Mit dem Spekulanten hat man einen Akteur ausgemacht, dem nun die größten Übel zugeschrieben werden. Was hat er getan?
Der Spekulant ist jemand, der gegen organisierte Interessen von Firmen, Staaten oder Fonds wettet, und das solange tut, wie er sich auf andere Spekulanten glaubt verlassen zu können, die dasselbe tun. Spekulanten sind die Anarchisten der Gegenwart, aber im Unterschied zu den Anarchisten des 19. Jahrhunderts haben sie mehr als ihr Leben zu verlieren. Und im Unterschied zu den Revolutionären des 20. Jahrhunderts, rechten wie linken, tragen sie ihre Wetten nicht auf dem Rücken anderer, sondern auf ihrem eigenen Rücken aus. Deshalb ist es ja so wichtig, sie die Folgen auch spüren zu lassen. Auf die crowd intelligence der Spekulation kann keine Gesellschaft der Gegenwart verzichten, auch wenn es schmerzhaft ist. Auf die Spekulanten zu verzichten, heißt, auf den Boten zu verzichten, der die schlechte Nachricht bringt.
Wer eine Wette eingeht weiß, dass er verlieren kann. Sind die Wetten gegen den Euro risikolos und jederzeit wiederholbar?
Wetten gegen den Euro sind genau so lange risikolos, wie die EU und die EZB Signale in den Markt setzen, dass sie bereit sind, zu jeder nur denkbaren Wette die Gegenposition einzunehmen. Das ist eine Einladung an Spekulanten, sich ihr Geld selbst zu drucken.
Soziale Systeme können nicht sterben, sagen Soziologen. Die Euro-Instabilität könnte aber gewaltige gesellschaftliche Erschütterungen zur Folge haben. Sind die Demokratien in Gefahr?
Die Demokratien, wie wir sie kennen, sind dann in Gefahr, wenn sich herumspricht, dass die Entscheidungen der Staaten politisch nicht auch irgendwann zur Wahl stehen. Im Moment beobachtet man ja eher das Gegenteil. Ehrgeizige Nationalpolitiker mit durchaus unterschiedlichen Programmen tun alles dafür, mit und wegen ihrer politischen Initiativen auch vom Wähler gewürdigt zu werden - die Voraussetzung dafür, bei der nächsten Wahl unter Umständen für Entscheidungen, die für falsch gehalten werden, auch die Quittung zu bekommen. Gefährdet ist im Moment nur wieder einmal die Illusion, wir hätten die Dinge unter Kontrolle. Auch Marktwirtschaft und Demokratie sind relativ schwache Instrumente, um eine so komplexe Gesellschaft wie die Weltgesellschaft auf Kurs zu halten. Aber es sind die stärksten Instrumente, die wir haben, und die stärksten, die wir uns wünschen, wenn wir nur parallel darauf achten, dass Kunst und Wissenschaft, Kirchen und Universitäten andere Fragen im Blick behalten, die weder von der Wirtschaft noch von der Politik beantwortet werden können.
Interview: Harry Nutt
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.