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Gastbeitrag zum Hessischen Kulturpreis: Warum knickt man ein?

Der Streit um den hessischen Kulturpreis für Navid Kermani wirft Fragen auf. Bei ihm sei am falschen Mann ein Exempel statuiert, meint Theologie-Professor Karl-Josef Kuschel.

Kardinal Lehmann ist in die Kritik geraten.
Kardinal Lehmann ist in die Kritik geraten.
Foto: dpa

Ja, er hat einen Satz wie diesen geschrieben: "Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie". Und wenn dieser Satz das Einzige gewesen wäre, was Navid Kermani, Jahrgang 1967, Sohn iranischer Eltern, seit Jahrzehnten in Deutschland lebend, zum Christentum eingefallen wäre: kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, ihm dafür den Kulturpreis eines deutschen Bundeslandes zu verleihen.

Aber aberkennen kann man in Deutschland offensichtlich "Kulturpreise" auf Grund eines solchen und vier, fünf anderer Sätze. Denn in der entsprechenden Pressemitteilung der Hessischen Staatskanzlei vom 13. Mai werden genau diese Äußerungen herauspräpariert, das heißt kontextlos isoliert, um ganz offensichtlich Empörung und Verständnis in der Öffentlichkeit zu wecken: Wer so etwas schreibt, ist dann doch nicht preiswürdig.

Navid Kermani soll den Kulturpreis nun doch nicht bekommen.
Navid Kermani soll den Kulturpreis nun doch nicht bekommen.
Foto: dpa

Einem Kardinal Lehmann und einem Kirchenpräsidenten Steinacker kann man doch einen solchen Mann nicht zumuten, zwei weiteren Preisträgern in Hessen. Dass diese sich nicht länger zusammen mit Kermani auszeichnen lassen wollen: nur zu begreiflich. Oder?

Überraschende Wende im Text

Haben sich die Verantwortlich und Betroffenen aber wirklich die Mühe gemacht, die sie billigerweise von jedem verlangen würden, der ihre eigenen Texte begutachtete? Haben sie den Kontext der herauspräparierten Sätze gelesen und verstanden, haben Sie das Gesamtwerk von Navid Kermani noch im Blick? Seine Herkunft als Muslim, sein Selbstverständnis als Islamwissenschaftler, seine Verdienste als Schriftsteller?

Kurz: Hat man die Regeln seriöser Verstehenskultur angewandt, eigentlich selbstverständlich im Kontext eines Preises für Kultur? Irgendetwas muss das preisverleihende Kuratorium ja wohl am Werk von Herrn Kermani "preiswürdig" gefunden haben. Warum aber knickt man dann auf Grund einiger Sätze ein und lässt einen Mann fallen, der plötzlich statt gewürdigt angeklagt dasteht? Disqualifiziert für den interreligiösen Dialog!

Worum geht es bei Licht besehen? Kermani verfasst aufgrund eines Rom-Aufenthaltes seit einigen Monaten für die Neue Zürcher Zeitung Betrachtungen zu großen Bildern aus der Geschichte der christlichen Kunst. Kleine Texte, persönlich getönt, literarisch geschliffen, intellektuell wach. So kennt man ihn. Die Redaktion der NZZ fand diese "Paarung" offensichtlich "spannend": Ein Schriftsteller muslimischer Herkunft setzt sich mit großen Dokumenten christlicher Ikonographie auseinander.

Im März erschien Kermanis Text zu einem Bild des italienischen Barockmalers Guido Reni: "Kreuzigung". Jedermann weiß, dass Muslime auf der Basis des Koran (Sure 4,157) eine Kreuzigung Jesu ablehnen. Sie können nicht glauben, dass Gott einen Gesandten dieser Größe wie Jesus einem solchen Schandtod sollte ausgesetzt haben.

