. Er saß in der ersten frei gewählten Volkskammer und zählte zu den 144 Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Bundestags wurden.

Jörg Schönbohm: Pro - horrido und Halali

Es ist wieder so weit. Die Jagdsaison der vermeintlich politisch Korrekten wurde eröffnet. Diesmal hatten es Deutschlands selbsternannte Wächter der antifaschistischen Sprachhygiene auf die waidwunde Eva Herman abgesehen. Von der Kette gelassen, hatte die Meute um Rudelführer Kerner die Gejagte nach kurzer Hatz gestellt. Der Fangschuss wurde schließlich mit einem lautstarken "Hussa" in der Presse abgefeuert: "Kein Ort, der Schutz gewähren kann, wo ihre Büchse zielt."

Jörg Schönbohm (CDU) ist der Innenminister Brandenburgs. Von 1998 bis 2007 war er Chef der christdemokratischen Landespartei.
Jörg Schönbohm (CDU) ist der Innenminister Brandenburgs. Von 1998 bis 2007 war er Chef der christdemokratischen Landespartei.
 Foto: dpa

Was sich da in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehstudio abspielte, war nicht nur ein unrühmliches Kapitel deutscher Fernsehgeschichte, es war vor allem ein Lehrstück über den Umgang mit Meinungsfreiheit und über die Macht einer politisch korrekten Sprachpolizei, die in Deutschland den Anspruch darauf erhebt, festlegen zu dürfen, welche Wörter als Indikator für nationalsozialistisch-infiziertes Gedankengut dienen.

Egal ob bei Herman, Giordano, Meissner oder Oettinger - egal ob bei der Patriotismusdebatte, Islamismusschelte oder Kritik am Multi-Kulti-Kult: Automatisiert leitet das Kartell der Selbstgerechten ein politisch korrektes Diffamierungsprogramm ein. In geübter Routine wird mal hysterisch hyperventiliert, mal werden empört die Backen aufgeblasen.

Wolfgang Thierse (SPD) ist Vize-Präsident des Bundestags. Von 1998 bis 2005 war er Präsident des Bundesparlaments.
Wolfgang Thierse (SPD) ist Vize-Präsident des Bundestags. Von 1998 bis 2005 war er Präsident des Bundesparlaments.
 Foto: dpa

Auf jeden Fall aber wird der Ton schriller. Wer es wagt, ein Sprachtabu zu brechen, wer es wagt, eine Meinung zu vertreten, die nicht den vermeintlich allgemeinen Standards entspricht, der hat nichts Gutes zu erwarten. Ist das unheilige Schlüsselwort einmal gefallen, darf ungeniert verunglimpft, dürfen diskreditierende Zusammenhänge hergestellt werden. Wer etwa den "hemmungslosen Individualismus" unserer Zeit beklagt, wird flugs als ein Jünger des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg abgestempelt. Wer Patriotismus einfordert, wird zum chauvinistischen Nationalisten und in die braune Schmuddelecke gestellt. Wer an den Wert der Familie erinnert, wird zum ewiggestrigen Mutterkreuzzügler.

Im Zeichen der Political Correctness darf in Deutschland munter diffamiert und dämonisiert werden - eine besonders perfide Form der Gesinnungsmanipulation.

Letztlich verbirgt sich hinter der ideologiebedingten Säuberung der Sprache nichts anderes als Intoleranz. Die katastrophalen Folgen dieser geistigen Selbstzensur sind Konformität und Uniformität des Denkens. Denkfeigheit tritt an die Stelle freiheitlichen Bürgermuts. Freimütige demokratische Diskussionen werden im Keim erstickt - ganze Themenbereiche dem öffentlichen Diskurs entzogen. Rechtsextreme gewinnen auf diese Art an Boden, denn sie brechen die vermeintlichen Tabus und schaffen es so, dass sich ein Teil der Wähler nur von ihnen verstanden fühlt.

Die nationalsozialistische Katastrophe hat vom konservativen, rechten oder romantischen Gedankengut vieles scheinbar auf alle Zeit kontaminiert. Wer in Wirklichkeit dessen geistiger Vater war, spielt keine Rolle mehr. Wagt sich dennoch jemand auf so verseuchtes Terrain, wird er als Aussätziger unwiderruflich aus der demokratischen Gemeinschaft verstoßen. Die politisch korrekte Empörung fungiert mittlerweile als allmächtige rhetorische Allzweckwaffe, die sich als besonders geeignet erwiesen hat, Sprache, Gedanken und Gewissen zu kontrollieren. Mit einer Mahnung zu angemessener Erinnerungskultur hat sie jedoch herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil: sie wendet sich sogar gegen das Gut, zu dessen Verteidigung wir gerade durch unsere Geschichte besonders aufgerufen sind - unsere Meinungsfreiheit.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Anzeige

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Überwachung durch den Staat, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.