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Die 68er: Scham und Schweigen

Dass ein close reading auch zu differenzierteren Ergebnissen führen kann, mag ein Beispiel verdeutlichen. Am 22. April 1969 wurde der Philosoph Theodor W. Adorno im Hörsaal von drei barbusigen Studentinnen bei Beginn seiner Vorlesung so bedrängt, dass er die Veranstaltung abbrach und fluchtartig den Raum verließ. Kaum jemand der von uns befragten ZeitzeugInnen erinnert sich, bei der Aktion anwesend gewesen zu sein. Das erscheint schwer vorstellbar angesichts des berstend vollen Audimax und der genauen Erinnerung an andere Aktionen wie beispielsweise der Rektoratsbesetzung.

Nur eine der beteiligten Frauen steht bis heute zu ihrer Aktion. Das einzige Foto, das davon existiert, darf auf Weisung des Fotografen nicht mehr publiziert werden. Günter Amendt, der sich als einer der wenigen an den Vorfall erinnert, betont, er habe die Aktion bereits damals als beschämend empfunden. Warum dieses Schweigen? Was ist hier anders als bei anderen Happenings, von denen heute mit Stolz erzählt wird?

Der Theaterwissenschaftler Andreas Kotte definiert szenische Vorgänge wie Theater, Performances und Happenings als hervorgehoben und konsequenzvermindert. Hervorgehoben war die Aktion zweifelsohne. Konsequenzvermindert, so schien es zuerst, auch.

Doch das änderte sich dramatisch, als Adorno drei Monate später starb. Eine direkte Kausalität ist gewiss nicht nachzuweisen, aber ein Unbehagen schlich sich ein. Das Happening hatte indirekt ernste Folgen gezeitigt. Die Aktion ging entsprechend der Drastik dieser Wahrnehmung als "Busenattentat" in die Geschichte ein. Aus dem nur metaphorisch gemeinten Vatermord war eine Schuld geworden. Diese wiegt umso schwerer, als es sich bei Adorno um einen Juden handelt, der bereits einmal Opfer eines deutschen Totalitarismus geworden war. Eine Grenze war überschritten, die die 68er aus dem Stand der Unschuld der Nachgeborenen katapultierte. Ihr Schweigen rührt aus dieser Scham.

In der heutigen Diskussion gilt es, Punkte wie diesen aufzuspüren und einer gesellschaftlichen Reflexion zugänglich zu machen, Punkte, die vom Schweigen oder von wortgewandter Polemik eingekapselt worden sind. Mit einem solchen Verfahren wird die Charakteristik der deutschen 68er Bewegung deutlicher fassbar als in pauschalen Zuschreibungen, die letztlich auf Bezichtigungen hinauslaufen.

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Autor:  BEATE SCHAPPACH UND ANDREAS SCHWAB
Datum:  12 | 2 | 2008
Seiten:  1 2
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