Es ist eine fast banale historische Wahrheit, dass die Geschichte sich beschleunigt. In diesen Wochen ist das deutlicher denn je. Der arabische Frühling revolutioniert eine ganze Weltregion, das globale Machtgefüge hat sich innerhalb weniger Generationen völlig verschoben (noch bis vor dem Zweiten Weltkrieg regierte Großbritannien ein Drittel der Welt) und verändert sich weiter. Wissenschaft, Technologie und Unterhaltungsindustrie schaffen eine Lebenswelt der galoppierenden Veränderung.
Das Informationsvolumen, das ein heutiger Mensch an einem einzigen Tag aufnimmt, ist wahrscheinlich größer als alles, was Landbewohner vor einigen Jahrhunderten in ihrem Leben kennenlernten. In einer Tageszeitung stehen mehr Fakten, als ein Mensch des achtzehnten Jahrhunderts bis zu seinem Tod erfuhr, und auf der Fifth Avenue in New York, auf den Champs-Elysées in Paris oder auf der Shiyuba-Kreuzung in Tokio sieht man an einem gewöhnlichen Mittag mehr Menschen, als unsere Vorfahren je zu Gesicht bekamen.
Das Tosen der Fakten
Das Tosen der Fakten um uns herum wird durch Entertainment geschickt und kommerziell kanalisiert oder ausgeblendet und im Cyberspace eröffnen sich noch einmal neue Möglichkeiten sich zu informieren oder in Chatrooms und Games gleich neu zu erfinden. Eine der Konsequenzen dieses explosiven Anstiegs von Information und Entertainment ist das kognitive Hintergrundrauschen einer hochtechnisierten Zivilisation auf das Leben von Primaten, die nicht dafür evolviert sind und die diese Entwicklung innerhalb weniger Generationen physisch und psychisch unvorbereitet trifft – uns selbst.
Noch vor dreihundert Generationen (also etwa sechstausend Jahren) jagten die meisten unserer Vorfahren in kleinen Gruppen oder lebten in primitiven Dörfern, vor sechs Generationen gab es noch weder Strom noch Fotografie oder Eisenbahnen, heute geht man davon aus, dass sich das Faktenwissen der Naturwissenschaften in jedem Jahrzehnt verdoppelt und allein in Deutschland werden 100000 Bücher pro Jahr veröffentlicht. Die Wahrnehmung von Wandel hängt nicht von seiner tatsächlichen Geschwindigkeit ab, sondern davon, wie tief er in das Leben der Menschen eingreift und wie groß ihre intellektuelle und emotionale Aufnahmefähigkeit für diese Veränderungen sind.
Trotz römischer Eroberung und Christianisierung bestimmten starke Kontinuitäten über Jahrhunderte das Leben der ländlichen Mehrheit in Europa. Die Pestepidemie 1348 veränderte das Gesicht der Gesellschaften radikal und gab den Anstoß zu einem Umdenken, das in die Renaissance mündete. Dennoch, trotz Renaissance, Reformation und Gegenreformation, trotz fürchterlicher Kriege und der Entdeckung neuer Kontinente lebten viele Menschen vor der Französischen Revolution nicht wesentlich anders, als es Generationen vor ihnen getan hatten. Dann aber ging es Schlag auf Schlag in eine neue, kapitalistische, durch Industrie, Technologie und Standardisierung geprägte urbane Welt: die Revolution, die napoleonischen Kriege (und das Gedankengut, was die Besatzer brachten), die Revolutionen 1848, der Kolonialismus und der Innovations- und Industrialisierungsschub der Gründerzeit, der rauschhafte Taumel der Erneuerung vor 1914.
Gerade am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war es nicht nur die technologische Durchdringung einer immer stärker urbanisierten und geplanten Welt sondern (auch dadurch verursacht) besonders die Verschiebung im Geschlechterverhältnis, die immer wieder als schwindelerregend rasch und von Männern oft auch als bedrohlich wahrgenommen wurde. Wer in die Stadt kam, war per Definition entwurzelt und musste sich eine neue Identität konstruieren. Da Arbeiterfamilien nicht von einem Lohn allein leben konnten, waren auch die Frauen meist gezwungen, einen Job anzunehmen und begannen, wie etwa die Textilarbeiterinnen in Nordengland, sich energisch für ihre Rechte, für Geburtenkontrolle, Gleichbehandlung, Mädchenerziehung und für das universelle Wahlrecht einzusetzen. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, deren Eltern noch ein Leben geführt hatten, das ihren fernen Vorfahren wesentlich ähnlicher war, als dem ihrer Kinder, hatte sich unwiderruflich verschoben.
Seite 2: Warum wir zur Zivilisation ohne Zukunftsvisionen wurden
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.