Doku & Debatte
Reformen und Revolutionen. Diskutieren Sie mit uns

14. Februar 2007

Der Weg der Frauen

Klischees passen nicht: Türkisches Kulturfest in Berlin Foto: ddp

Türkeistämmige Migrantinnen in Europa legen die Opferrolle ab / Von Gülay Kiziloçak und Martina Sauer

Drucken per Mail
Die Autorinnen

Gülay Kizilocak (Jahrgang 1965) ist stellvertretende Direktorin der Stiftung Zentrum für Türkeistudien (ZfT), ein Institut an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind türkisch europäische Beziehungen, die politische Entwicklung der Türkei und Kulturaustausch.

Martina Sauer (Jahrgang 1964) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfT. Ihre Schwerpunkte sind Migrations- forschung, junge Migranten und türkischstämmige Frauen.

Die hier stark gekürzt abgedruckte Zusammenfassung der ZfT-Studie zur Lebenssituation der türkischstämmigen Frauen in Europa am Beispiel Deutschland erschien in der türkischen Originalfassung im Jahre 2006. aud

(…)In Europa leben rund 1,8 Millionen türkeistämmige Frauen, davon rund 1,3 Mio. in Deutschland, rund 180 000 in Frankreich, rund 170 000 in den Niederlanden und rund 100 000 in Österreich. Darunter finden sich Frauen mit sehr unterschiedlichen Biografien und Lebensumständen: Selbst als Arbeitsmigrantinnen eingewanderte Frauen, die von Beginn an erwerbstätig waren, mit- oder nachgereiste Ehefrauen der Arbeitsmigrantinnen, in Europa geborene oder aufgewachsene Töchter und Enkelinnen der Arbeitsmigranten, Frauen, die in der Türkei sozialisiert wurden und nun als Ehepartner der zweiten und dritten Generation nach Europa kommen, aber auch als Studentinnen eingereiste Frauen. (…)

Die Fixierung auf die Themen Kopftuch, Familienehre und innerfamiliäre Gewalt macht es schwierig, positive Gegenbilder zu etablieren, die Anreiz für türkeistämmige Frauen sein können, sich in die europäischen Gesellschaften zu integrieren und zu emanzipieren.

Eine neue Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, die quantitative Daten zur Situation türkeistämmiger Frauen in Deutschland mit Interviews mit 30 türkeistämmigen Frauen aus Deutschland, den Niederlanden und Österreich kombiniert, korrigiert nun ebenfalls das in der europäischen Öffentlichkeit vorherrschende Bild türkeistämmiger Frauen.

Schon grundlegende soziodemografische Daten der Studie zeigen, dass das Bild der türkischen Frau als vornehmlich im familiären Kontext verwurzelt unzutreffend ist. In der jüngeren Altersgruppe in Deutschland zwischen 18 und 29 Jahren ist die Hälfte der Türkinnen unverheiratet. Auch in den höheren Altersgruppen steigt der Anteil der allein lebenden Frauen.

Das traditionelle Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter ist unter den türkischen Frauen umstritten: Rund die Hälfte der türkeistämmigen Migrantinnen befürwortet die traditionelle Frauenrolle, ebenso viele lehnen sie aber ab. Eine Berufsausbildung für Frauen und Mädchen findet jedoch nahezu uneingeschränkt die Unterstützung der türkeistämmigen Frauen.

Die Abiturientenquote ist zwar niedriger als in der Gesamtbevölkerung, liegt aber über der der türkeistämmigen Männer und ist in den jüngeren Altersgruppen deutlich höher als unter den älteren Migrantinnen. Das Bildungsniveau der in Deutschland aufgewachsenen Frauen ist insgesamt sogar höher als das der entsprechenden Männer. Auch die deutschen Sprachkenntnisse der jungen Frauen sind besser als die der entsprechenden Männer, drei Viertel der Frauen unter 30 Jahre verfügen über gute Deutschkenntnisse.

Zwar ist die Quote der Frauen, die über eine berufliche Ausbildung verfügen, mit rund der Hälfte relativ gering. Doch ist das Bewusstsein über die Notwendigkeit einer Berufsausbildung vorhanden. Dass die Quote noch deutlich verbessert werden kann, zeigt ein Projekt zur Unternehmensfestigung durch Personalentwicklung in ausländischen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen der Stiftung Zentrum für Türkeistudien: Von allen neu geschaffenen Ausbildungsplätzen wurden 51 Prozent durch junge Frauen besetzt. Dies macht deutlich, dass durch geringe Anschübe und Motivation sehr viel mehr Frauen zu einer beruflichen Ausbildung verholfen werden kann.

Überhaupt sind Frauen und Männer hinsichtlich grundsätzlicher Merkmale gesellschaftlicher Integration sehr viel weniger unterschiedlich als vermutet. Auch bezüglich der Kontakte zu Deutschen und der gesellschaftlichen Einbindung unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Sie fühlen sich mit Deutschland in hohem Maß verbunden und hier wohl - von einer breiten Isolation der Frauen, die abgeschottet in der türkischen Community leben, kann nicht gesprochen werden.

Auch der Blick auf die Entwicklung der türkeistämmigen Studentinnen in Deutschland lässt erkennen, dass immer mehr Frauen eine akademische Bildung und eine qualifizierte Berufstätigkeit anstreben und das Klischee von der Reduzierung der türkischen Frauen auf die Rolle der Hausfrau für immer weniger Frauen zutrifft: Von den rund 36 000 Studenten mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland sind inzwischen 38 Prozent Frauen, unter den Bildungsinländern, also denjenigen, die ihre Schullaufbahn in Deutschland absolvierten, sind es 41 Prozent.

Ein Drittel der türkischen Frauen über 18 Jahren ist berufstätig. Sie arbeiten häufiger als Männer als Angestellte. Türkische Frauen sind inzwischen in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent: Sie wirken als Politikerinnen, als Wissenschaftlerinnen, als Künstlerinnen und als Medienschaffende, als Anwältinnen und Ärztinnen - und nicht zuletzt auch als Unternehmerinnen. Ein Viertel der rund 64 000 türkeistämmigen Selbstständigen in Deutschland sind Frauen - mit steigender Tendenz. Sie führen Betriebe in allen Branchen und zunehmend auch als freie akademische Selbstständige. Vier Prozent aller erwerbstätigen Frauen sind in Deutschland als freie akademische Selbstständige tätig, knapp jede zehnte erwerbstätige Frau ist Unternehmerin in Handel, Dienstleistung oder Industrie.

Voraussetzungen für Erfolge

Bei den 30 interviewten Frauen handelte es sich um türkeistämmige Politikerinnen, Unternehmerinnen, Wissenschaftlerinnen, Pädagoginnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen sowie Vertreterinnen weiterer akademischer Disziplinen und freier Berufe. Damit sollte die Studie bewusst ein Gegenbild zur türkischen Frau in Abhängigkeit von Mann und Familie entwerfen. Die beruflich erfolgreichen Frauen wurden nach ihrer Einschätzung der Voraussetzungen für Integration und Emanzipation türkischer Frauen in Europa gefragt.

Zur Homepage
1 von 3
Nächste Seite »

Jetzt kommentieren

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.