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Geschichte einer Suche: Das entführte Glück

Am Montag vor Gericht sind alle wieder da - außer Rosa und Luna. Tinnemann tobt. Pocht auf die Urteile, die er dabei hat, auf das Haager Übereinkommen, das auch Guatemala unterschrieben hat, er flucht, er fleht, er hat doch Recht, hier, da steht es, Schwarz auf Weiß. Die Richterin ist wenig beeindruckt. Die Behörden, immerhin, lassen noch am selben Tag das Haus umstellen, in dem die Kindesentführerin lebt. Es ist leer. Rosa ist weg. Und Luna auch. Wir kümmern uns, sagt die Richterin, bleiben Sie ruhig. Wir kümmern uns, sagen die Mitarbeiter der deutschen Botschaft, alles wird gut.

Peter Tinnemann ist dann noch einige Wochen in Guatemala geblieben. Er hat die Spuren seiner Tochter in Mittelamerika gesucht. Er hat sich umgeschaut an den Orten, an denen Mutter und das Kind lebten, das sie hier "Italianita" nannten. Er hat erfahren, was Rosa, die Kinderpsychologin, in all den Monaten den Leuten und ihrer Tochter erzählt hat: dass er drogensüchtig sei, dass er sie während der Schwangerschaft verlassen habe, dass er tot sei und vergessen. Er hat auch herausgefunden, was es mit der Frau an Rosas Seite, der obskuren Olga, auf sich hat: Sie gehört zur Familie Ayau, einer dieser reichen Clans Guatemalas, die kleine Privatarmeen beschäftigen und mit ihrem Geld das Land kontrollieren. Er ahnt, dass Rosa in einem ihrer Häuser Zuflucht fand. "Aber Familie Ayau war nicht anzufassen", sagt Tinnemann. Der ehemalige Geheimagent, den er auf einen Tipp hin als Privatdetektiv engagiert hatte, konnte ihm auch nicht helfen. Man fand den Mann Wochen später tot in einer Seitenstraße von Guatemala-City. Er wurde von Unbekannten erschossen.

Peter Tinnemann ist jetzt wieder in Berlin. Er hat noch einmal einen Antrag nach dem Haager Übereinkommen gestellt, Briefe geschrieben, Dokumente verschickt. Er steht in Kontakt mit allen möglichen Behörden, die ihm versichern, wie intensiv sie sich der Sache widmen. Fragt man dort nach, dann heißt es, der Fall sei kompliziert: ein deutscher Vater, eine italienische Mutter, ein britisches Urteil. Vieles hänge von Italiens Behörden ab. Und Guatemala, ganz schwierig, Monate habe es gedauert, um von dort überhaupt eine Antwort zu bekommen. Die Richter, heißt es darin, "haben sich noch nicht mit dem Fall vertraut gemacht". Aber immerhin: Das deutsche Mädchen wohne jetzt wieder in Antigua und gehe dort auch zur Schule.

Peter Tinnemann hat es zur Kenntnis genommen. Er ist sich nicht sicher, wem er noch vertrauen soll, auf wen er zählen kann, außer vielleicht auf Luna, die sieben Jahre alt wird im November. Luna sei stark, sagt der Vater ohne Kind. Sie sei wie er. Sie gebe so schnell nicht auf.

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Datum:  28 | 7 | 2008
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