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DNA-Analyse: Spur in die Vergangenheit

Wer erstach Sonja Ady? Eine DNA-Analyse könnte das Rätsel nach 20 Jahren lösen. Von Christoph Albrecht-Heider

Eine DNA-Analyse in einem Kriminallabor in Wiesbaden.
Eine DNA-Analyse in einem Kriminallabor in Wiesbaden.
Foto: rtr

Viel weiß man nicht über den Mann. Nur dass er nach einem siebenjährigen Aufenthalt in Venezuela wieder nach Himmelpforten gezogen ist. Dass er 40 Jahre alt ist und keinen Beruf hat und bisher nicht straffällig geworden ist. Seit seiner Verhaftung vor vier Wochen sitzt der Mann in einer niedersächsischen Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft. Er wird des Mordes an einem Mädchen beschuldigt. Die Tat liegt fast genau 21 Jahre zurück, der Mann in der Untersuchungshaft war damals 19 Jahre.

Die Rotenburger Polizei hatte sich schon damit abgefunden, diesen Fall nicht mehr klären zu können. Jetzt wird mit ihm vielleicht ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte DNA-Beweis geschrieben. Der genetische Code des Mannes aus Himmelpforten haftet an einem Gegenstand, den die Polizei 1987 am Tatort fand. Wo sich die DNA-Spur befand, sagt sie nicht. Täterwissen, sagt sie, und noch hat sie den Täter nicht überführt.

DNA

Der genetische Fingerabdruck löst in der Kriminalistik mehr und mehr den Fingerabdruck ab. Jeder Mensch hat eine einzigartige Desoxyribonukleinsäure (DNS); im Sprachgebrauch hat sich die englische Abkürzung DNA durchgesetzt. Die DNA erlaubt die Geschlechtsbestimmung; weitere Informationen wie Hinweise zur ethnischen Zugehörigkeit darf die Polizei nicht verwenden.

Das Bundeskriminalamt begann 1998 in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern eine DNA-Datenbank aufzubauen. Mit ihrer Hilfe sind in den vergangenen zehn Jahren rund 50000 Straftaten aufgeklärt worden, darunter 600 Tötungsdelikte. In der Datenbank sind die DNA-Spuren von derzeit rund 700000 Menschen gespeichert.

Im Lauf der Jahre haben die LKAs genetische Fingerabdrücke an Asservaten aus Altfällen sichern und auf diese Weise auch eine Reihe von Morden aus den 80er und 90er Jahren aufklären können. Häufig setzt die Polizei nach einem DNA-Fund Reihentests an, bei denen Menschen zur Abgabe von Speichelproben gebeten werden.

Geringste Partikel der Haut, von Haaren oder Körpersekreten reichen heutzutage, um eine zweifelsfreie DNA zu dokumentieren. Die Analyseverfahren werden ständig verbessert.

Die Geschichte spielt im Norden des dünn besiedelten Landkreises Rotenburg (Wümme), der fast so groß wie das Saarland ist, aber nur von 165.000 Menschen bewohnt wird. Das Dorf Himmelpforten, aus dem der Tatverdächtige stammt, liegt auf der Stader Seite der Kreisgrenze. Die Menschen, die sich gut an den Mord vor 21 Jahren erinnern können, sind überrascht. Mit einem Täter aus der nahen Umgebung hatten sie nie gerechnet.

Rainer Klöfkorn, 54, steht im Garten seines Hauses im Bremervörder Stadtteil Bevern und zeigt mit der Hand zur Wiese vis-à-vis. Die war damals ein Sportplatz, und dort stand Klöfkorn am Sonntag, 23. August 1987, als mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht Richtung Bremervörde vorbeifuhren.

Klöfkorn ließ das Sportfest sein und folgte den Einsatzkräften; er ist Journalist, Redakteur bei der Bremervörder Zeitung. Die Polizei war nach Ebersdorf gerufen worden. Spaziergänger hatten dort eine Leiche gesehen, flüchtig nur hingeschaut, so entsetzt waren sie beim ersten Anblick , und zunächst den dortigen Bürgermeister informiert, der wiederum die Polizei rief.

