Sie bezeichnen die Mitgliederentwicklung als zentrales Erfolgskriterium Ihrer Gewerkschaft. Wird die IG Metall damit eine unpolitische Organisation?
Im Gegenteil. Das ist der einzige Weg, um eine politische Organisation zu bleiben. Wenn wir immer kleiner werden, können wir in Betrieben und in der Tarifpolitik weniger durchsetzen und werden auf der politischen Ebene weniger ernst genommen. Irgendwann würden wir die Legitimation verlieren, für die Mehrheit der Beschäftigten zu sprechen. Das wollen wir verhindern. Wir wollen eine wachsende Gewerkschaft und stärker werden.
Warum machen Sie es nicht wie die französischen Gewerkschaften? Die haben nur wenige Mitglieder und wirken trotzdem ziemlich lebendig. In Frankreich sind nur neun Prozent der Beschäftigten organisiert, bei Ihnen sind es oft 30 oder 50 Prozent.
Uns nützen rhetorischer Maximalismus und spektakuläre Aktionen nichts, wenn sie sich mit minimalem politischen Einfluss verbinden. Die französischen Gewerkschaften in der Privatwirtschaft sind nicht einflussreich, in manchen Branchen sind sie regelrecht zerbröselt.
Haben Sie für Ihre Strategie Vorbilder?
Wenn man sich in anderen Ländern umschaut, stellt man fest: Was wir machen, machen fast alle Gewerkschaften, die an ihre Zukunft denken. Nämlich mehr in die Mitgliedergewinnung investieren. Viele sind in einer schlechteren Lage als wir: Sie müssen ihren bestehenden Service herunterfahren, damit sie Ressourcen für die Mitgliedergewinnung frei bekommen. In Australien hat eine Gewerkschaft die Individualbetreuung ihrer Mitglieder aufgegeben, die Leute können sich nur noch an Callcenter wenden. Solche Einschnitte stehen bei uns nicht zur Debatte. Wir müssen aber effizinter werden.
Sie setzen auf mehr Effizienz, Controlling und Erfolgsorientierung. Das sind Prinzipien aus der Unternehmensführung. Lassen die sich auf eine Gewerkschaft übertragen, in der politisch engagierte Menschen arbeiten?
Gewerkschaften sind keine Hobbygruppen, in denen jeder seiner persönlichen Neigung nachgehen kann. Wir haben einen klaren historischen Auftrag, und einen Auftrag unserer Mitglieder. Sie erwarten, dass ihre Beiträge höchst effektiv verwendet werden. Und sie wollen eine bestmögliche Interessenvertretung.
Wie haben sich den Ihre Mitgliedsbeiträge entwickelt?
Wir rechen damit, dass die Beiträge in diesem Jahr leicht sinken und im nächsten Jahr zirka fünf Prozent niedriger sind als 2008. Hauptgrund ist die Kurzarbeit. Die Mitgliederzahl ist im Jahresvergleich um 0,9 Prozent gesunken. Damit sind wird nicht zufrieden, wir wollen wachsen.
Ist der Umbau ein verkapptes Sparprogramm?
Nein. Durch die Organisationsreform soll kein Geld gespart werden, wir wollen Ressourcen anders verteilen, und zwar von oben nach unten.
Die IG Metall hat zurzeit 2500 Beschäftige. Sind es künftig weniger?
Das wird der Prozess zeigen, Personalabbau ist jedenfalls nicht unser Ziel.
Schließen Sie betriebsbedingte Kündigungen aus? Immerhin wollen Sie oben, in der Vorstandsverwaltung mit ihren 550 Beschäftigten, Doppelarbeiten vermeiden.
Für mich ist klar: Wenn Aufgaben wegfallen, werden wir den Beschäftigten eine ganze Bandbreite an Angeboten machen, beispielsweise andere Arbeiten oder Qualifizierungen. Ich bin mir sicher, dass diese Angebote so genutzt werden, dass wir betriebsbedingte Kündigunen ausschließen.
(Interview: Eva Roth)
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.