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25. September 2008

Der Ypsilanti-Komplex: Zwischenbilanz einer medialen Jagd

 Von MARTIN HECHT
Zielobjekt gekränkter Männerehre: Andrea Ypsilanti. Foto: Kraus

Der Mythos von der machtbesessenen Frau oder: Wie Hessens SPD-Chefin die Selbstverteidigungs-Instinkte männlicher Eliten weckt. Von Martin Hecht

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Der Autor

Martin Hecht, Jahrgang 1964, ist Publizist und Politologe. Er lebt in Mainz.

In seinen Veröffentlichungen legt er besonderes Augenmerk auf die Psychologie der Macht in der deutschen Politik und Gesellschaft.

"Gott sei Dank!", sagen manche heute erleichtert und ziehen die Krawatte glatt, "Gott sei Dank!" ist wenigstens das Spiel der einen zu Ende. Barack Obama wurde Kandidat der US-Demokraten - die verhasste "hillarious" Hillary wurde gestoppt, dank eines konzertieren Schlages der amerikanischen Medien. Gerade noch rechtzeitig, bevor "the bitch" - wie man sie unter Republikanern nannte - der US-Nation ihren bösen Willen aufzwingen konnte: "Hillary Bashing" nannte man die Hexenjagd später. Und Amerika hat die deutschen Medien gelehrt, wie man das richtig macht.

Bei uns geht das mediale Kesseltreiben hingegen weiter. Denn eine ist noch immer nicht erledigt: Andrea Ypsilanti. Kein Tag vergeht, an dem man nicht versucht, sie dem Gelächter preiszugeben. Das "Ulk-Telefonat" des Radiosenders FFN war nur der bislang letzte Akt.

Wenn man die Monate seit Kochs Wahlschlappe Revue passieren lässt und sich nochmals die Medienerzeugnisse dieser Republik ansieht, dann fällt vor allem eines ins Auge: die hohe Aggression, mit der gekeult wird. Selten wurde so viel Schmutzwasser über einen deutschen Politiker ausgekübelt. Der Hauptvorwurf: krankhafte Machtgier.

"Sind Sie machtgeil?", fragte ein Redakteur des Magazins "Stern" und sprach damit vielen Männern aus der Seele. Eine journalistische Frage ohne Beispiel. Noch nie zuvor in der deutschen Politik hat man einem Kandidaten auf ein hohes politisches Amt diese Frage gestellt. Nicht Adenauer, nicht den ganz harten Jungs, Kohl, Strauß, Schröder oder Stoiber, nicht Rau, nicht Rüttgers, nicht Köhler.

Warum dann Ypsilanti? Das muss mit ihrem Typ zu tun haben. Sie ist keine Politikerin, sondern eine Machtbesessene - rücksichtslos, unkontrollierbar, dämonisch, vor allem: Von ihr scheint eine unterirdische Gefahr auszugehen.

Das ist umso erstaunlicher als der politische Gegenspieler dieser Frau wie kein anderer in der Republik über Jahre Beweise höchster Machtgeilheit geliefert hat. Aber warum hat nicht ein einziges Mal ein Journalist die Frage nach der Machtgeilheit Roland Kochs gestellt?

Aufgrund eines imponierenden Wahlerfolgs ist der Anspruch Andrea Ypsilantis auf den Sessel des hessischen Ministerpräsidenten nicht sonderlich weit hergeholt. Aber einem, der zäher als Pattex an seinem Stuhl klebte und trotz Wahlschlappe immer noch klebt, ausgerechnet diesen Mann, dessen politischer Körper nur aus Machtwillen besteht, diesen unheimlichen Mann verschont man, mehr noch, man hat ihn zum Gutmenschen stilisiert, hat ihm durchgehen lassen, dass er als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt bleiben wolle, weil er sich in der "Verantwortung" für sein Land sehen würde.

So macht man das. Man verkauft die eigene Machtbesessenheit als reinen Dienst am Volk, wird zur Retterfigur gegen eine unberechenbare, chaotische Wahnsinnige, die drauf und dran ist, uns alle ins Verderben zu reißen. Männer in der Politik "übernehmen Verantwortung", Frauen sind halt machtgeil.

Hessen 2008 - das ist nicht so ohne weiteres zu verstehen. Aber eines ist ziemlich sicher: Ypsilanti wurde ein psychologischer Mechanismus zum Verhängnis, den Männer für einen bestimmten Frauentypus erfunden haben, um sie zu verhindern. Politisch zu führen, das ist und war seit Menschengedenken eine männliche Angelegenheit.

Wenn eine Frau ihren Anspruch anmeldet, hat sie einen schweren Stand, sie muss nachweisen, dass sie mindestens so durchsetzungsfähig und dominant ist wie ein Mann. Aber wenn sie diese Eigenschaften an den Tag legt, tut sie gleichzeitig etwas, was einer Frau nicht ziemt. Eine Frau macht das nicht - wenn doch, ist sie machtgeil, ja krankhaft machtbesessen. Folge: Sie gilt als politische Geisterfahrerin und muss gestoppt werden. Die Jagd kann beginnen…

Wie viele Worte sind in dieser Republik schon von Politikern gebrochen worden, wie viele Wahlversprechen? Man kann darüber streiten, ob ihre Vorgehensweise in Ordnung war oder nicht. Aber warum ist Ypsilanti "Lügilanti", während man Hunderten vor ihr, die wirklich Dreck am Stecken hatten, dieselben oder ganz ähnliche Vorgänge großzügig verziehen hat, sie mit den "politischen Sachzwängen", der allseits gern zitierten "Regierbarkeit" oder "politischen Handlungsfähigkeit" rechtfertigte. Weiß denn keiner mehr, was wirklich gelogen ist?

Aber warum so laut das Geschrei? Weil sie mit den Kommunisten zusammenarbeitet. Die Kommunisten! Glaubt noch einer ernstlich, die Kommunisten bedrohten unsere Ersparnisse? Das Schreckgespenst heißt doch längst Lehman Brothers. Nein, viel besser: Sie ist schlicht zu blöd für diesen Job. Eine Dünnbrettbohrerin.

Das isses, oder nicht? Kann aber auch nicht sein. Denn selbst wenn es so wäre, erklärt es nicht, warum genau ihr das zum Verhängnis wird - und nicht den unzähligen Pofallas in allen großen Parteien, die noch viel grauer und ideenloser sind - und oft, wie als Belohnung dafür, in höchsten Positionen Politik gestalten.

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