Klöfkorn bekam den Körper auf dem Feldweg unweit von Ebersdorf nicht zu Gesicht, er sah nur die vielen Kleidungsstücke auf der Wiese daneben. Er schrieb auf, was die Polizei ihm sagte, und so lasen die Einwohner von Bremervörde in ihrer Zeitung, dass Sonja Ady, 16 Jahre alt, nackt dort gelegen hatte, die Hände hinterm Rücken zusammengebunden, die gefesselten Hände mit einer Wäscheleine mit den gefesselten Füßen verknüpft. Der Körper eine einzige Wunde: 60 Messerstiche zählte der Gerichtsmediziner, der aber keine Anzeichen einer Vergewaltigung fand. Von Bissspuren auf der nackten Haut war noch die Rede, aber das, sagt Polizeisprecher Detlev Kaldinski heute, gebe der Obduktionsbericht nicht eindeutig her.

Die Polizeiinspektion Rotenburg residiert in einem dreigeschossigen Ziegelbau in einem Wohngebiet am Rande der Kreisstadt, die gut 50 Kilometer vom Tatort entfernt liegt. Polizeihauptkommissar Kaldinski, 51, hat sein Büro am Ende des Gangs im ersten Stock. An der Wand hängen Urlaubsbilder, ein Kalender der Polizeigewerkschaft und das Plakat vom ersten Rock-Festival in Scheeßel 1973. Beim dortigen Open Air, das heute Hurricane-Festival heißt, für Sicherheit zu sorgen, gehört auch zu den Aufgaben der Polizisten.

Die haben vor kurzem in Zusammenarbeit mit dem LKA Niedersachsen einen spektakulären Fall gelöst, den siebenfachen Mord im China-Restaurant "Lin Yue" in Sittensen. Und nun hat Pressesprecher Kaldinski wieder eine gute Nachricht. Sie haben einen Tatverdächtigen ermittelt im Fall der ermordeten Sonja Ady, die zuletzt lebend am 23. August 1987 kurz nach Mitternacht bei der Diskothek "ta-töff" in Bevern gesehen und Stunden später auf einem Feldweg bei Ebersdorf "bestialisch" ermordet aufgefunden wurde, "bestialisch", so stand es auf dem Kripo-Plakat von damals, mit dem die Polizei nach Zeugen suchte.

Kaldinski, mit Unterbrechungen seit 1975 bei der Rotenburger Polizei, erinnert sich an seine "Fassungslosigkeit" damals. Er sagt auch, dass er es sich abgewöhnt habe, verstehen zu wollen, warum ein Mensch einem anderen so etwas antut.

Von der Diskothek sind es 14 Kilometer Richtung Nordwesten nach Ebersdorf, und auch 14 Kilometer nach Norden nach Ostendorf. Man vermutete aufgrund von Zeugenaussagen, dass das Mädchen im strömenden Regen versucht hatte, per Anhalter nach Hause zu kommen, aber Klöfkorn hat Recht, wenn er einwendet: Nach Ostendorf "kann man nicht trampen", schon gar nicht nachts, "nach Ostendorf kommt doch nichts mehr".

Die Hauswirtschaftsschülerin Sonja Ady, die gerade die Sonderschule abgeschlossen hatte, lebte mit Mutter und Stiefvater und dem kleinem Stiefbruder in Ostendorf im Haus Nummer 9a. Sie wohnten zur Miete, was in Ostendorf die Ausnahme ist. Die Familie kam nicht aus dem kleinen Dorf, sie zog ein paar Jahre nach Sonjas Tod auch wieder weg, zurück nach Bremervörde. Dort lebt sie noch heute, möchte anonym bleiben und nicht fotografiert werden.

Ostendorf hat nur knapp 200 Einwohner, ist aber fünf Kilometer lang. Eine birkengesäumte, schnurgerade Straße auf einem schmalen Damm, auf der Westseite 55 Hausnummern, die für große Anwesen stehen, alte Fachwerk-Höfe mit Reetdach, auf der Ostseite Wiesen bis zum Fluss Oste - das ist Ostendorf. Kein Laden mehr, keine Kneipen (es waren mal drei), aber ein Dorfgemeinschaftshaus. Die eigentümliche Anordnung der Grundstücke erklärt sich aus der Moorlage. Dies hier ist Kolonistenland, vor 240 Jahren dem Moor abgerungen.

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Datum:  2 | 8 | 2008
Seiten:  1 2
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