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Die Ausnahme: Zwei Männer und ein Baby

Schwule Väter im Glück: Die Adoption ihres Kindes verlief ohne Komplikationen. Eine Ausnahme.

Schwule Väter im Glück: Familienidyll durch Adoption. (Symbolbild)
Schwule Väter im Glück: Familienidyll durch Adoption. (Symbolbild)
Foto: dpa

Die Schwangerschaft von Thomas Hösel und Florian Frisch beginnt im Februar 2006 mit einem Anruf des Dresdner Jugendamtes. Sie bahnt sich an mit den Worten "Wir haben etwas ganz Wichtiges mit Ihnen zu besprechen" und endet knapp vier Stunden später im Krankenhaus Dresden-Neustadt, Neugeborenenstation. Dazwischen Herzklopfen. "Bei mir ging schon immer alles schneller als bei anderen", sagt Florian, "auch das Vaterwerden."

Eine Adoption ist wie ein Bewerbungsverfahren um einen Spitzenjob mit Hunderten hoch motivierten Bewerbern. Schwul sein und mitzumachen, heißt, sich für die Stelle mit dem falschen Studienabschluss zu bewerben. Für Constanze Körner vom deutschen Schwulen- und Lesbenverband (LSVD) ist "eine Inlandsadoption für homosexuelle Männer die absolute Ausnahme. Wir haben von keinem anderen Paar gehört, das es bisher geschafft hat."

Eine Münze geworfen

Wahrscheinlich braucht man Florians unerschütterliches Selbstvertrauen, um sich gegen zehn verheiratete Vorzeigepaare durchzusetzen. Der 32-Jährige ist Germanist und arbeitet als Pressesprecher an einem Max-Planck-Institut. Er glaubt nicht nur daran, dass bei ihm alles etwas schneller geht, sondern auch, dass er kriegt, was er will. Den Mann seines Lebens. Den Superjob. Und nun also ein Kind. Noch bevor die leibliche Mutter nach der Entbindung ihre Unterschrift unter die Adoptionserklärung setzte, nannte sie ihn Tom.

In der Namensgebung sehen die Männer ausgleichende Gerechtigkeit. Denn offiziell ist der kleine Tom nur der Sohn von Florian Frisch, nicht von Thomas Hösel. Ob "verpartnert" oder nicht, Schwule können nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. "Das war das erste Mal, dass ich mich diskriminiert gefühlt habe", erzählt Florian. "Wir hatten unendliche Diskussionen darüber, wer von uns den Antrag stellt. Schließlich haben wir noch im Flur vor der Tür im Jugendamt eine Münze geworfen. Ich habe gewonnen." Also trägt Tom den Vornamen des einen und den Nachnamen des anderen Vaters.

Tomtom heißt der kleine Mann nun. Braunäugig und mit dem Charme eines Zweijährigen ausgestattet, rutscht er auf Strumpfhosen im Flur herum. Seine ersten Worte sind "Ball", "Papa" und "Kissenschlacht". "Mama", sagt Tomtom nicht. Im Kinderzimmer zieht ihm Tom eine neue Windel an, während Florian Kartoffeln würfelt. Das Dresdner Stadtviertel Blasewitz liegt direkt an der Elbe. Gründerzeitliche Villen in Pastellfarben reihen sich aneinander und konkurrieren um die schönste Fassade. Das Haus, in dem Florian und Tom wohnen, liegt in einer ruhigen Seitenstraße. Vor dem Eingang stehen Sandkiste, Schaukelgerüst und Bobbycars. In der Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock läuft zum Frühstück am Samstagmorgen Vivaldi, im Wohnzimmer steht ein Klavier. Die beiden Männer führen Wohnung und Partnerschaft offenbar so vorbildlich, dass die Adoptionsbetreuerin vom Jugendamt nach dem zweiten Besuch ankündigte, sie würde sich in Zukunft den Familien widmen, die es dringender nötig hätten. "Die beiden machen das ganz wunderbar", sagt sie.

Tom ist 36, Informatiker und verkauft Software an mittelständische Unternehmen. Als er Florian kennenlernte, ergab sich für ihn eine Möglichkeit, die er vorher nie in Betracht gezogen hatte. "Ich habe immer gedacht, dass es für mich kein Familienleben geben würde. Ich war schwul, also würde ich keine Kinder haben. Erst mit Florian ist mir aufgegangen, dass ich mich von diesem Wunsch gar nicht verabschieden muss."

