kalaydo.de Anzeigen

Gastbeitrag zum Minarettverbot: Ein Problem der Zivilgesellschaft

Das Nein zu Minaretten deutet auf ein Problem der Zivilgesellschaft hin. Für einen Großteil der Bevölkerung steht der Islam unter Generalverdacht. Aber es ließe sich auch fragen: Ist das Christentum zu schwach? Von Hans-Georg Ziebertz

Minarett neben Glockenturm.
Minarett neben Glockenturm.
Foto: dpa

Vor einer Woche haben die Schweizer, anders als allgemein erwartet, Nein zu weiteren Minaretten im Land gesagt. Beobachtern ist klar, dass es bei der Abstimmung nicht nur um Türme, sondern um eine bestimmte Erscheinungsform des Islam ging, manchen wohl um den Islam insgesamt. Dabei tauchte die Frage auf, ob die Schwäche des Christentums das Zustandekommen des Votums ermöglicht hat.

Die Abstimmung hat zunächst mit dem Islam selbst zu tun. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die westliche Welt gegenüber dem Islam hoch sensibel. Für weite Teile der Bevölkerung steht er unter Generalverdacht, modernitäts- und demokratieresistent zu sein. Medienberichte über Hassprediger, Ehrenmorde, mangelnde Geschlechtergerechtigkeit, Integrationsprobleme und so weiter erzeugen und spiegeln ein negatives Image über den Islam auch hierzulande. Ist das nur Islamphobie, also krankhafte Angst, die auf einer Verzerrung der Wirklichkeit beruht? Sicher nicht, denn es gibt Probleme, aber sie sind nicht die ganze Wirklichkeit. Der Islam ist eine vielgestaltige Religion und hat Anspruch auf eine differenzierte Beurteilung.

Zur Person

Hans-Georg Ziebertz, Jahrgang 1956, ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Die Abstimmung hat zweitens mit der Zivilgesellschaft zu tun. Seit den 1970er Jahren wird Religion (hier: die christliche) in zunehmendem Maß als individualisiert und privatisiert erfahren. Die globale Wahrnehmung des Islam hat dies maßgeblich verändert. Die Zivilgesellschaft glaubte an die Säkularisierung und wird davon überrascht, dass sich Religion als eine normative, kulturelle, politische und teils radikale Macht zeigt. Mit einer altruistisch und karitativ orientierten Religion hatte man sich eingerichtet, dass Religion auch andere Züge haben kann, war vergessen. Die Unsicherheit und Ohnmacht der Zivilgesellschaft im Umgang mit solcher Religion zeigt sich in der Reaktion des Verbots. Hat die Abstimmung auch mit der Schwäche des Christentums zu tun?

Zunächst: Ist das Christentum schwach? Wenn man sich klar macht, in wie vielen Feldern der Gesellschaft kirchliche Organisationen tätig sind und wie ausgeprägt die Kooperation zwischen Staat und Kirchen ist, wird man die Frage nicht ohne weiteres bejahen. Freilich: Die strukturelle Stärke der Kirchen darf nicht darüber hinweg täuschen, dass nur wenige der 65 Millionen Christen in Deutschland ihr Bekenntnis offensiv vertreten. Der Grad der religiösen Bindung von Muslimen ist wesentlich höher als von Christen. Ist also der Mangel an entschiedenem Christentum der Grund, dass sich die Zivilgesellschaft sorgt, vier Prozent Muslime in Deutschland könnten eine neue Werteordnung etablieren? Oder anders formuliert: Soll ein profilierteres Christentum Sicherheit gewährleisten, dass sich die abendländische Kultur dauerhaft behauptet?

Viele christliche Kirchen haben sich gegenüber den Muslimen solidarisch gezeigt und das Minarettverbot kritisiert. Sie haben sich nicht für diese Form der Auseinandersetzung mit dem Islam instrumentalisieren lassen, und das aus verständlichem Grund, denn morgen könnten sie selbst durch ein Gesetz eingeschränkt werden.

Die christlichen Kirchen in Europa arrangieren sich mit dem säkularen Staat, fordern ihre Mitglieder auf, demokratische Regeln einzuhalten, bekennen sich zum freiheitlichen Rechtsstaat und bejahen die pluralistische Gesellschaft. Aber sie bewahren einen Rest an Distanz, um der eigenen religiösen Identität willen. Gerade aus der säkularen Zivilgesellschaft käme Widerstand, würden sich die Kirchen anders verhalten.

Die durch die Wahrnehmung traditioneller Strömungen im Islam ausgelöste Frage nach den Grundlinien einer Werteordnung hat daher wenig mit dem Zustand des Christentums zu tun, sondern deutet auf ein Problem der Zivilgesellschaft hin. Diese muss eingestehen, dass nicht alles in der bunten Vielfalt für alle wünschenswert ist; sie muss lernen, mit weltanschaulich-religiösem Pluralismus umzugehen; und sie muss Strategien entwickeln, wie sie auf Gruppen in der Gesellschaft einwirken kann. Im Islam selbst ist diese Schwierigkeit bekannt, denn traditionelle und moderne Richtungen stoßen darin heftig aufeinander. Maßnahmen, die zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen, drücken daher die Hilflosigkeit der Gesellschaft aus. Zu beharrlichem Dialog gibt es keine gute Alternative.

Autor:  Hans-Georg Ziebertz
Datum:  7 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.