A m 11. Februar 2008, morgens um sieben, setzt sich Peter Tinnemann in ein Flugzeug Richtung Guatemala, um seine Tochter zu retten. 36 Stunden später hockt er im Fond eines Kleintransporters und beobachtet durch abgedunkelte Fenster, wie ein blondes Mädchen von sechs Jahren den Kindergarten von La Antigua betritt. Für einen kurzen Moment überlegt Tinnemann, rauszustürzen, sich das Kind, sein Kind, zu schnappen und mit qualmenden Reifen zum Flughafen zu rasen. Heimzufliegen. Den Alptraum zu beenden. Er lässt es bleiben.
Fünf Monate später sitzt Tinnemann in einem Café in Berlin, rührt im Milchschaum, lächelt schief und sagt: "Obwohl man alles richtig macht, macht man doch alles falsch. Es ist verrückt."
Er hat gerade wieder einen Anruf von seiner Anwältin bekommen. Die Behörden in Guatemala, so die kurze Auskunft, sähen sich außer Stande, englische Dokumente zu entziffern. Jetzt müssen spanische Übersetzungen her. Das wird wieder dauern, ein paar Wochen, wenn es gut läuft. Wochen, in denen er nichts machen kann. Außer zu warten und zu hoffen. So wie er immer gehofft hat, seit dem April vor zweieinviertel Jahren, als seine Tochter Luna mit ihrer Mutter das Haus verließ und er ihnen hinterrief: "Schöne Ostern!"
Peter Tinnemann ist ein sportlicher Mann mit einem runden, kahlen Kopf und einer sonoren, einnehmenden Stimme. Der Kinderarzt ist trotz seiner erst 40 Jahre viel rumgekommen in der Welt, er war für Hilfsorganisationen in Somalia, Eritrea und Uganda, in Nigeria und in Darfur. Er hat viel Elend erlebt und viel geholfen. Er macht nicht den Eindruck, als könne er selbst Hilfe gebrauchen. Er zuckt mit den Schultern, wenn man ihn fragt, wie er so ruhig bleiben kann. Er sagt, er lasse sich seinen Optimismus nicht nehmen. Er sagt: "Irgendwann wird das Glück auf meiner Seite sein."
Tinnemann und das Glück: Sie gehen seit langem getrennte Wege. Im Grunde, seit er im Sommer 1999 seine spätere Frau Rosamaria B. kennen lernte. Das war in Sierra Leone, Westafrika, wo der Deutsche und die Italienerin seinerzeit gemeinsam halfen, den Schutt des Bürgerkrieges zu beseitigen. Rosa, sagt Tinnemann, das sei eine "sehr lebensfrohe, sehr italienische" Italienerin gewesen, die Wert gelegt habe auf die "klassischen Klischees": gutes Essen, gute Kleidung, gute Familie.
Eine Zeitlang lebt das Paar reibungslos mit diesen Klischees, erst in Italien, wo sie heiraten, dann in Holland, dann in Berlin. Dort wird im November 2001 auch die gemeinsame Tochter, Luna Celeste Maria, geboren. Tinnemann ist guter Dinge. Er hat genug vom Kofferleben, er möchte sich gerne mit seiner Familie an einem festen Ort niederlassen, von ihm aus auch Süditalien, der Heimat seiner Frau, "ich hätte dort den ganzen Tag Mozzarella machen können". Rosa aber ist ungeduldig, sie hasst den Berliner Winter, hält es jedoch auch in Italien nicht aus. Kurz geht sie weg, schnell kommt sie wieder, und als im Frühjahr 2003 ein Jobangebot aus London vorliegt, zieht die Kleinfamilie hastig auf die Insel. Die Mutter arbeitet, der Vater kümmert sich um Luna, das Glück aber schafft es nicht über den Kanal.
An Ostern 2004 ist Peter Tinnemann erneut in Westafrika. Er arbeitet jetzt wieder für ein Hilfsprojekt und sieht ein paar Tage vor Ort nach dem Rechten. Rosa und Luna sind für zwei Wochen bei den Großeltern in Italien. Man will sich danach wieder zu Hause in London treffen. Als Tinnemann zurück kommt, ist die Wohnung ausgeräumt, Frau und Kind sind verschwunden. Erst nach Tagen erhält er eine Nachricht seiner Frau: Sie lebe jetzt mit Luna in Italien, schönes Leben noch, ciao.
Der Deutsche nimmt sich einen Anwalt und reicht die Scheidung ein. Der Advokat rät ihm außerdem dazu, einen Antrag nach dem Haager Übereinkommen zu stellen. Das ist ein Regelwerk, das bei Kindesentführungen greift. Zumindest in der Theorie. Rosa aber bleibt stumm. Und Luna verschwunden. "Phänomenal", sagt Tinnemann. Er sagt immer "phänomenal", wenn ihm die Worte fehlen.
Erst durch Zufall erfährt er nach Wochen, dass Rosa immer noch ihrer Arbeit in London nachgeht, dass sie zwischen den Ländern pendelt und die zweijährige Luna wochentags bei den Großeltern in Italien zurücklässt. Tinnemann informiert die Behörden. Ein britisches Gericht lässt die Mutter daraufhin vorführen und zwingt sie zur Herausgabe ihrer Tochter. Auch den anschließenden zähen Sorgerechtsstreit verliert sie am Ende. Es ist Anfang 2005, als Peter Tinnemann denkt: "Jetzt ist alles in Ordnung." Er will nun glücklich werden mit sich und seiner Tochter.
Im April 2006 ist wieder Ostern. Luna ist in den Ferien bei ihrer Mutter in Italien. An deren Ende wird Peter Tinnemann sie am Flughafen Rom-Ciampino in Empfang nehmen. So ist es verabredet. Aber so passiert es nicht. Als Tinnemann am 20. April in Rom landet, empfängt er statt Luna ein karge SMS: Das Mädchen sei krank, könne nicht reisen. "Alles klar", denkt der Vater, "irgendetwas läuft hier megamäßig schief." Wieder telefoniert er, wieder dringt er nicht durch. Ihm wird schlecht. "Das war phänomenal."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.