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16. Januar 2007

Deutschlands Beziehungen zu Israel bleiben besonders

 Von Dov Ben-Meir
Deutschland soll mäßigend auf Extremisten einwirken: Pakistaner verbrennen in Karatschi auch eine israelische Fahne.  Foto: ap

Die Bundesrepublik kann sich ihrer historischen Verantwortung nicht entziehen, was sie nicht hindert, bei der Schlichtung des Nahost-Konflikts zu helfen. Gegen ein im Herbst formuliertes Manifest deutscher Politologen gibt es jetzt Widerspruch aus Israel.

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Der Autor

Dov B. Ben-Meir ist der ehemalige Vizepräsident des israelischen Parlaments. Das Manifest der 25 erschien erstmals in der Frankfurter Rundschau am 15. November 2006.

Beide Beiträge erscheinen im März in: Deutschland/Israel/Palästina. Streitgespräche. Hrsg. Georg Meggle, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt. ber

Sehr geehrte Damen und Herrn,

ich habe mit großem Interesse Ihr Manifest, das am 15. November 2006 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde, gelesen und möchte Ihnen für die Offenheit und Aufrichtigkeit danken, mit der Sie Ihre Meinung zum Ausdruck gebracht haben.

Denn nur Offenheit und Aufrichtigkeit können eine intellektuelle und offene Diskussion der Probleme, die Sie ansprechen, ermöglichen.

Erlauben Sie mir bitte zunächst, einige in Ihrem Manifest enthaltene historische Ungenauigkeiten und Missverständnisse richtig zu stellen:

1)Ihre Einstellung zum israelisch-palästinensischen Konflikt ist zu meinem Bedauern zu simplifiziert: Es ist richtig, dass der Holocaust Völker und Staaten davon überzeugte, im Jahre 1947 für die Errichtung eines jüdischen Staates zu stimmen. Aber sie votierten auch gleichzeitig für die Errichtung eines arabisch-palästinensischen Staates. Die Palästinenser lehnten das Angebot ab und entschieden, uns mit Hilfe der ausgerüsteten Armeen der fünf arabischen Nachbarländer ins Meer zu treiben. Nun stellen Sie sich bitte vor, welches Idyll zwischen uns und den Palästinensern herrschen könnte, hätten sie die Resolution so wie David Ben-Gurion akzeptiert.

2)Das palästinensische Flüchtlingsproblem entstand hauptsächlich durch diesen Krieg. Anstatt die Flüchtlinge in den arabischen Ländern aufzunehmen oder ihnen einen Staat in der Westbank bzw. im Gazastreifen (beide Gebiete waren 19 Jahre!! unter jordanischer bzw. ägyptischer Herrschaft) zu errichten, wählte man, sie in Lager zu zwängen, um sie als politische Waffe gegen Israel zu benutzen und sie dort auf den kommenden militärischen Angriff auf Israel warten zu lassen.

3)Hieraus folgt, dass die anhaltend schwere Lage der Palästinenser nicht alleine aus dem Holocaust und der Einwanderung der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina resultiert. Schließlich hat Westdeutschland nach dem Krieg ca. 15 Millionen deutsche Flüchtlinge, die aus Polen und dem Sudetenland vertrieben worden waren, aufgenommen. Bestand eine solche Verpflichtung nicht auch für arabische Staaten, die in Petrodollars schwammen und diese in europäischen Spielkasinos verschwendeten?


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4)Obgleich Israel schon fast 60 Jahre existiert und als regionale Supermacht gilt und obwohl die palästinensische Bevölkerung andererseits keine Möglichkeit hat, Israel militärisch zu besiegen, ist die Mehrheit der Palästinenser heute genauso wenig wie vor 58 Jahren bereit, das Existenzrecht Israels im Nahen Osten anzuerkennen. Dies ist nicht nur der Standpunkt der Hamas, sondern jedes überzeugten Muslims, der in der Existenz Israels eine Beleidigung und eine Verletzung der heiligen Kontinuität des dem arabischen Volk gehörenden Bodens sieht.

5)Arafat wurde anlässlich seines Besuches in der Moschee von Johannisburg im Jahre 1994 gefragt (nach der Unterzeichnung der Osloer Abkommen), warum er die erklärte Haltung der muslimischen Welt, das Verbot, mit Israel Frieden zu schließen, verraten hat (diese Frage wurde ihm gestellt, weil sich die arabischen Staaten basierend auf dieser Ablehnung nach 1967 weigerten, ein Abkommen mit Israel zu unterzeichnen und sich für die berühmten drei Neins entschieden). Er antwortete (…), dass er nur das tat, was der Prophet Mohammed vor ihm tat. Wie bekannt ist, schloss Mohammed mit den Einwohnern Mekkas (…) einen zehnjährigen Frieden, den er nach drei Jahren, als er sich stark genug fühlte, brach. Alle Einwohner der Stadt wurden mit dem Schwert ermordet.

Arafat fügte auch hinzu, dass es die Pflicht jedes Muslims sei, Kompromisse einzugehen, wenn er schwach sei, dass er aber sein endgültiges Ziel nicht aufgeben dürfe, wenn der Tag der Rache käme.

6)Und deshalb: Wir fürchten uns! Wir fürchten uns sehr! Vor dem Hass, der nicht abgebaut werden kann (ich werde an dieser Stelle nicht auf dutzende von Versuchen eingehen, die wir unternahmen, um Frieden zu schließen und zurückgewiesen wurden); vor den Terror-Organisationen mit El Kaida an ihrer Spitze; vor der im Iran tickenden Zeitbombe, auf die einzugehen, Sie nicht bereit sind, und vor dem iranischen Präsidenten, der erklärt, dass er die Absicht hegt, ein Land, das UN-Mitglied ist, zu zerstören. Und Sie schweigen alle. Und wir fürchten uns, dass der islamische Fundamentalismus in Pakistan erstarken und Extremisten den Zugriff auf vorhandene Atomwaffen ermöglichen wird.

7)Und vor allem fühlen wir uns wieder isoliert, weil wir aus Erfahrung gelernt haben und wissen, dass die europäische "Objektivität" höchstens Protestentscheidungen in den Parlamenten sowie Protestschreiben, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben werden, erzeugen wird.

Wahrlich, meine gelehrten Freunde, das Problem hat nicht mit Hitler angefangen! Nicht er hat den deutschen Juden befohlen, den Judenstern zu tragen, ihm sind andere Deutsche zweihundert Jahre zuvorgekommen! Und nicht er war es, der Moses Mendelssohn anlässlich seines ersten Besuches in Berlin dazu zwang, die Stadt durch das Viehtor zu betreten … und nicht Hitler war es, sondern der Komponist Wagner, der bereits im Jahr 1848 eine Schmähschrift über die Juden in der Musik schrieb.

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