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EU-Beitritt Balkanländer: Dämonen haben einen leichten Schlaf

Während die EU den Beitritt Islands schnell abwickeln will, lässt sie vor allem Balkanländer mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil warten: Albanien, Kosovo und Bosnien. Von Ismail Kadare

Eine Muslimin betet gemeinsam mit vielen anderen Bosnierinen am zehnten Jahrestages des Massakers von Srebrenica vor den 610 Särgen mit den sterblichen Überresten ihrer Anverwandten.
Eine Muslimin betet gemeinsam mit vielen anderen Bosnierinen am zehnten Jahrestages des Massakers von Srebrenica vor den 610 Särgen mit den sterblichen Überresten ihrer Anverwandten.
Foto: Getty Images

Die Geschichte zeigt uns, dass Rassenhass und religiöse Verfolgung Dämonen sind, die sich nicht so leicht austreiben lassen und Nationen immer wieder heimsuchen. Wenn sie ihre Verheerungen angerichtet haben, verschwinden sie nicht, sondern fallen in einen erholsamen Schlaf, aus dem sie beim geringsten Anlass erfrischt erwachen und ihr Zerstörungswerk fortsetzen können.

Das EU-Beitrittsgesuch Islands hat für große Verstimmung bei den mehrere Tausend Kilometer entfernt liegenden Balkanländern gesorgt. Der Balkan hat es bis jetzt noch immer geschafft, seine Sorgen und Nöte den Rest des europäischen Kontinents spüren zu lassen, so auch diesmal.

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Ismail Kadare ist ein albanischer Dichter und Romanautor. Er schrieb unter anderem "Der Nachfolger", "Die Brücke mit den drei Bögen", "Der Palast der Träume" und "Die Pyramide".

Im Jahr 2005 wurde er mit dem Man Booker International Prize geehrt.

Da im Moment die EU die Balkanregion unter ständiger, wenn auch wohlwollender Beobachtung hält und bald darüber entscheiden wird, welche zur Zeit noch ausgeschlossenen Länder demnächst in die europäische Familie aufgenommen werden, ist es verständlich, wenn alte Rivalitäten zwischen den dort ansässigen Völkern wieder aufflammen.

Der Fall hat nicht so sehr Neid auf das kleine nordische Island ausgelöst, als vielmehr zu Eifersüchteleien unter den Balkanländern selbst geführt. Die EU-Entscheidung, die Visumspflicht für Serbien, Mazedonien und Montenegro aufzuheben, ist ein Zeichen dafür, dass diese Länder näher an Europa heranrücken. Da im Fall von Albanien, Kosovo und Bosnien nicht das Gleiche getan wurde, fühlen sich diese Länder gegenüber ihren Nachbarn benachteiligt, was wieder alte Feindseligkeiten heraufbeschwört.

Der EU-Entscheid wurde nicht nur auf dem Balkan kritisiert, sondern in ganz Europa nicht gut aufgenommen. Der Gefallen, der einigen Ländern getan und anderen verweigert wurde, wird nicht als ein Schritt in Richtung Stabilisierung der Region gewertet, sondern im Gegenteil als geeignet erachtet, Unfrieden zu stiften.

Zwei Dinge sind Besorgnis erregend: Erstens handelt es sich bei einem der begünstigten Länder um Serbien, das noch vor nicht allzu langer Zeit Sanktionen seitens der EU und NATO zu befürchten hatte wegen seiner Kriegsverbrechen der letzten Jahre. Damit nicht genug, sind die benachteiligten Länder, Bosnien und Kosovo, die Opfer eben jener Kriegsverbrechen.

So entsteht der Eindruck, dass Europa sein militärisches Eingreifen auf dem Balkan, wodurch das Morden beendet wurde, bereue und jetzt vielleicht seine politische und moralische Position überdenke. Nach Meinung vieler Experten wäre das ein sehr bedauerlicher Rückschritt in Europas moderner Geschichte. Ein weiterer, sehr heikler Umstand ist die Tatsache, dass die drei von der EU übergangenen Länder große muslimische Bevölkerungsanteile haben, was wieder ein altes Missverständnis aufkommen lässt, das man in Europa eigentlich seit einiger Zeit ausgeräumt wähnte.

In Bosnien zog Slobodan Milosevic aus dem Zögern der internationalen Gemeinschaft vor einem Eingreifen den falschen Schluss. Als 1999 sich eine ähnliche Frage stellte, war der serbische Tyrann überzeugt, dass das "christliche" Serbien im Kosovo ungehindert Massaker begehen könne. Aber Europa und die NATO ließen sich von den alten Vorurteilen nicht beirren. Indem sie dem Balkan-Tyrannen das Handwerk legten, spielten sie eine zentrale Rolle bei der Befreiung der Region, die in die Geschichte eingehen wird.

Die unglückliche EU-Entscheidung birgt allerdings nicht genügend Konfliktpotential, um das gegenwärtige Gleichgewicht ernsthaft zu gefährden; der Schaden hält sich in Grenzen, dennoch ist Vorsicht geboten. Die jüngsten Konflikte auf dem Balkan mit den Massakern, der Vertreibung von großen Bevölkerungsteilen und den entsetzlichen Massenvergewaltigungen dürfen niemals in Vergessenheit geraten.

Übersetzung: Andrian Widmann

Autor:  Ismail Kadare
Datum:  25 | 8 | 2009
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