Nach Schätzungen vom LSVD würde jeder dritte schwule Mann und jede zweite lesbische Frau gerne mit Kindern zusammenleben, Tendenz steigend. Viele von ihnen wollen nicht darauf verzichten, Kinder zu haben.

Helden im Jugendamt

Dabei ist Kinderkriegen für schwule Männer ein echtes Projekt. Ältere Männer mit spätem Coming-out haben häufig Kinder aus einer früheren Beziehung. Manche Paare suchen nach einer Leihmutter, die ihr Kind austrägt, oder tun sich mit lesbischen Frauen zu einer Zeugungsgemeinschaft zusammen. Wer sich für eine Adoption entscheidet, sucht meist im Ausland, wo die Chancen auf ein Kind wesentlich größer sind.

All das kam für Tom und Florian nicht infrage. "Wir wollten nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ein Kind zu bekommen. Bei Adoptionen soll es nicht darum gehen, den Eltern einen Wunsch zu erfüllen, sondern einem Kind eine Familie zu suchen", sagt Florian. Die Wartezeit auf ein Adoptivkind beträgt im Schnitt fünf Jahre. Bei Tom und Florian waren es bis zu jener ersten Begegnung mit Tomtom noch nicht einmal drei. Das verdanken sie der Adoptionsbetreuerin im Jugendamt. "Die hat so getan, als sei es das Normalste der Welt, dass zwei Männer in ihrem Büro standen und verkündeten, sie wollten ein Kind adoptieren", sagt Florian. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass es so einfach würde. Seither gelten die zwei Männer im Dresdner Jugendamt als lokale Helden, die "Neuland betreten" und "Pionierarbeit geleistet" haben.

Bevor der Richter die Adoption für rechtskräftig erklärte, forderte er ein psychologisches Gutachten von den Vätern an. Um sich abzusichern, hatte er angeordnet, dass sie Fragen beantworten sollten, die sie sich auch schon gestellt hatten. Etwa, wie man damit umgeht, wenn der Sohn von der Schule nach Hause kommt und weint oder verprügelt wurde, weil seine Väter schwul sind. Nicht nur von offizieller Seite gab es vorsichtige Zweifel. Sie lernten Aussagen wie "das Kind kann ja nur schwul werden" zu ignorieren und lächelten freundlich, wenn jemand sagte, dass der Junge doch eine Mutter brauche.

Florian hat sich ein halbes Jahr Elternzeit genommen. Problematischer gestaltete sich die Auszeit von Tom. Da er offiziell nicht der Vater ist, hatte er auch keinen Anspruch auf Elternzeit. Im Einverständnis mit seiner Firma arbeitete er stattdessen ein halbes Jahr am Rechner im Wohnzimmer. Seit einem Jahr geht Tomtom in die Kita. Bekommt er Fieber oder Magen-Darm-Grippe, kann sich nur Florian krankschreiben lassen und mit ihm zu Hause bleiben. Mittlerweile hat Tom allerdings ein Abkommen mit seiner Krankenkasse. Die hat zugesichert, die schwule Lebenspartnerschaft wie eine Ehe zu behandeln. "Es geht mehr, als man denkt", sagt Florian. Trotzdem bleibt die Familie auf das Wohlwollen von Behörden, Arbeitgebern und Institutionen angewiesen.

Der schlimmste denkbare Fall: Florian stirbt und Tom bekommt nicht das Sorgerecht. Auch hier mussten die beiden selbst vorsorgen und diesen Fall mit einer notariell beglaubigten Sorgerechtsvollmacht abfedern. Im Alltag lauern ständig Stolperfallen und immer kämpfen zu müssen, ist auf Dauer anstrengend.

Die gleichen Rechte wie ein verheiratetes Paar haben Tom und Florian nicht. Aber sie haben Maßstäbe gesetzt. Der fünfjährige Nachbarssohn erklärte seinen Eltern morgens im Bett: "Vielleicht heirate ich mal einen Jungen." Die Eltern schluckten und antworteten: "Das geht doch nicht." "Von wegen", sagte der Junge, "bei Tom und Florian unter uns geht es doch auch. Und dann sucht man sich ein Baby aus und ist eine Familie."

Autor:  ANKE LÜBBERT
Datum:  22 | 8 | 2008
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