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Folge der Finanzkrise: Die Achse des Aufruhrs

Sprach Bush von der "Achse des Bösen", findet Obama eine andere vor: Neun Staaten, die infolge der Finanzkrise politisch instabil werden - allen voran die Demokratische Republik Kongo. Von Niall Ferguson

Eine örtliche Selbstverteidigungs-Truppe in Bangadi im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Aufgenommen im Februar 2009.
Eine örtliche Selbstverteidigungs-Truppe in Bangadi im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Aufgenommen im Februar 2009.
Foto: AFP

Vor etwas mehr als sieben Jahren, am 29. Januar 2002, warnte George W. Bush in seiner Rede zur Lage der Nation vor der "Achse des Bösen", die mit Terroristen verbündet sei und sich mit Massenvernichtungswaffen ausrüste, "um den Weltfrieden zu bedrohen". Bush zufolge bestand dieser exklusive Verein aus drei Mitgliedern: Iran, Irak, Nordkorea. Sein Rezept gegen die Achse des Bösen hieß Präventivschlag. Etwa ein Jahr später setzte er dies in die Tat um und marschierte im Irak ein.

Bushs Nachfolger Barack Obama sieht sich deswegen leider einer viel größeren und potenziell weitaus gefährlicheren Achse gegenüber - einer Achse des Aufruhrs. Diese Achse besteht mindestens aus neun Ländern, wenn nicht mehr. Was sie vereint, ist nicht so sehr ihre Bösartigkeit als vielmehr ihre instabile Lage, die durch die Weltfinanzkrise jeden Tag schlimmer wird. Leider erschwert es eben jene Finanzkrise den USA, darauf zu reagieren.

Zum Autor

Niall Ferguson ist Laurence-A.-Tisch- Professor für Geschichte an der Harvard University. Von ihm ist gerade auf Deutsch erschienen: "Der Aufstieg des Geldes - die harte Währung der Geschichte" (Econ 2009, 368 Seiten, 24,90 Euro). Bei Propyläen erschien 2006: "Krieg der Welt: Was ging schief im 20. Jahrhundert?" Unseren Text übersetzte Andrian Widmann.

Bushs Redenschreiber stellten mit dem Begriff "Achse des Bösen" (zuerst war es "Achse des Hasses"), einen Bezug her zu den Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan, die sich während des Zweiten Weltkrieges im September 1940 unter dem Dreimächtepakt zusammenschlossen. Im Gegensatz dazu erinnert die Achse des Aufruhrs eher an das Jahrzehnt vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als die Weltwirtschaftskrise eine weltweite Welle politischer Krisen auslöste.

Die Bush-Ära macht zwar deutlich, wie gefährlich es sein kann, leichtfertig Parallelen zwischen den Herausforderungen der Gegenwart und den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu ziehen, trotzdem gibt es ausreichend Anlass zu der Befürchtung, dass die größte Finanzkrise seit der Großen Depression ähnlich schwere Auswirkungen auf die Welt haben könnte.

In meinem letzten Buch, "The War of the World", benenne ich die drei Faktoren, die im letzten Jahrhundert mehr oder weniger vorhersehbar zum organisierten Einsatz von tödlicher Gewalt führten. Der erste Faktor waren ethnische Konflikte: Die Gewalt war immer dort am schlimmsten, wo nationale Mehrheiten und religiöse oder linguistische Minderheiten nah beieinander lebten. Der zweite Faktor waren zerfallende Großreiche: Wo die Strukturen einer imperialen Macht zusammenbrachen, waren die Kämpfe um die politische Macht am blutigsten. Der dritte Faktor war wirtschaftliche Instabilität: Je größer das Ausmaß und die Häufigkeit von wirtschaftlichen Zusammenbrüchen, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts.

In wenigstens einem Teil der Welt - dem Nahen Osten - sind zwei dieser drei Bedingungen schon seit einiger Zeit erfüllt: Ethnische Konflikte gibt es dort seit Jahrzehnten, und die USA wollen nach den Schwierigkeiten und Enttäuschungen im Irak und in Afghanistan ihre fast schon imperiale Präsenz in der Region verringern. Die Obama-Regierung hofft nun, dass General David Petraeus durch eine zweite Militäraktion in Afghanistan das erreichen wird, was ihm im Irak gelungen ist: die Lage so weit zu stabilisieren, dass eine Verringerung der US-Militärpräsenz möglich ist. Bezeichnenderweise sieht der Haushaltsplan ab 2011 eine Verringerung des Verteidigungsbudgets anteilig am Bruttoinlandsprodukt vor.

Jetzt kommt auch der dritte Faktor, wirtschaftliche Unsicherheit, mit Nachdruck zurück ins Spiel. Ein Verlust der Schwankungsfreudigkeit des Marktes, den Notenbankchef Ben Bernanke 2004 in seiner Rede "Die große Mäßigung" so eindringlich pries, ist durch eine Kettenreaktion auf dem Finanzmarkt verhindert worden, die ihren Ausgang nahm bei den US-Hypothekenkrediten, sich durch das Bankensystem zog bis hin zu dem "Schattensystem" der Kreditverbriefung und jetzt Vermögenswerte, Produktion und Handel weltweit kollabieren lässt.

Nach einem Jahrzehnt von nie da gewesenem Wachstum wird die Weltwirtschaft 2009 zum Stillstand kommen und vielleicht sogar schrumpfen. So schlimm wie 1929 wird es nicht kommen, weil die Regierungen weltweit sich mit politischen Maßnahmen, von denen man vor 80 Jahren noch nicht zu träumen gewagt hätte, darum bemühen, das Schlimmste zu verhindern. Aber egal wie tief die Zinssätze fallen oder wie hoch die Defizite steigen, die Kleine Depression wird dieses Jahr zu einer signifikanten Erhöhung der Arbeitslosenzahl in den meisten Ländern führen und eine schmerzhafte Verringerung der Einkommen zur Folge haben. Solche wirtschaftlichen Erschütterungen haben meistens auch geopolitische Konsequenzen. Und die ersten Anzeichen des kommenden Aufruhrs sind auch schon sichtbar.

Man braucht nicht zu erwähnen, dass in einigen Teilen der Welt der Aufruhr zum Alltag gehört. Selbst wenn die Weltwirtschaft noch boomen würde - in der Demokratischen Republik Kongo würde der Bürgerkrieg höchstwahrscheinlich trotzdem wieder ausbrechen; in Somalia herrschten weiterhin Anarchie und Piraterie; in Simbabwe gäbe es trotzdem noch eine Hyperinflation. Genauso ist man versucht zu denken, dass es nach den jüngsten Angriffen Israels auf den Gazastreifen im Nahen Osten kaum noch schlimmer werden könnte. Und trotzdem wird im Zuge der Finanzkrise das politische Klima sich auch in dieser Region noch verschlechtern.

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Autor:  NIALL FERGUSON
Datum:  19 | 3 | 2009
Seiten:  1 2 3
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