Sie lehnen eine Kreuzigung Jesu also nicht aus Geringschätzung, sondern aus Respekt für Jesus und Gott ab. Davon berichtet Kermani zunächst bei seiner Betrachtung des "Kreuzigungs"- Bildes, auch von seiner eigenen religiösen Erziehung ("Großvaters Glauben"), von fatalen Wirkungen des Kreuzes, von seinem Verständnis für die Ablehnung des Kreuzes Christi bei Juden und Muslimen, um dann noch einmal sehr persönlich zuzuspitzen: "Gotteslästerung", "Idolatrie".

Das war ein so nicht zu erwartender, aber in seiner literarischen Einkleidung rasch durchschauter emotional-aggressiver Ausbruch, polemisch formuliert, provokativ, ungeschützt. Er fordert geradezu den Widerspruch von christlicher Seite heraus. Als ob Kermani das nicht wüsste: Das "Wort vom Kreuz" ist nun einmal ein zentrales Wort im Glauben von Christen. "Gotteslästerung", "Idolatrie"? Die Vorwürfe sind alles andere als originell, mussten Christen seit der antiken Polemik sich anhören und argumentativ zurückweisen.

Aber das eigentlich Provozierende an Kermanis Text ist gar nicht dieser emotionale Ausbruch. Das eigentlich Provozierende ist der Schluss. Denn im Betrachter des "Kreuzigungs"-Bildes vollzieht sich eine überraschende Wende. Je länger er Renis Bild im Blick hat, desto "berückender" findet er den Anblick dieses hier dargestellten Gekreuzigten: "so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben". Auch dieser "Ausbruch" - unerwartet!

Ich frage: Kann man von einem Schriftsteller mehr an Dramaturgie erwarten als diesen Text: erst die Empörung, dann die Empathie? Wer auch nur einig wenig von literarischen Strategien versteht, weiß beides zu würdigen. Der holt nicht seine kirchliche Dogmatik hervor und vergleicht eins zu eins. Ich frage weiter: Kann man von einem Islamwissenschaftler muslimischen Glaubens eine größere Annäherung an das "Geheimnis" des Kreuzes Christi erwarten als das, was Kermani am Schluss seines Textes "bekennt"?

Plötzlich nicht mehr salonfähig

Und ein solcher Mann, der sich durch ein beträchtliches wissenschaftliches Werk ausgezeichnet hat: zwei große Studien über Koran und Ästhetik sowie über die Theodizee-Frage im Islam, ein solcher Mann, der bereits ein umfangreiches literarisches und essayistisches Werk vorgelegt und so sich als bedeutender Vermittler von Orient und Okzident im deutschsprachigen Raum empfohlen hat, Mitglied der angesehenen Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, ein solches Mann soll als "Dialogpartner" plötzlich nicht mehr "salonfähig" sein, weil man Splitterzitate gegen ihn ausspielen zu können glaubt? Sind wir in diesem Land so reich gesegnet mit muslimischen Intellektuellen dieses Formats, als dass wir Navid Kermani ausgrenzen könnten?

Oder wollte man hier ein Exempel statuieren und der deutschen Öffentlichkeit endlich einmal demonstrieren, dass auch "wir Christen" uns nicht "alles gefallen" lassen, nachdem Muslime bei jeder Gelegenheit aufschreien, wenn ihre Religion auch nur kritisiert wird? Karikaturenstreit und Regensburger Rede des Papstes liegen ja noch nicht lange zurück. Sollte hier also "Flagge gezeigt" werden?

Nichts gegen Protest zur Verteidigung seines eigenen Glaubens, wenn er herabgesetzt wird. Nur: Navid Kermani ist dafür der denkbar ungeeignetste Mann.

Karl-Josef Kuschel lehrt als Professor Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Universität Tübingen. Er ist Verfasser des Grundlagenwerks: "Juden-Christen-Muslime: Herkunft und Zukunft" (Patmos 2007).

Autor:  KARL-JOSEF KUSCHEL
Datum:  16 | 5 | 2009
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