In Leipzig, erzählt sie, sei vor einem Monat ein rechtes Flugblatt aufgetaucht, das vor einem entlassenen Sexualstraftäter warnte. "So schürt man Hass", sagt sie. "So etwas führt direkt in die Hysterie."
Und Medien machen mit. Niemand weiß etwas über Tat und Täter. Also werden Stimmung und Gerüchte geliefert - und die rechte Szene freut sich. RTL berichtet über den Volkszorn, ohne ein einziges Mal darauf hinzuweisen, dass es Neonazis sind, die Transparente durchs Bild tragen. Dafür informiert der Sender, in Leipzig seien rund 350 Kinderschänder registriert.
Zeitungen spekulieren über den Täter, der bestimmt in der Nachbarschaft lebe, in einer Garage oder einem Schuppen, ein ungepflegter Arbeitsloser mittleren Alters. Ein Psychoanalytiker mischt sich ein, vermutet zu mehr als 70 Prozent, der Täter habe sogar an einer Gedenkandacht teilgenommen und genieße den Rummel.
Mittwochabend in der Trinitatiskirche. Die vorerst letzte Andacht für Michelle. Ein dunkles Kirchlein, 35 Leute. Weniger Kirchgänger, eher Publikum. Mehr Event als Andacht. Handys dudeln, einige machen Fotos, während Pfarrer Sebastian Rebner spricht. Ein junge Frau mit Rottweiler an der Leine drängt in die Kirchenbank. Aus den Hosentaschen baumeln Jägermeister-Schlüsselbänder. "Wir dürfen uns nicht vereinnahmen lassen", betet der schmächtige Pfarrer. "Wir müssen dem Hass widerstehen."
Ein bulliger Mann mit fast kahlem Schädel sitzt vorne. "Pitbull", prangt eine riesige Tätowierung auf dem Oberarm. Nach der Andacht steht er vor der Schule. Heiko J., alleinerziehender Vater. Mit den Rechtsextremen habe er nichts zu tun, sagt der Mann. Gar nichts. Am Samstag will er einen Kinderschutzverein gründen. Und am Montag wieder auf die Straße ziehen. "Dann sind wir tausend", sagt er. "Mindestens. Und wir werden keine Ruhe geben, bis sich etwas ändert."
Er steht an der Martinstraße, direkt vor der Schule. Und der BMW hier? Ein Fünfer-BMW direkt neben ihm. Auf der Heckscheibe dick: "Todesstrafe für Kinderschänder." Auf dem Beifahrersitz liegt ein Baseballschläger. "Keine Ahnung." Er wird dabei etwas rot.
Zehn Minuten später. Es stehen immer noch Leute vor der Schule. Heiko J., der Sprecher des Kinderschutzvereins ist nicht mehr da. Der BMW und der Baseballschläger sind auch weg.
"Die Stadt bebt", sagte Bernd Merbitz, der Polizeipräsident. Und die Erschütterung ist noch lange nicht vorbei.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.