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Finanzkrise: Tsunami oder innere Reinigung

Es gibt verschiedene Deutungsmuster der Finanzkrise. Welche der Diagnosen sich durchsetzt entscheidet am Ende über Heilungsplan. Von Dieter Rucht

Gier und Schande: Richard Fuld, Vorstandchef der Pleitebank Lehman Brothers.
Gier und Schande: Richard Fuld, Vorstandchef der Pleitebank Lehman Brothers.
Foto: rtr

1. Finanz-Tsunami

Die Finanzkrise gleicht einer Naturkatastrophe. Wie eine riesige, nicht vorhersehbare Woge ergießt sie sich auf die Menschen, reißt alle und alles mit. "Keiner kann der Krise entrinnen." Nach der Katastrophe gilt es die Rettung zu organisieren. Alle müssen zusammen helfen: "Das kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten - Wirtschaft und Banken, die Tarifparteien und auch der Staat - an einem Strang ziehen und dazu beitragen, das Zukunftsvertrauen in die Wachstums- und Widerstandskraft wieder zu stärken." Zudem müssen die Warnsysteme verbessert werden, damit sich die Menschen beim nächsten Tsunami zeitig auf sicheres Terrain retten können.

Der Autor

Dieter Rucht leitet die Forschungsgruppe "Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa" am Wissenschaftszentrum Berlin und ist Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin.

Profit oder Gemeinwohl? Fallstudien zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten heißt das Buch, das Rucht 2007 gemeinsam mit Peter Imbusch veröffentlichte.

Welche Deutungen der Finanzkrise sind auf dem Markt? Anschauungsmaterial dafür bietet eine unsystematische Sichtung von Zeitungsartikeln aus den letzten Wochen.

2. Casinokapitalismus

Das unmoralische Treiben von "Bankstern" (Bild) hat eine Spekulationsblase geschaffen, die nun geplatzt ist. Der Grund: "Viele Finanzakteure waren zu gierig." Einer Deutungsvariante zufolge sind die rücksichtslosesten Zocker die ersten Opfer ihres Tuns. Nun hat sie ihre gerechte Strafe ereilt. Nach einer anderen Deutung sind gerade die kleinen Leute die wahren Opfer. Die Großen hingegen, wohl wissend um die desaströsen Folgen ihres Tuns, sind längst aus den riskanten Geschäften ausgestiegen und haben ihr Schäfchen ins Trockene gebracht.

Aus der Diagnose fehlender Moral lässt sich zum einen der resignative Schluss ziehen, dass die Dinge nun einmal so sind wie sie sind. Die Ehrlichen sind die Dummen. "Die Zeche der Spekulanten zahlen die Steuerzahler." Aus dieser Sicht ist es müßig, über Lösungen nachzudenken. Das andere Fazit läuft auf einen besseren Kapitalismus hinaus. Vom anglo-amerikanisch geprägten "Pumpkapitalismus" (Ralf Dahrendorf) müsse wieder auf eine nachhaltig ausgerichtete soziale Marktwirtschaft oder einen "Sparkapitalismus" umgestellt werden, der auf Moral und Einsicht baut. Entsprechend wird an Anstand und Selbstbescheidung im wohlverstandenen Eigeninteresse appelliert. So kommt von Teilen der Wirtschaft wie der Politik die Aufforderung, wieder zum "rechten Maß" zurückzukehren, wobei vorübergehend sogar eine Haltung des Verzichts angemahnt wird.

3. Mangel an Regulierung

Dass der Zusammenbruch prinzipiell hätte vermieden werden können, wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven behauptet. Einer technokratischen Sicht zufolge fehlte es weder an der richtigen Diagnose noch an geeigneten Rezepturen. Der Internationale Währungsfonds (IWF), so dessen ehemaliger Präsident Michel Camdessus, habe rechtzeitig gewarnt. Allerdings seien die vor elf Jahren beschlossenen Reformen von der Politik nicht umgesetzt worden. Daraus ergibt sich die Lehre, künftig auf den Rat jener Fachleute zu hören, die das globale Wohl und nicht nur das der eigenen Nation oder eines einzelnen Wirtschaftszweigs im Auge haben.

Auch gemäß einer politökonomischen Perspektive wäre die Krise prinzipiell vermeidbar. Das geht allerdings nicht, solange Politik nur das ist, "was die Wirtschaft erlaubt" (Rolf Hochhuth). Die Politik müsste also, der linken sozialdemokratischen Tradition folgend, dem Kapitalismus strenge Zügel anlegen wenn nicht sogar, stramm linksradikal, gesamtwirtschaftlich bedeutsame Schlüsselbereiche verstaatlichen und einen wie immer gearteten "demokratischen Sozialismus" etablieren.

4. Missmanage

ment

Es mangelte an unternehmerischer Weisheit angesichts des Dickichts der Finanzgeschäfte. "Ich kann es kaum gestandenen Bankern erklären, die Wirkungsketten sind sehr komplex und schwer zu verstehen", meinte Wolfgang Hartmann, Risikovorstand der Commerzbank. Zum fehlenden Überblick gesellten sich strategische Irrtümer, Missachtung von Risiken, mangelhafte interne Kontrollen und externe Fehlbewertungen durch Analysten und Wirtschaftsprüfer. Um künftige Krisen zu vermeiden, bedürfe es vor allem eines besseren wirtschaftsinternen Managements, müssten die "Nieten in Nadelstreifen" abgelöst werden, gilt doch: "Märkte sind gut, nur Menschen können verrückt spielen." Dass man auch im Zeichen der Krise gut aufgestellt sein kann, scheinen in Deutschland einzelne Institute, allen voran die Deutsche Bank, zu beweisen. "Ich würde mich schämen", so Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank , "wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden".

5. Selbstkorrektur

Es gibt aber auch Empfehlungen, der Krise gelassen zu begegnen. So what? fragen Berufsspötter wie Harald Schmidt, antikapitalistische Zyniker, Halbmarxisten wie Hans Magnus Enzensberger, aber auch Marktradikale. Ihr Argument: Krisen auf freien Märkten/im Kapitalismus gab es immer und wird es immer geben. Sie sind ein Mechanismus der Selbstkorrektur eines "anonymen Systemfehlers" (Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts), in dessen Folge sich die Finanzwirtschaft zu weit von der Realwirtschaft entfernt habe. Nun werde sie unter Schmerzen, aber letztlich doch mit heilsamer Wirkung, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Josef Ackermann: "Die Marktwirtschaft hat aus ihren Krisen immer gelernt und ist dadurch immer besser geworden. So wird es auch diesmal sein." In der Krise selbst liegt also schon der Keim der Rettung. So gesehen wäre es schädlich, wenn durch systemfremde Eingriffe, etwa allzu weit gehende, die Kranken und Lahmen erneut aufrichtende Staatsinterventionen, der Wettbewerb verzerrt würde. Besser als die Staatsbürokraten wüssten die Wirtschaftsakteure, was dem langfristigen Wohl des Gesamtsystems dienlich sei. Schon warnt der "Starökonom" Kenneth Rogoff davor, dass durch den Bedeutungszuwachs der Demokratischen Partei "die amerikanische Wirtschaft auf eine europäische Form des Kapitalismus zusteuern" könnte.

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Autor:  DIETER RUCHT
Datum:  18 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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