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13. Juni 2007

Die Krankheit Friedlosigkeit

 Von HORST-EBERHARD RICHTER
Feindseligen ist der Friedfertige ein Dorn im Auge: Betender in Afghanistan.  Foto: rtr

Kinder, die gedemütigt werden, entwickeln als Erwachsene oft Selbsthass. Den bekämpfen sie, indem sie andere verletzen. Dieser Mechanismus greift auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam.

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Nach dem 11. September 2001 warnten hellsichtige Mahner vor einer antiislamischen Weltspaltungs-Ideologie und plädierten energisch für Bemühungen um Verständigung. Aber sie prallten auf einen unbeirrbaren US-Präsidenten, der stattdessen um die Erhaltung seines absoluten Feindbildes und um Geschlossenheit des westlichen Kriegsgeistes bangte. Dennoch war es ein gebürtiger Moslem, der unbeirrt von der angeheizten Kreuzzugshysterie zum Nachdenken darüber aufforderte, wie einer Verkettung von terroristischem Hass und kriegerischem Rache-Hass Einhalt geboten werden könne.

Gemeint ist Orhan Pamuk, inzwischen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der bereits im eigenen Innern die islamische mit der westlichen Welt zu verbinden gelernt hatte. So konnte er dem Westen unerschrocken eine kühne konstruktive Sicht der Dinge vermitteln. In einer deutschen Zeitung fand ich von ihm bald nach dem 11. September den folgenden Text: "Der Westen hat leider keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen." "Heute", fährt Pamuk fort, "ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr, die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im ,Unrecht' stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt."

Das schrieb Pamuk, als die Tür noch einen Augenblick geöffnet schien für seinen Rat: Erst sollte man das "Warum" des Terrorismus zu verstehen versuchen, anstatt besinnungslos Bomben zu werfen. Doch die Tür war rasch wieder fest geschlossen. In Washington dachte niemand mehr daran, allein die verbrecherischen Täter, Helfershelfer, Hintermänner und Anstifter vom 11. September zu bestrafen. Es gab nur noch ein Ziel, nämlich das große Welt-Spaltungs-Drama der mittelalterlichen Kreuzzüge zu reinszenieren - ungeachtet der Lehre aus dem 11. September, die vor der Illusion hätte warnen sollen, den Terrorismus mit militärischer Gewalt auslöschen zu können.

Für diese Unbelehrbarkeit gibt es nur eine einzige plausible Erklärung, geliefert von dem kürzlich verstorbenen genialen Atomphysiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, als Theorie von der "seelischen Krankheit Friedlosigkeit". Diese beruht nach Weizsäcker auf einem Aussetzen oder Verkümmern der Friedfertigkeit, "einer der größten Kräfte des Menschen". Aber warum dieses Verkümmern? Es ist "fast stets bedingt", so Weizsäcker, "durch mangelnden Frieden mit sich selbst". Dies ist die eigentliche Wurzel der Krankheit. Ist also Islamophobie ein Symptom psychopathologischer Friedlosigkeit?

Dem Psychoanalytiker offenbart sich neurotische Unfriedlichkeit bei Individuen regelmäßig als Folge früher schwerer narzisstischer Kränkungen und Demütigungen, zu deren Bewältigung "erfolgreiche" Rachemuster entwickelt wurden. Der Selbsthass konnte erfolgreich durch triumphale Verletzung anderer kompensiert werden, insbesondere solcher anderer, deren Friedlichkeit als ständige Anklage gegen die eigene Person empfunden wird. Dieses Reaktionsmuster kann sich leicht im Charakter verankern und damit die Chronifizierung der von Weizsäcker beschriebenen Krankheit bewirken. Sie kann sich in Gruppen epidemisch ausbreiten. Solche neurotisch Friedlosen fühlen sich typischerweise durch keine anderen so leicht gereizt wie speziell durch Pazifisten, die ihnen wie ein lebender Vorwurf erscheinen. Es ist der Mechanismus, den Goethe im Westöstlichen Divan beschrieben hat.

Jede Versöhnlichkeit erinnert die Friedlosen an die Traumen der eigenen früheren Wehrlosigkeit. Deshalb sehen sie in Sanftmut nichts als Feigheit, Schwäche und Kapitulation. Aber das passt eben nicht auf Versöhnungswillige wie Pamuk, der mit beispielhafter Unerschrockenheit seine türkischen Landsleute an der Verdrängung des begangenen Genozids an den Armeniern gehindert hat. Nur seine hohe internationale Reputation hat ihn vor schon eingeleiteter gerichtlicher Verfolgung bewahrt.

Die krankhaft Friedlosen müssen hassen, um nicht vom verdrängten Selbsthass aufgefressen zu werden. Umso wichtiger ist es, dass die gesunden Mehrheiten sich ihre vom arabischen Philosophen Averroes (Ibn Rushed) beschriebene Gattungsvernunft des intellectus agens erhalten und der infektiösen Welt-Spaltungsideologie widerstehen. Überall, wo chronische Verfeindungen irgendwann überwunden werden - wie zwischen Franzosen und Deutschen, wie zwischen südafrikanischen Schwarzen und Apartheids-Weißen, zwischen den militanten Protestanten und Katholiken Nordirlands, bleiben Verwunderung und Scham darüber zurück, dass nicht längst schon Versöhnungsanstrengungen die Komplizenschaft von Argwohn und Hass durchbrochen hatten. Die Reinszenierung des Kreuzzugsszenarios zwischen dem Westen und dem Islam lässt schon heute die Beschämung für den Augenblick des Erwachens aus der künstlichen Weltspaltung voraussehen, die ja in Wahrheit nichts weiter als eine heilbare temporäre Hassprojektion beider Seiten ist.


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