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Gastbeitrag - Zukunft der Zeitung: Mehr Emotionen, bitte!

Wie sieht der Journalismus der Zukunft aus? Wie die Zeitung? Die Bloggerin Lena Reinhard will "endlich Taten sehen", wie sie es im Gastbeitrag formuliert. Kurzum: sie wolle eine Zeitung, "die mich mag".

Wie sieht die Zukunft der Zeitungen aus?
Wie sieht die Zukunft der Zeitungen aus?
Foto: dpa

Wenn Information gleich Wissen gleich Macht ist, sind wir die mächtigste Gesellschaft, die es je gab. Rund um die Uhr, an jedem Ort und meist kostenlos ist eine riesige Menge an Informationen verfügbar.

Denke ich dann aber an die Medienmacher, kommt mir eher Ohnmacht in den Sinn. Lange Zeit Wasserhändler in der Informationswüste, sind aus ihnen jammernde Sandverkäufer geworden. Deshalb habe ich einen Wunsch: Ich will statt des Gejammers endlich Taten sehen. Journalismus muss sich dringend verändern, aus der Ohnmacht erwachen, wenn er eine Zukunft haben soll.

Die Zukunft der Zeitung

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Lena Reinhard.
Lena Reinhard.
Foto: privat

Für diese Zukunft wünsche ich mir mehr Unersetzbarkeit. Mehr journalistische Angebote, die ein klares, geschärftes Profil haben und aus dem medialen Einheitsbrei herausragen. Denn: Was ist das überhaupt genau, dieser viel beschworene "Qualitätsjournalismus"? Welche Rolle nimmt er im Geschehen unseres Landes ein?

Ich will mich auf das, was ich lese, verlassen können. Medien müssen sich auszeichnen durch Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und Wahrheitsfetischismus. Durch das Rückgrat, den Finger auf wunde Punkte zu legen und auf Füße zu treten. Ich wünsche mir Medien, die Position zu Themen beziehen und Reibungspunkte bieten, statt auf das Verwursten von Agenturmeldungen zu setzen. Medien, die machen, statt nur Durchreiche zu spielen. Angesichts des Informationsüberangebots muss es wieder Aufgabe von Journalisten werden, Informationen zu bündeln, auf das Wesentliche zu reduzieren. Ich wünsche mir Entschleunigung und Schlichtheit - auch im Online-Journalismus.

Social Media und die enormen technischen Möglichkeiten bieten viel bisher ungenutztes Potenzial. Ebenso externe Verlinkungen, eines der Credos des Internets, die von klassischen Medien bisher kaum verwendet werden. Online-Journalismus muss unbedingt mehr sein als der Blinddarm der Print-Ausgabe. Und er stellt völlig neue Ansprüche, denn aus mir, ehemals passiver Leser, wird hier ein Nutzer. Ich will willkommen sein, mitgestalten, diskutieren, Teil einer virtuellen Gemeinschaft werden! Journalistische Beiträge können so als Boden für Diskussionen genutzt und weiterentwickelt werden.

Doch diese Entwicklung von der Statik zur Dynamik funktioniert nur, wenn Journalisten endlich ihren Anspruch, schnell und markig Evidenz zu erzeugen, aufgeben, und zu einer regen Teilnahme an Diskussionen bereit sind. Nutzer als intelligente Gesprächspartner ernstzunehmen fördert wiederum einen hochwertigen Diskurs, der für alle Beteiligten einen enormen Mehrwert bietet.

Daher geht die oft undifferenziert geführte Paid-Content-Debatte für mich in die falsche Richtung. Sie lässt völlig außer Acht, dass die härteste Währung schon lange nicht mehr Geld ist. Zeit und Aufmerksamkeit sind weitaus wertvoller und flüchtiger, deshalb gilt es, diese zu fesseln - am wirkungsvollsten mit mehr Emotionen, mit mehr Leidenschaft. Wenn ein Produkt toll aussieht, sich gut anfühlt, zu mir passt, wenn Herzblut darin steckt, dann verliert die Frage, was es kostet, enorm an Relevanz.

Verraten Sie es nicht weiter, aber: Ich habe da einen Traum. Einen Traum von meiner persönlichen Zeitung, mit meinen liebsten Ressorts und Autoren. Die ich gedruckt, als App oder E-Paper lesen kann. Die transparente Abomodelle anbietet, sich Social Media gegenüber öffnet und Inhalte aus anderen Medien sowie Blogs verlinkt. Wo Werbung nicht beim Lesen stört und wo ich mit wenigen Klicks auch freiwillig für Artikel bezahlen kann, einfach weil ich sie gerne gelesen habe. Eine Zeitung, die mich mag, die mich ernst nimmt, in der ich mit anderen Nutzern und Autoren diskutieren kann. Die mich bereichert, obwohl ich für sie bezahle.

Ich träume von einer Zeitung, die wie ein vier-Euro-Kaffee in einem Pappbecher ist: Nicht billig, aber jeden Cent wert. Weil sie mich jeden Tag ein bisschen glücklicher macht. Und mich mit wacherem Blick durch die Welt gehen lässt.

Die Autorin betreibt das Internet-Blog "Wunderschön aber selten", http://wunder.schoenaberselten.com

Autor:  Lena Reinhard
Datum:  7 | 5 | 2010
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