Trotzdem hat man es versucht: Sie kann es nicht. Beweis: Die Nummer mit ihrem Lebenspartner, der ihr die Sätze nach der gewonnenen Wahl soufflieren musste, weil sie nicht mal die Dankesworte an ihre Wähler fehlerfrei zusammenkriegt. Das haben sie alle geschrieben.
Obwohl jeder halbwegs helle Geist, der diese Aufnahmen bei Kerner gesehen hat, hätte bemerken müssen, dass Klaus-Dieter Stork im Hintergrund exakt zeitgleich dieselben Sätze sagte, wie sie vorn am Mikro Wer die Souffleursthese vertritt, soll es einmal selber ausprobieren. Simultan auszusprechen, was man im selben Augenblick hört, das ist völlig unmöglich. Egal, man hat auch das hervorgebracht.
Na gut, wenn nicht was - dann halt wie sie es sagt: ihr Dialekt! Isch statt ich. Sagt doch alles. Oder doch nicht? Man stelle sich einen Journalisten vor, der es einmal gewagt hätte, den alten Franz Josef Strauß für seinen Dialekt zu bespötteln! Das hat keiner gewagt.
Die heftigen Reaktionen, die Andrea Ypsilanti ausgelöst hat, entstammen nicht dem gesunden Sachverstand einer kritischen Öffentlichkeit, sondern tieferen Schichten: der gekränkten Männerehre. Es geht um eine Art Selbstverteidigung. Was glaubt denn diese Frau XY, wer sie ist!
Die "FAZ am Sonntag" hat es ihr gegeigt. In einem Artikel, der an alte Zeiten erinnerte, als man noch in Fraktur druckte. Man hat diese Abrechnung ausgerechnet von einer Frau verfassen lassen. Ihr Hauptvorwurf lautete: Die Frau hieß früher einmal Andrea Dill, sie schmücke sich aber mit dem exotischen Namen Ypsilanti. Ypsilanti wurde etwas vorgeworfen, was Tausende von Frauen tun: Sie behielt nach der Scheidung den Namen ihres Ex-Manns. Wie hätte die Autorin ihren Essay wohl begonnen, wenn Andrea Ypsilanti zufällig eine geborene "Koch" gewesen wäre?
Das irrationale Element in der Art, wie mit karrierebewussten Frauen umgegangen wird, spiegelt auch der Buchmarkt wider. Wenn man über Politikerinnen spricht oder schreibt, dann wird oft thematisiert, was bei Männern keine Sau interessiert: Wie kam die nach oben?
Natürlich gab es deswegen für das Buch über die französische Sozialistin von Ex-ARD-Korrespondent Heiko Engelkes nur einen Titel: "Ségolène Royal - eine Frau auf dem Weg zur Macht", das Pendant bei Hillary Clinton heißt "Hillary Clinton - Die Macht einer Frau" (Droemer/Knaur), "Angela Merkel - Aufstieg zur Macht" hat Autor Gerd Lang-guth bei dtv veröffentlicht.
Bei Politikern interessiert die Frage nicht so sehr. Da greift man gerne in die ethische Kiste: Wir warten auf das Erscheinen von "Nicolas Sarkozy - Verantwortung für Frankreich" genauso wie auf Roland Kochs Memoiren "Aus Liebe zu Hessen".
Dass man Ypsilanti öffentlich anpöbelt wie keine deutsche Politikerin vor ihr, das hat nichts mit ihrer Politik zu tun. Es hat einzig mit ihrem Auftreten zu tun. Von diesem Typ geht eine Bedrohung aus: für die Herrenzimmer, Konferenz-säle und die Cigarren-Lounges. Frauen wie Ypsilanti fordern den ganzen "boy's club" in der Welt der Macht heraus! Da muss Widerstand organisiert werden. Immer noch gibt es den eigenartigen Gockelreflex: Frauen dürfen Quotenminister sein, im Fernsehen dürfen sie moderieren: Aber die Chefsessel sind doch anderen vorbehalten.
Das stimmt doch gar nicht! Es gibt doch andere Beispiele! Eine Maggie Thatcher war Premierministerin von Großbritannien. Wir hatten Hanna Renate Laurien. Claudia Nolte. Aber doch zu allererst Angela Merkel! Das ist was anderes.
Angela Merkel ist vielleicht eine kompetente Politikerin, aber für das Gros der Männerwelt nicht wirklich eine attraktive Erscheinung. Und da liegt der Hund begraben. Es ist kein Problem für den gängigen Gutsherren-Politiker, am Kaminfeuer mit Annette Schavan über Bildungspolitik zu diskutieren, da hört man zu, lässt ausreden. Da lenkt auch nichts wirklich ab.
Anders wird es, wenn man auf eine Gabriele Pauli trifft oder es mit Frauen zu tun hat, die sich in blutroten Abendkleidern fotografieren lassen und zumindest ihren Weiblichkeitsfaktor nicht gerade unterdrücken.
Neutrale Frauentypen in der Politik haben die patriarchalen Ordnungsstrukturen noch nie durcheinandergebracht. Die anderen dagegen schon. Eine, die nicht nur als Politikerin, sondern auch als Frau aus dem Grau tritt - da treten dem Herrn Ministerialdirigenten die Schweißperlen auf die Stirn.
Und doch hat dieser Frauentyp kaum eine Chance, ganz oben anzukommen. Ségolène Royal hat - als eben dieser Typ Frau, den sie repräsentiert - neben Sarkozy in Frankreich nie wirklich eine Chance gehabt, französische Staatsprä-sidentin zu werden. Präsidentengattin schon eher
Eine Frau, die auch nur halbwegs ins männliche Beuteschema passt, darf niemals über den Männern stehen. Das wäre eine verkehrte Welt. Und bevor man zulässt, dass die Welt auf den Kopf gestellt wird, tut man alles dafür, dass alles so bleibt, wie es war.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.