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11. August 2007

Der tödliche Stachel der Konkurrenz

 Von HEINZ-J. BONTRUP
Heinz-J. Bontrup ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen.  Foto: privat

Unternehmen kannibalisieren sich gegenseitig, wenn sie nur dem Gesetz des Wettbewerbs folgen. Der Staat muss einen Handlungsrahmen für den Markt vorzeichnen. Von Heinz-J. Bontrup

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Heinz-J. Bontrup ist Professor für Wirtschafts- wissenschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen, Fachbereich Wirtschaftsrecht, und Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik.

In der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu Das Parlament) erscheint der hier dokumentierte Beitrag in einer ausführlichen Fassung. Heft 13/2007.

Von Politikern wird das Wettbewerbsprinzip gepriesen und Unternehmer und ihre Interessenverbände verweisen auf die hohe Wettbewerbsintensität, die keine Spielräume für das Soziale noch ließen. Dagegen spielen in der öffentlichen Diskussion Unternehmensübernahmen (Fusionen), Konzentrationsprozesse und immer mehr Marktmacht von Unternehmen so gut wie keine Rolle mehr. Im Gegenteil: Eine immer größer werdende Verengung der Märkte auf nur noch wenige Anbieter, auf weitgehend enge oligopolistische oder sogar (teil-)monopolistische Marktstrukturen, nicht nur auf nationaler Ebene, wird von der herrschenden Politik aufgrund der betriebenen neoliberalen Globalisierung heute geradezu gutgeheißen. Diese pervertierte Entwicklung zeigt mittlerweile katastrophale Verteilungswirkungen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft immer mehr gefährden.

Die wesentliche Ideologie des heute gegebenen neoliberalen Regimes ist die Betonung freier (wettbewerblicher) Märkte. Dies würde, ohne staatliche Interventionen und Steuerungen, für die größte ökonomische Effizienz sorgen. Ein dogmatisch gewordener Glaube an das vermeintlich segensreiche Wirken des Wettbewerbsprinzips ist weit verbreitet. Die daraus resultierenden Irrtümer und Illusionen haben sich bei vielen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Medien zu einer Unfähigkeit gesteigert, die Wirklichkeit richtig wahrzunehmen. "Es ist dieser Realitätsverlust, der sie zu unschuldigen Betrügern macht", stellte der vor kurzem verstorbene US-amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith fest. Alles müsse in einer Gesellschaft dem Wettbewerbsprinzip ausgesetzt werden.

Wir erleben geradezu eine Wettbewerbshysterie, die sogar über den Bereich der Privatwirtschaft hinausgeht. Man will offensichtlich im neoliberalen Duktus fast alle gesellschaftlichen Bereiche, sogar bisher uneingeschränkt eingestufte öffentliche Güter dem Nichtausschluss- und Nichtrivalitätsprinzips entziehen. Selbst der Bildungssektor bleibt nicht davon verschont.

Schon der britische Nationalökonom John Maynard Keynes konnte dagegen mit seiner "New Economics" aufzeigen, dass das Markt- und Wettbewerbsprinzip, das "Laissez-faire", der "Krieg aller gegen alle" oder wie Karl Marx es formulierte, "ein Kapitalist schlägt viele andere tot", nicht hinreichend ist, um die immer wieder behaupteten optimalen ökonomischen und gesellschaftlichen Ergebnisse, vor allem eine vollbeschäftigte Wirtschaft, zu realisieren.

Dennoch sind heute Markt und Wettbewerb wieder zu zentralen Kampfbegriffen in der wirtschaftspolitischen Diskussion avanciert. Hierbei wird entscheidend nicht bedacht, dass Privatinteressen und Gesellschaftsinteressen nicht konform gehen und es auch nicht automatisch über eine "unsichtbare Hand" (Adam Smith) zu einer gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Harmonie kommt. Zu Recht verweist Hans-Jürgen Wagener, Leiter des Instituts für Transformationsstudien an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder darauf hin, dass nicht "Wettbewerb und Märkte", sondern "Begierde und Macht" die "Triebkräfte der Welt" sind. Letzte ergeben sich aber nur aus einem den Menschen zuwiderlaufenden Wettbewerbsprinzip. Der Mensch strebt nicht nach Konkurrenz. Er ist ein soziales Wesen, und deshalb ist sein Leben grundsätzlich auf Solidarität, auf Gemeinschaft und Kooperation gepolt.

Märkte und Wettbewerb sind trotz aller Behauptungen nicht einmal konsequent effizient. Sie sorgen vielleicht für Produkt- und Prozessinnovationen, dafür vertragen sie sich aber kaum mit sozialen Innovationen, die auf eine immaterielle Teilnahme (Mitbestimmung) und materielle Teilhabe der Menschen in der Wirtschaft setzen.

Markt und Wettbewerb schaffen es auch nicht, ein Preissystem zu etablieren, das die jeweils knappen Güter in die optimalen Verwendungsrichtungen lenkt und das alle Externalitäten wie z. B. Umweltverschmutzungen ins Preissystem aufnimmt. Außerdem fordert der "Stachel der Konkurrenz" immer Verlierer und Opfer, genauso wie das Markt- und Wettbewerbsprinzip nicht nur Leistungseinkommen produziert, sondern auch ungerechte Einkommen, die auf Machtmissbrauch und Ausbeutung basieren und damit für eine nicht akzeptable gesellschaftliche Verteilung der arbeitsteilig geschaffenen Überschusswerte sorgen. Das sich selbst überlassene Marktsystem, so Keynes, steht dafür, "dass die erfolgreichsten Profitmacher durch einen unbarmherzigen Kampf ums Dasein nach oben kommen, einen Kampf, der mit einer Auslese der Tüchtigen durch den Bankrott der minder Tüchtigen endet. Diese Methode stellt die Kosten des Kampfs selbst nicht in Rechnung, sondern hat nur die Vorteile des Endresultates im Auge, die man für dauernde hält."

Völlig vernachlässigt bei der blinden Wettbewerbsgläubigkeit wird der Tatbestand eines gefährlichen wettbewerbsimmanenten Konzentrations- und Fusionsprozesses, der letztlich immer mehr Marktmacht und Ausbeutungspotenzial entstehen lässt. "Die ‚Neigung zum Monopol' entspringt der Grundnatur des kapitalistischen Erwerbes selbst. Das Prinzip der Rendite vollendet sich im Monopolgewinn; so wie sich der andauernde Krieg der Konkurrenz, der Hoffnung eines jeden der Streitenden nach in der Überwältigung der anderen erfüllt", stellt der Soziologe und Ökonom Werner Hofmann fest.

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